April? Das war doch gerade erst! Einmal kurz geblinzelt, die Übergangsjacke falsch einsortiert, und schon steht Ende Oktober vor der Tür. Im Supermarkt haben bewaffnete Lebkuchen die Sommergetränke vertrieben, der Jahresrückblick macht Dehnübungen, und wir wollten eigentlich längst über diesen Sampler geschrieben haben. Offenbar hat aber jemand am Kalender den Schnellvorlauf mit der Lautstärke verwechselt. Weio! Nun gut: Unsere Rezension kommt spät. Die Begeisterung kommt dafür mit ordentlich Anlauf. Und 'Forms Of Hands 25 Jubilee Edition' liefert reichlich Gründe, dem Herbst noch einmal mit voller Wucht die Frisur zu richten.
Für mich gehört diese Zusammenstellung zu den Releases, bei denen schon die Besetzung Vorfreude auslöst – und das Gesamtpaket diese Erwartung ausgesprochen überzeugend einlöst. Zum 25. 'Forms Of Hands' versammelt 'Hands' 16 Beiträge aus einem musikalischen Umfeld, das seit Jahrzehnten seine eigene Vorstellung von elektronischer Tanzmusik entwickelt. Das seit 2001 bestehende Festival bildet dafür den Treffpunkt; der Sampler bringt einen Querschnitt dieser Szene nach Hause. Und da darf der Couchtisch ruhig vorsorglich ein Stück zur Seite rücken.
Ein starkes Argument ist die Exklusivität: Die Beiträge sind laut Label dieser Compilation vorbehalten. Auch wer die Projekte längst verfolgt, bekommt damit einen echten Anreiz zum Entdecken. Bei 'Torture Gallery' steckt die Besonderheit im 'Killer (Memory Mix)', einer eigenen Version des auch auf ihrem zeitgleich erschienenen Album veröffentlichten Stücks. Solche exklusiven Zugaben machen aus einem ohnehin reizvollen Familienfoto eine Veröffentlichung mit zusätzlichem Sammlerwert. Vor allem überzeugt mich aber die stilistische Mischung. Rhythm ’n’ Noise und Power Noise liefern raue Oberflächen und körperliche Direktheit, Industrial Techno sorgt für druckvollen Vortrieb, Electro bringt kantige Konturen hinein. Atmosphärische Electronica und dunkle, ambientnahe Passagen geben dem Ganzen Tiefe. Das Spektrum ist hier sehr breit besitzt aber eine klare gemeinsame Sprache: Wiederholung erzeugt Sog, Verzerrung setzt Energie frei, Rhythmus wird zum körperlichen Erlebnis. Wer diese Musikrichtungen liebt, bekommt hier ein richtig geiles Gesamtpaket. Eines mit Ecken, Kanten und erstaunlich viel Bewegung dazwischen.
Wie gut diese Spannweite funktioniert, zeigen die unterschiedlichen musikalischen Handschriften. 'Phasenmensch' und 'Antoine Saint-Martin' stehen für melancholische, cinematische Räume, in denen elektronische Strukturen eine nachdenkliche Seite entwickeln. Dagegen bringen 'Mono No Aware' und 'Greyhound' jene kernige Rhythm-Noise-Körperlichkeit mit, bei der Percussion nach einer äußerst entschlossenen Betriebsversammlung im Stahlwerk klingen kann. Genau dieses Nebeneinander gefällt mir: Die atmosphärischen Farben geben der Härte Kontur, der Druck wiederum hält die Zusammenstellung in Bewegung.
Mit 'ICD-10' und '13th Monkey' kommt die technoide Schubkraft hinzu: verzerrte Rhythmen, hypnotischer Zug und Acid-Schärfe. 'Monolith' und 'Geistform' erweitern diesen Bereich um bassschwere Körperlichkeit und die Sogwirkung analoger Sequenzen. Hier liegt für mich einer der großen Reize des Samplers. Die Projekte haben erkennbare Eigenheiten, trotzdem greifen ihre musikalischen Ansätze ineinander. Man bekommt unterschiedliche Temperamente zu hören und bleibt innerhalb einer Klangwelt, deren Anziehungskraft sich aus genau diesen Abstufungen speist. 'Torture Gallery' setzen mit kaltem Industrial Electro und eindringlichen Vocals einen weiteren markanten Akzent. 'Ah Cama-Sotz' bringen die Verbindung aus nächtlicher Atmosphäre, ritueller Färbung und rhythmischer Präsenz mit. Damit besitzt die Compilation auch genug Dunkelheit und Charakter, um über den unmittelbaren Bewegungsreiz hinaus interessant zu bleiben. Für mich stimmt hier die Balance: Es gibt reichlich Druck nach vorn, zugleich aber genügend Eigenleben, um neugierig zu halten. Diese Mischung macht Spaß und lädt zum Wiederauflegen ein.
Natürlich verlangt ein solches Paket eine gewisse Lust auf Härte, Wiederholung und abrasive Klangflächen. Über die gesamte Spielzeit kann diese Intensität durchaus fordern. Für Fans der genannten Genres gehört das allerdings zum Vergnügen: Man darf sich hineinziehen lassen, an den Details hängen bleiben und zwischendurch einfach den Rhythmus übernehmen lassen. Die durchgehend positive Gesamtwirkung lebt dabei von einer Auswahl, die vertraute Qualitäten bündelt und verschiedene Zugänge zur gleichen Leidenschaft eröffnet.
Als Anspieltipp empfiehlt sich meiner Meinung nach recht gut 'Nullmaschine One' von 'Nullmaschine', weil eben hier schwerer Industrial-Groove, Verzerrung und Stimme hier einige der reizvollsten Schnittstellen des Samplers zusammenführen. Meine Empfehlung gilt aber ausdrücklich der ganzen Veröffentlichung. Digital oder auf CD: 'Forms Of Hands 25 Jubilee Edition' verdient einen festen Platz in der Sammlung. Die CD erscheint im handnummerierten, auf 1.000 Exemplare limitierten 'Hands Paper Pack' – ein schöner zusätzlicher Anreiz für Freunde physischer Veröffentlichungen. Bleibt der Kalender. Ja, seit April ist reichlich Zeit vergangen. Dieses Jubiläumspaket hat seine überfällige Würdigung trotzdem mehr als verdient: treibend, vielseitig und voller Energie. Also Lautstärke hoch und noch eine Runde.
Various Artists - Forms Of Hands 25 Jubilee Edition
Anhören & einordnen
Details zum Beitrag
- Artikeldatum
- Autor
- Elec
- Kategorien
- Electronic / Industrial / NoiseReviews
Kurz & knapp
Dein Eindruck