Huch! Manche Fehler macht man einmal, schämt sich kurz und lernt daraus. Und dann gibt es Fehler, denen man offenbar eine Fortsetzung schuldet. Wir haben es also tatsächlich schon wieder getan: Nach der qualvollen 'Bravo Hits Vol. 133' haben wir uns nun tatsächlich auch noch die 'Bravo Hits Vol. 134' vollständig angehört. Klar, wieder freiwillig – zumindest im juristischen Sinne. Dabei hatten wir gehofft, unser letzter Ausflug in die Welt der musikalischen Konserven möge ein einmaliger redaktioneller Betriebsunfall bleiben. Eine jener Entscheidungen, die man nachts um drei trifft und am nächsten Morgen nur noch anhand verstörender Suchverläufe rekonstruieren kann. Damals endete unser Review mit der Befürchtung, irgendein Algorithmus könne unsere Kritik bemerken und uns zur Strafe direkt 'Bravo Hits Vol. 134' hinterherschieben. Nun, der Algorithmus hat offenbar mitgelesen. Und vorsorglich gleich die automatische Verlängerung aktiviert.
Also saßen wir erneut da. Wieder zwei CDs. 48 Songs. Kein Überspringen, keine Flucht und weit und breit kein musikalischer Ersthelfer. Nur wir, die Kopfhörer und diese eine Frage: Warum tun wir uns das erneut an? Die Antwort ist erschreckend einfach: Weil man doch einfach gelegentlich überprüfen muss, was es neben 'richtiger Musik' die wir sonst so hören, noch so gibt. Andere Menschen erforschen eben Vulkane oder tauchen zu Schiffswracks. Wir hören eben 'Bravo Hits'. Jeder hat eben seinen eigenen Weg, die Grenzen menschlicher Belastbarkeit auszuloten.
Also, 'Bravo Hits Vol. 134' erschien schon am 7. August 2026 über 'Warner Music' und soll einen sommerlichen Querschnitt durch die aktuellen Charts liefern. Das stimmt sogar. Hier steht tatsächlich fast alles herum, was in den vergangenen Monaten durch Radio, Streamingdienste, soziale Netzwerke, Kaufhauslautsprecher und schlecht gedämmte Nachbarwohnungen gedrückt wurde. 'Calvin Harris', 'Shakira', 'Muse', 'Die Toten Hosen', 'Shania Twain', deutscher Rap und schließlich - oh weia - 'Helene Fischer' landen gemeinsam in einem Behälter. Das besitzt dann ungefähr so viel stilistische Geschlossenheit wie ein Einkaufswagen voller Tiefkühlpizza, Scheibenreiniger, Kondome, Katzenstreu und einer aufblasbaren Palme. Alles grundsätzlich erhältlich, aber bitte fragt nicht nach dem gemeinsamen Konzept. Es wirkt weniger kuratiert als angeliefert.
Das eigentliche Problem ist dabei nicht einmal, dass hier durchgehend handwerklich schlechte Musik versammelt wäre. Das wäre wenigstens interessant. Fehler können Charakter besitzen. Schiefe Töne, falsche Entscheidungen und grandios gescheiterte Ideen erzählen manchmal mehr als jede makellose Produktion. 'Bravo Hits Vol. 134' ist dagegen professionell, sauber und bis in die letzte Sekunde auf sofortige Verwertbarkeit gebügelt. Wie schon beim Vorgänger, kaum etwas stolpert, kaum etwas kratzt und kaum etwas wagt, dem Hörer länger als fünf Sekunden zu widersprechen. Und genau deshalb ist diese Konservenveröffentlichung für mich so unangenehm. Wer nach 'Bravo Hits Vol. 133' gehofft hatte, die nächste Ausgabe könne wenigstens eine neue Form der Langeweile erfinden, wird natürlich enttäuscht. Die Namen und Titel haben gewechselt, das Hörerlebnis ist nahezu dasselbe geblieben: wieder glatt, wieder risikolos und wieder so konsequent auf sofortige Wirkung getrimmt, dass am Ende kaum etwas nachwirkt. 'Vol. 133' rauschte an uns vorbei, 'Vol. 134' tut es ebenfalls. Musikalisch hat sich wenig bewegt. Die Langeweile trägt jetzt lediglich eine neue Katalognummer.
Die Musik möchte auch hier nicht entdeckt werden. Sie möchte erkannt werden – möglichst sofort. Die Hooks sitzen dort, wo Hooks heute offenbar sitzen müssen, die Refrains öffnen pünktlich ihre Arme und die Beats tragen Warnwesten, damit wirklich niemand ihren Einsatz verpasst. Gefühle werden nicht entwickelt, sondern portionsweise ausgegeben: etwas Sehnsucht, eine Prise Melancholie und anschließend Euphorie aus dem Druckspender. Alles sauber dosiert und garantiert ohne störende Nebenwirkungen wie Überraschung, Tiefe oder nachhaltige Erinnerung. Einzelne Titel könnten außerhalb dieser Compilation durchaus funktionieren. Manche Produktionen besitzen Druck, andere Atmosphäre und einige der beteiligten Künstler haben zweifellos eine erkennbare eigene Handschrift. Doch diese Zusammenstellung nimmt ihnen beinahe jeden Zusammenhang. Sie wirft alles in denselben Durchlauferhitzer und verarbeitet es zu einer endlosen Beschallungsfläche. Jeder Song ruft: „Hier bin ich!“ Der nächste ruft dasselbe, nur noch etwas lauter. Nach einer Weile klingt das Ganze wie eine überfüllte Fußgängerzone, in der 481 Menschen gleichzeitig versuchen, einem einen Mobilfunkvertrag zu verkaufen.
