Beim ersten Mal war es ein redaktioneller Außeneinsatz. Beim zweiten Mal ein Rückfall. Beim dritten Mal bekommt man nun auf der Familienfeier einen festen Sitzplatz und wird gefragt, ob man nächstes Jahr den Kartoffelsalat mitbringt. So weit ist es also schon gekommen: Nach 'Bravo Hits Vol. 133' und 'Vol. 134' stehen wir schon wieder mit Kopfhörern vor dieser Tür. Diesmal machen allerdings 'The Rolling Stones' auf. Wir sind kurz irritiert. Haben wir uns im Stockwerk geirrt, oder braucht hier jemand Hilfe beim WLAN? Nein, die britischen Rockveteranen gehören tatsächlich zur Gästeliste auf dieser Party. Gemeinsam mit 'Ariana Grande', 'Olivia Rodrigo', 'Gracie Abrams', 'Ski Aggu' und allerlei weiteren musikalischen Verwandten, deren Namen man bei der Begrüßung vorsichtshalber undeutlich ausspricht. Die seit 1992 laufende Reihe hat am 9. Oktober 2026 über 'Sony Music' ihre 135. Ausgabe veröffentlicht: 46 Titel auf zwei CDs. Die Werbung verspricht „46 heiße Tracks auf 2 CDs“. Nach meinem Durchlauf möchte ich vor allem wissen, wer hier die Temperatur gemessen hat.

Dabei ist die Auswahl durchaus breit aufgestellt. Internationaler Pop trifft auf deutschsprachige Songs, Rap, R&B, Dance und einen prominenten Rockbesuch. Das klingt keineswegs alles identisch. Stimmen, Rhythmen und musikalische Gesten wechseln durchaus. Nur führt diese Vielfalt für mich selten zu einem Moment, den ich anschließend noch einmal erleben möchte. Auf dieser Familienfeier sind viele Leute anwesend. Mit wem ich gerade gesprochen habe, weiß ich zehn Minuten später allerdings schon nicht mehr. Der elektronische Teil liefert - wie bei den Vorgängern - zugängliche Beats, eingängige Melodien und reichlich Bewegung ohne größere Einstiegshürden. Daneben stehen große Gefühle, weich gezeichnete Sehnsucht und deutschsprachige Alltagsnähe. Mal wird getanzt, mal gelitten, mal beides gleichzeitig. Die Musik bietet immer wieder einen direkten Zugang, doch mir fehlen wieder einmal die Reibung, die eigensinnige Wendung und vor allem das dauerhafte Nachwirken. Kaum entsteht eine Stimmung, wird schon die nächste serviert. Man hat noch den Liebeskummer auf dem Teller, da räumt jemand die Stühle für den Dance-Block weg.

Besonders deutlich wird meine persönliche Distanz dort, wo die Zusammenstellung vom seichten Deutschpop in Richtung Schlager schunkelt. 'Sarro' steuert mit 'Wie Man Tanzt' für mein Empfinden die freundliche Hintergrundmusik bei, zu der auf unserer imaginären Feier zunächst niemand aufsteht. Bei 'Esther Graf' und 'Wofür Es Sich Zu Leben Lohnt' rückt die Stimmung dann bereits gefährlich nahe an jene Zone, in der jemand „Jetzt seid doch nicht so!“ ruft und eine Polonaise organisiert. Das mag andere abholen. Ich überprüfe vorsichtshalber, ob meine Jacke noch an der Garderobe hängt. Mit 'Ski Agggu' und 'Ericson' sowie 'Verschwommen' wird mein Wunsch nach einem frühen Aufbruch auch nicht kleiner. Dieser Teil der Auswahl erreicht mich schlicht nicht. Ich fühle mich dabei ungefähr wie der Gast, der einen Witz nicht verstanden hat, höflich mitlacht und anschließend erfährt, dass er selbst die Pointe war. Dass mir ein musikalischer Zugang fehlt, macht den Song selbstverständlich nicht automatisch schlecht. Es macht ihn für mich nur zu einem weiteren Gespräch, aus dem ich mich gerne unauffällig zurückziehen würde.

Bei 'Kauta' und 'Ich Hasse' bleibt wiederum eine andere Frage hängen: Wie viel emotionales Gewicht trägt hier eigentlich dieses große Wort? Hass ist schließlich keine kleine Befindlichkeit zwischen verpasstem Bus und leerem Handy-Akku. Für mich vermittelt der Song die Wucht, die ich mit diesem Begriff verbinde, nicht überzeugend. Der Titel stellt ein ziemlich großes Gefühl in den Raum. Mein Eindruck von der Musik fällt deutlich kleiner aus. Auf unserer Feier wäre das der Moment, in dem jemand dramatisch auf den Tisch schlägt – und anschließend erklärt, dass die Kräuterbutter fehlt. Natürlich wäre es bequem, daraus wieder eine pauschale Anklage gegen Popmusik zu basteln. Nur höre ich auch anderswo gerne eingängige Musik. Mein Problem ist hier die Bilanz: Trotz der vielen Namen, wechselnden Stile und sofort verständlichen Angebote ist nach dem kompletten Durchlauf so gut wie nichts hängen geblieben. Ich kann erkennen, was diese Sammlung anbieten möchte. Ich verspüre nur kaum das Bedürfnis, etwas davon zu behalten.

Für neugierige Medienkonverter-Leser wäre 'Mr Charm' von 'The Rolling Stones' eine naheliegende Anspielstation: Gitarren und ein tanzbezogener Groove bieten einen Kontrast zur übrigen Gästeliste; der Text greift zudem gesellschaftliche Themen auf. Ein Grund, diesen ungewöhnlichen Besuch näher anzusehen. Ein einzelner prominenter Gast verwandelt die ganze Veranstaltung allerdings noch nicht in meinen Lieblingsabend. Wer aktuelle Pop- und Dance-Musik gesammelt auf CD haben möchte, bekommt eine umfangreiche Auswahl. Für Fans der beteiligten Acts, unkomplizierte Partys oder den Überblick über einen Ausschnitt des Mainstreams erfüllt das Paket seinen Zweck. Wer hingegen wegen musikalischer Eigenheiten, dunkler Atmosphäre oder überraschender Entwicklungen bei Medienkonverter mitliest, findet hier vor allem einen Ausflug weit außerhalb des vertrauten Reviers.

Für mich endet dieser Ausflug mit 'Bravo Hits Vol. 135' nach dem ersten Durchgang. Drei Ausgaben habe ich als Feldstudie nun gerissen. Ob ich mir das nochmal antue, weiß ich aktuell noch nicht. Die beworbenen heißen Tracks haben bei mir überwiegend lauwarme Erinnerungen hinterlassen und selbst die sind inzwischen fast vollständig abgekühlt. Ich ziehe für heute meinen musikalischen Schlussstrich, nehme meine Jacke und verabschiede mich freundlich von der Familie. Den Kartoffelsalat für die 136 haben wir vorsorglich noch nicht zugesagt.