Various Artists - NOW That’s What I Call Music! 124

Various Artists - NOW That’s...

Manchmal frage ich junge Menschen, welche Musik sie eigentlich hören. Nicht, weil ich mich für besonders jugendlich halte oder demnächst mit umgedrehter Baseballkappe auf 'TikTok' erklären möchte, warum 'Depeche Mode' sämtliche traurigen Schlafzimmer-Playlists bereits erfunden hatten, als heutige Influencer noch nicht einmal als Werbekooperation geplant waren. Es interessiert mich wirklich. Also fragte ich meine Nichte. „Was hörst Du gerade so?“ „Spotify.“ „Ja, schon klar. Aber welche Bands? Welche Künstler?“ „Keine Ahnung.“ „Und welche Songs?“ „Weiß ich nicht. Spotify spielt halt.“ In diesem Moment hörte ich irgendwo tief in meinem Inneren das Geräusch einer sterbenden Musikkassette. Vermutlich hatte sie sich aus Verzweiflung selbst im Autoradio erdrosselt.

Für jemanden, der in den 1990er- und 2000er-Jahren jedem interessanten Titel hinterherlief wie ein Privatdetektiv mit zu wenig Sozialleben, ist eine solche Antwort ungefähr so beruhigend wie: „Was hast Du gestern gegessen?“ – „Lieferando.“ Wir wollten damals wissen, wer hinter einem Song steckte, auf welchem Album er erschienen war, ob es eine Maxi-CD mit drei Remixen gab und ob der Keyboarder 1997 ausgestiegen war, weil er sich musikalisch weiterentwickeln wollte oder einfach den Bassisten nicht mehr ertragen konnte. Wir lasen Booklets, durchforsteten Mailorder-Kataloge, kauften Musikmagazine und warteten mit einem 56k-Modem vierzig Minuten darauf, zwanzig Sekunden eines schlecht komprimierten Audioschnipsels zu hören. Und wenn der Song anschließend beschissen war, hatte man wenigstens etwas geleistet.

Heute übernimmt das ein Algorithmus. Er kennt den eigenen Musikgeschmack, die aktuelle Stimmung und vermutlich auch den Zeitpunkt, an dem man emotional schwach genug ist, sich eine Akustikversion mit Ukulele unterschieben zu lassen. Man muss nichts mehr suchen, nichts einordnen und sich im schlimmsten Fall nicht einmal mehr merken, wer da eigentlich gerade singt. Musik wird geliefert wie ein lauwarmer Burger: schnell verfügbar, leicht verdaulich und auf dem Foto deutlich charaktervoller als in Wirklichkeit. In diese schöne neue Welt fällt 'Now That’s What I Call Music! 124'. Die britische Hauptreihe existiert seit 1983 und bot ursprünglich eine einfache Möglichkeit, die größten Hits der jeweiligen Saison gebündelt nach Hause zu tragen. Ausgabe 124 erschien am 31. Juli 2026 und versammelt auf zwei CDs insgesamt 41 Titel: überwiegend neue britische und internationale Chart- und Radioerfolge, ergänzt um einige ältere Stücke, die 2026 wieder Aufmerksamkeit erhielten.

Eine Rezension dieses Samplers passt zu 'Medienkonverter' ungefähr so gut wie ein pinkfarbenes aufblasbares Einhorn in einen Trauerzug. Normalerweise beschäftigen wir uns hier mit Musik, bei der mindestens ein Bandmitglied aussieht, als hätte es seit 1994 keinen direkten Kontakt mehr zu Tageslicht gehabt. Nun liegen plötzlich 'Olivia Rodrigo', 'Bruno Mars', 'Ariana Grande', 'Sabrina Carpenter', 'Tate McRae' und 'Niall Horan' auf dem Tisch. Kein Nebel, keine verrostete Industriehalle, kein existentialistisches Flüstern über den Untergang der Menschheit. Stattdessen Hochglanzpop, Beziehungsprobleme und Produktionen, die derart sauber poliert wurden, dass man darin sein eigenes musikalisches Misstrauen spiegeln kann. Aber genau deshalb musste ich mir das anhören. Irgendjemand muss schließlich überprüfen, ob hinter dem Hochglanz noch Musik steckt oder nur ein Ringlicht mit Bassspur.