Besonders hübsch ist, dass ausgerechnet das bereits 2012 veröffentlichte 'Beauty And A Beat' von 'Justin Bieber' und 'Nicki Minaj' wieder als aktueller Hit auf der Compilation gelandet ist. Das ist tatsächlich kein Datenbankfehler wie ich recherchiert habe: Nach 'Justin Biebers' Auftritt beim 'Coachella Festival 2026' erlebte der Titel ein gewaltiges Streaming-Comeback und erreichte neue Chart-Höchststände. Selbst die musikalische Gegenwart besteht inzwischen offenbar aus Wiederverwertung. Warum mühsam neue Erinnerungen schaffen, wenn man eine alte aus dem Keller holen, abstauben und erneut durch den Algorithmus schieben kann? Früher nannte man so etwas Nostalgie. Heute heißt es vermutlich Content-Reaktivierung.
CD eins ist bereits eine Geduldsprüfung. CD zwei ist die schriftliche Bestätigung, dass der Antrag auf Erlösung abgelehnt wurde. Irgendwann löst sich das Zuhören vom Denken. Namen ziehen vorbei, Stimmen wechseln und Tempi verändern sich leicht, doch der innere Zustand bleibt derselbe: eine Mischung aus Erschöpfung, Gleichgültigkeit und der bangen Frage, ob man versehentlich bereits wieder auf CD eins gelandet ist. 'Bravo Hits Vol. 134' ist so vollgestopft mit vermeintlichen Höhepunkten, dass am Ende keiner mehr übrig bleibt. Alles ist laut, glänzend und sofort verständlich – und gerade deshalb wirkt nach einiger Zeit fast alles erschreckend egal. Man muss der Reihe allerdings eine gewisse Konsequenz lassen. Seit Jahrzehnten konserviert sie zuverlässig den jeweiligen Zustand des musikalischen Mainstreams. In zehn oder zwanzig Jahren könnte diese Doppel-CD tatsächlich interessant werden – allerdings weniger als Album denn als Zeitdokument. Dann lässt sich daran untersuchen, welche Sounds 2026 funktionierten, wie Streamingtrends längst vergessene Titel wieder zu aktuellen Hits machten und warum beinahe jede Emotion klang, als sei sie bereits für einen kurzen Videoausschnitt vorbereitet worden.
Bis dahin bleibt 'Bravo Hits Vol. 134' das musikalische Gegenstück zu einem fertig abgepackten Sandwich an der Tankstelle: sauber eingeschweißt, überall verfügbar, geschmacklich auf möglichst wenig Widerstand ausgelegt und wahrscheinlich ausreichend, wenn man gerade wirklich nichts anderes findet. Man wird davon nicht unmittelbar krank. Man erinnert sich später nur nicht mehr daran, es konsumiert zu haben. Geeignet ist diese Compilation für Menschen, die keine Musik auswählen möchten, sondern einfach irgendeine Musik benötigen: für Autofahrten, Gartenpartys, Hintergrundbeschallung und Bürofeiern, auf denen niemand das Risiko eingehen möchte, sich durch einen erkennbaren Musikgeschmack verdächtig zu machen. Wer aktuelle Chartmusik gesammelt auf zwei physischen CDs besitzen will, erhält exakt das versprochene Produkt – randvoll, professionell produziert und jederzeit anschlussfähig. Ungeeignet ist 'Bravo Hits Vol. 134' dagegen für alle, die von Musik Ecken, Risiken, Haltung oder wenigstens ein kleines Lebenszeichen erwarten. Für Menschen, die ein Album nicht als Behälter, sondern als künstlerische Einheit verstehen. Und ganz besonders für jene, die nach dem Hören noch wissen möchten, was sie eigentlich gehört haben.
Beim letzten Mal hatten wir kurz überlegt, 'Bravo Hits Vol. 133' in die Kategorie 'Non-Musik' einzuordnen. Aus Restrespekt haben wir es nicht getan. Nach 'Vol. 134' fühlt sich diese Zurückhaltung rückblickend fast schon unverantwortlich an. Wir waren also wieder so dumm. Wir haben es tatsächlich noch einmal getan. Zwei CDs, 48 Songs und mehrere gefühlte Lebensjahre später wissen wir nun immerhin, was für schlechte Musik es neben richtiger Musik gibt: nicht zwingend inkompetente oder katastrophale Musik. Das wäre zu einfach. Viel schlimmer ist Musik, die technisch beinahe alles richtig macht und dabei trotzdem erschreckend wenig zu sagen hat. 'Bravo Hits Vol. 134' ist keine musikalische Katastrophe. Katastrophen bleiben wenigstens in Erinnerung.