Also, 'Now That’s What I Call Music! 124' ist im Grunde eine von Menschen gepresste 'Spotify'-Playlist – ein Algorithmus auf Polycarbonat, der wenigstens nicht behauptet, meinen Charakter besser zu kennen als ich selbst. Die erste CD konzentriert sich weitgehend auf den aktuellen internationalen Popbetrieb: elektronische Rhythmen, Pop-R&B, Dance, kontrollierte Melancholie und Refrains, die möglichst beim ersten Durchlauf ins Ohr einziehen sollen. Kündigungsfrist ausgeschlossen, Persönlichkeitsprüfung offenbar ebenfalls. Diese Musik ist halt einfach enorm effizient. Viele Stücke verzichten auf längere Einleitungen, stellen die Stimme sofort in den Mittelpunkt und erreichen möglichst schnell ihre zentrale Hook. Programmierte Beats, satte Bässe, sauber geschichtete Gesangsspuren und kompakte Arrangements sorgen dafür, dass keine Sekunde ungenutzt bleibt. Selbst ruhigere Passagen sind selten wirklich still; im Hintergrund pulsiert, knistert oder schwebt immer etwas, damit die Aufmerksamkeit bloß nicht auf dumme Gedanken kommt – zum Beispiel auf die Frage, ob man diesen Song nicht bereits vor acht Minuten mit einer anderen Stimme gehört hat. Auch die Dynamik folgt einem bestens bekannten Bauplan: zurückgenommene Strophe, kurze Steigerung, großer Refrain – anschließend dasselbe noch einmal, nur mit zusätzlicher Gesangsspur und emotionalem Warnblinklicht. Im letzten Drittel kommt eventuell noch ein kurzer Moment vermeintlicher Verletzlichkeit, bevor der Refrain ein letztes Mal aufgeblasen wird, als müsse er dringend beweisen, dass unter der glatten Oberfläche doch noch ein Puls vorhanden ist. Das funktioniert handwerklich. Natürlich funktioniert es. Ein Fertiggericht funktioniert schließlich auch: Deckel einstechen, drei Minuten erhitzen, fertig ist das Gefühl. Nur würde niemand behaupten, die Plastikschale habe eine unverwechselbare kulinarische Handschrift entwickelt.

Genau darin liegt das Kernproblem der ersten CD: Vieles klingt nicht wie Musik die aus einem konkreten Bedürfnis, einer eigenen Idee oder einer persönlichen Handschrift entstanden ist. Es klingt wie Musik, die eine Marktforschungsabteilung nach eingehender Prüfung aller relevanten Zielgruppen für unbedenklich erklärt hat. Die Stimmen wechseln, die Tempi schwanken geringfügig, und die Stimmungen reichen von verliebt über selbstbewusst bis emotional leicht demoliert. Unter der Oberfläche bleibt jedoch häufig derselbe musikalische Pressspan: ordentlich zugeschnitten, pflegeleicht und in jedem beliebigen Wohnzimmer aufstellbar. Die Produktion ist natürlich makellos – und genau das wird irgendwann zum Problem. Es gibt kaum dreckige, schmutzige Kanten, merkwürdige Entscheidungen, ungewöhnliche Geräusche oder Momente, in denen ein Song tatsächlich aus der Reihe fällt. Alles sitzt dort, wo es sitzen soll. Jeder Beat hat einen Arbeitsvertrag, jede Gesangsspur eine Sicherheitsunterweisung und jeder Refrain kennt den kürzesten Weg in eine redaktionelle Playlist. Spontaneität wurde offenbar aus Versicherungsgründen nicht zugelassen.

Natürlich besitzen Sängerinnen wie 'Olivia Rodrigo' und 'Ariana Grande' starke Stimmen, und selbstverständlich weiß 'Bruno Mars', wie ein Popsong aufgebaut werden muss. Doch selbst individuelles Talent wird auf diesem Sampler häufig durch eine Produktionsästhetik geschoben, die alles auf denselben geschmeidigen Grundzustand reduziert. Es ist ein wenig wie bei einer internationalen Hotelkette: Man weiß, dass unterschiedliche Menschen die Zimmer eingerichtet haben könnten, aber am Ende steht überall derselbe beigefarbene Sessel neben derselben geschmacklosen Lampe. Was hier als Gefühl verkauft wird, wirkt zudem oft exakt dosiert. Die Verletzlichkeit darf niemals so tief reichen, dass sie unangenehm wird. Die Trauer soll berühren, aber bitte nicht den Getränkeverkauf beeinträchtigen. Die Wut bleibt tanzbar, das Begehren sendefähig und die Rebellion endet zuverlässig vor der nächsten Werbeunterbrechung. Selbst der Herzschmerz trägt frisch gebügelte Kleidung und hat vorher einen Medientermin vereinbart. Nach mehreren Titeln stellt sich deshalb mei mir nicht wirklich ein echtes Entdecken ein, sondern ein zunehmender akustischer Einheitsglanz. Man fragt sich, ob man gerade zwölf verschiedene Künstler gehört hat oder ob eine internationale Popfabrik mehrere Stimmen über dasselbe emotionale Benutzerhandbuch verteilt hat. Die Namen auf dem Display wechseln, doch musikalisch bleibt vieles so austauschbar wie die Warteschleifen verschiedener Mobilfunkanbieter. Einzelne Refrains bleiben kurzzeitig hängen, allerdings eher auf die Art eines Werbeslogans als auf die eines Liedes, das etwas in einem auslöst. Sie sind sofort da, wiederholen ihre Kernbotschaft und verschwinden wenig später aus dem Gedächtnis, um Platz für den nächsten Refrain zu machen. Das ist Ohrwurmproduktion im industriellen Maßstab: musikalische Hühnernuggets à la Tricatel, mundgerecht geformt, intensiv gewürzt und mit möglichst wenig erkennbarem Ursprungsmaterial.

Nach zwanzig Titeln macht sich bei mir dann auch entsprechend eine gewisse Ermüdung bemerkbar. Der Sampler besitzt Tempo, aber keinen wirklichen Spannungsbogen. Die Musik lebt noch gerade so, doch das Interesse zeigt bereits erste klinische Ausfallerscheinungen. Irgendwann möchte man einen Arzt rufen, entscheidet sich dann aber dagegen, weil der vermutlich ebenfalls eine kuratierte Playlist mitbringen würde. Mit der zweiten CD wird die Zusammenstellung stilistisch etwas unruhiger. Hier treffen jüngere Popstimmen auf 'Justin Bieber', 'Nicki Minaj', 'Duran Duran', 'Nile Rodgers', 'The Chemical Brothers', 'Take That', 'The Script', 'Westlife', 'Jessie Ware', mehrere Pop-Country-Vertreter und schließlich 'The Rolling Stones' sowie 'Paul McCartney'. Oha! Das wirkt wie eine Familienfeier, bei der niemand die Sitzordnung überprüft hat. Am Kindertisch dreht jemand ein Tanzvideo für die sozialen Netzwerke, daneben erzählt ein Onkel zum vierzehnten Mal von seinem ersten Stadionkonzert, und ganz hinten sitzt 'Paul McCartney' und könnte vermutlich allein durch seine Anwesenheit die Musikanlage erben. 'The Rolling Stones' wurden offenbar eingeladen, damit im Falle eines plötzlichen Todes wenigstens jemand Erfahrung mit Nachrufen besitzt. Klanglich entsteht nun tatsächlich mehr Abwechslung. Elektronischer Dance-Pop steht neben stärker gitarren- oder funkgeprägten Produktionen, Boyband-Nostalgie trifft auf moderne Radiomelancholie, und Pop-Country bringt so viel sorgfältig inszenierte Bodenständigkeit mit, dass man förmlich hört, wie irgendwo eine fabrikneue Jeans über einen Barhocker gehängt wird. Natürlich neben einem Pickup, der noch nie Schlamm gesehen hat. Die Übergänge wirken für mich dabei selten elegant. Die zweite CD stolpert durch Jahrzehnte und Stile, steht zwischendurch wieder auf, richtet die Frisur und behauptet, alles sei genau so geplant gewesen. Das besitzt immerhin mehr Unterhaltungswert als die gleichförmige erste Hälfte, ergibt aber noch lange keinen sinnvollen Spannungsbogen. Abwechslung allein ist schließlich noch kein Konzept. Auch ein Mülleimer kann sehr abwechslungsreich sein, wenn man lange genug nichts trennt.

Besonders bezeichnend sind die älteren Stücke 'Beauty And A Beat' von 'Justin Bieber' und 'Nicki Minaj' aus dem Jahr 2012 sowie 'Go' von 'The Chemical Brothers' aus dem Jahr 2015. Beide erhielten 2026 neue Aufmerksamkeit und stehen nun selbstverständlich zwischen aktuellen Veröffentlichungen. Vergangenheit und Gegenwart werden nicht mehr chronologisch oder musikalisch eingeordnet, sondern danach, was gerade erneut genügend Klicks verspricht. Der Algorithmus erzählt keine Musikgeschichte. Er plündert sie nach Verwertbarkeit. Ein Festivalauftritt, eine Serie, ein Film oder ein viraler Ausschnitt genügt, und ein älterer Song wird wieder aus dem Keller geholt, abgestaubt und neben die aktuelle Ware gestellt. Nicht weil jemand seinen historischen Zusammenhang neu beleuchten möchte, sondern weil die Leiche noch einmal überraschend gute Streamingzahlen liefert. Damit erzählt 'Now That’s What I Call Music! 124' unbeabsichtigt tatsächlich etwas über den Musikkonsum des Jahres 2026. Popkultur verläuft nicht mehr geradlinig. Neue Veröffentlichungen, jahrzehntealte Karrieren und wiederbelebte Katalogtitel treiben gleichzeitig im selben endlosen Strom. Für jüngere Hörer kann ein Stück aus dem Jahr 2012 genauso neu sein wie eine Single vom vergangenen Freitag – was grundsätzlich spannend wäre, wenn die Musik nicht derart häufig auf ihren kurzfristigen Nutzwert reduziert würde. Für meine Generation ist das irritierend. Wir haben Musik zeitlich eingeordnet, Alben gesammelt und Diskografien wie Stammbäume studiert. Heute sind 'The Chemical Brothers', 'Ariana Grande' und 'The Rolling Stones' drei unmittelbar aufeinanderfolgende Möglichkeiten, den Abwasch zu begleiten. Hauptsache, nichts stört beim Entkalken der Kaffeemaschine.

Ich habe diese 41 Titel ohne bleibende körperliche Schäden überstanden - immerhin. Es kam weder zu spontaner Hautablösung noch musste anschließend ein Priester gerufen werden, der den Algorithmus aus meiner Stereoanlage treibt. Ein längeres 'Front 242'-Ritual zur Wiederherstellung meiner musikalischen Würde erschien dennoch angemessen. Denn nein: Dieser Sampler ist nicht einfach nur „nicht mein Geschmack“. Das wäre eine bequeme Ausrede. Ein erheblicher Teil dieser Zusammenstellung ist tatsächlich erschreckend charakterarm. Vieles wurde mit enormem technischen Aufwand produziert, besitzt aber ungefähr so viel Seele wie die Begrüßungsstimme eines Bankautomaten. Die Musik ist nicht misslungen. Dafür wurde sie viel zu sorgfältig berechnet. Sie ist schlimmer: Sie ist vollkommen funktionstüchtig und dabei weitgehend bedeutungslos. 'Now That’s What I Call Music! 124' möchte niemanden überfordern, niemanden verstören und möglichst niemanden verlieren. Deshalb wagt der Sampler nur selten etwas, das eine erkennbare Haltung oder einen individuellen Charakter voraussetzen würde. Er lächelt freundlich, erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden und reicht mir anschließend einen personalisierten Rabattcode. Würde diese Doppel-CD Händedruck geben, wäre er angenehm temperiert, hygienisch einwandfrei und fünf Sekunden später vollständig vergessen.

Für Anhänger aktueller Charts, längere Familienfahrten, Sommerpartys und Menschen, die beim Musikhören möglichst keine überraschenden Nebenwirkungen wünschen, erfüllt die Doppel-CD bestimmt auch ihren Zweck. Sie bietet 41 professionell produzierte Titel von denen viele sofort funktionieren – und erstaunlich wenige eine Stunde später noch eine eigene Identität besitzen. Als Überblick über den britisch geprägten Mainstream des Jahres 2026 mag das taugen. Als musikalisches Erlebnis ist es über weite Strecken austauschbare 08/15-Ware mit Hochglanzlackierung. Wer Musik als angenehme Hintergrundbegleitung betrachtet, bekommt hier reichlich Material. Wer dagegen nach Charakter, Reibung, Risiko, dunklen Abgründen oder wenigstens einer schiefen Idee sucht, dürfte sich fühlen wie ein Grufti, der versehentlich eine Kindergeburtstagsfeier moderieren muss und nach zwei Stunden erkennt, dass der Clown die interessanteste Person im Raum ist.

Am Ende fragte ich meine Nichte, welcher aktuelle Song ihr denn derzeit besonders gut gefalle. „Der eine, den Spotify immer spielt.“ „Wie heißt der?“ „Keine Ahnung.“ Ich schickte ihr ein Foto der Rückseite von 'Now That’s What I Call Music! 124'. Ihre Antwort kam wenige Sekunden später: „Warum hast Du eine Playlist ausgedruckt?“ Vielleicht liegt darin das treffendste Urteil über diesen Sampler. Er gibt dem endlosen Strom zwar eine Nummer und zwei silberne Scheiben, aber kaum einen überzeugenden Grund, sich die Namen der einzelnen Titel zu merken. Ich werde meiner Nichte die Doppel-CD trotzdem schenken – als Beweis dafür, dass Playlists früher rund waren, silbern glänzten und wenigstens noch genug Charakter besaßen, um im falschen Abspielgerät stecken zu bleiben. Danach erkläre ich ihr, was ein CD-Player ist, ziehe mich mit 'Front 242' zurück und erteile sämtlichen Algorithmen für den Rest des Tages Hausverbot.

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