Heute ist wieder Freitag. Die Woche hat genug Termine, Schlagzeilen und Dinge produziert, die angeblich schon vorgestern hätten erledigt sein sollen. Zum Wochenende nehmen wir uns deshalb etwas mehr Zeit und schwenken den Blick mal wieer in die Vergangenheit. Die redaktionelle Zeitmaschine ist sozusagen frisch entstaubt, der Kaffee steht schon bereit und solange niemand nach dem TÜV fragt, kann es losgehen. Unser Ziel diesesmal: Das Jahr 1982. Das Schöne an dieser Reise: Die Platten aus der Zeit haben die vergangenen Jahrzehnte bereits überstanden. Ob sie auch heute noch begeistern oder hauptsächlich von unseren verklärten Erinnerungen leben, finden wir das jetzt also mal heraus. Die Zeitmaschine hat schließlich keinen Nostalgiebonus eingebaut. Heute holen wir aber erst einmal 'Twice A Man' und ihr Debüt 'Music For Girls' aus dem Archiv.
Die Schweden haben nämlich das zweifelhafte Glück, mit 'Decay' einen der Clubklassiker im Gepäck zu haben, der vor ihrem restlichen Werk steht wie ein besonders breit gebauter Türsteher: Schön, dass ihr alle da seid, aber heute kommt wieder nur der eine rein. Ein hervorragender Grund, die Band zu kennen – und ein ziemlich schlechter Grund, es dabei zu belassen. Schließlich hat 'Music For Girls' mehr zu bieten als das musikalische Pflichtprogramm einer schwarzen Tanzfläche. Die Vorgeschichte der Göteborger führt durch die schwedische Psychedelik und zum Projekt 'Cosmic Overdose'. 1981 wurde daraus 'Twice A Man': Für Auftritte im Vorprogramm von 'New Order' klang der alte Name den Veranstaltern offenbar zu sehr nach Progressive Rock. Ein bemerkenswerter Fall musikalischer Berufsberatung. Neben 'Dan Söderqvist' und 'Karl Gasleben' wirkte am Debüt auch 'Lars Falk' als Komponist, Texter und Musiker mit. Veröffentlicht über 'Silence Records', brachte 'Music For Girls' zehn Stücke in rund 36 Minuten unter. Experimentelle Herkunft, kompaktere Songs: Die Band hatte ihre Ausdrucksform verändert, ihre Neugier aber behalten.
Entsprechend greift es zu kurz, die Platte ausschließlich als dunklen Synthpop einzuordnen. Ihre melodische Zugänglichkeit ist ein wesentlicher Teil des Reizes. Die Songs besitzen meist klare rhythmische Konturen und eingängige Figuren, öffnen sich zugleich aber für schwebende Klänge und ungewöhnliche Einfälle. New Wave, Synthpop und eine kühle, melancholische Elektronik treffen aufeinander, ohne dass daraus ein gleichförmiger Stimmungsteppich wird. Bereits ein zeitgenössisches Porträt von 1983 verglich die Eingängigkeit von 'Battle' mit der von 'The Human League'. Man darf hier durchaus die Hüften bewegen. Ein vorheriger Antrag auf angemessene Schwermut ist nicht erforderlich.
Der herbe Gesang verleiht den elektronischen Strukturen einen verletzlichen, menschlichen Ausdruck. Wiederkehrende Muster erzeugen Bewegung, während die Synthesizerflächen Raum und Distanz schaffen. Für mich ist gerade dieses Nebeneinander sehr überzeugend: Die Musik lädt zum Mitgehen ein und lässt trotzdem etwas Fremdes zurück. Ihre Atmosphäre entsteht aus dem Zusammenspiel von Melodie, Rhythmus und klanglicher Irritation. Das macht 'Music For Girls' interessanter als eine Platte, die ausschließlich düster sein möchte und dafür vorsichtshalber jede Lampe herausschraubt. Wie eigenwillig dieser Pop sein kann, zeigt die Verbindung von Eingängigkeit und Absurdität. Im damaligen Porträt beschrieb 'Per Wirtén' etwa die Schussgeräusche und das Wechselspiel von Bedrohlichkeit, Humor und romantischer Faszination in 'Russian Tractors'. Das ist eine konkrete Spur jener Experimentierlust, die unter den kompakteren Songformen weiterlebt. Passend dazu betonten die Musiker, dass faszinierende Synthesizerklänge allein nicht genügten: Rhythmus, Harmonie und Melodie gehörten ebenso dazu. Eine Haltung, die man gelegentlich als freundlichen Hinweis neben besonders ehrgeizige Effektgeräte legen möchte.
Als Anspieltipp bleibt 'Decay' natürlich die erste Adresse. Seine kühle Atmosphäre und die unmittelbare rhythmische Wirkung machen nachvollziehbar, warum dieses Stück zum Clubklassiker wurde. Für die zugänglichere Popseite bietet sich zusätzlich 'Battle' an. Die beiden vermitteln unterschiedliche Zugänge zum Album, ohne dessen Möglichkeiten vollständig abzudecken. Genau deshalb lohnt es sich, anschließend die ganze Platte laufen zu lassen. Wer überall eine weitere Ausgabe von 'Decay' erwartet, wird ihrer Bandbreite kaum gerecht. Eine uneingeschränkte Empfehlung für sämtliche Synthpop-Hörer ist das dennoch nicht. Die spröde Klangästhetik und die Übergänge zwischen direkter Eingängigkeit und schwebender Offenheit verlangen Bereitschaft, sich auf beides einzulassen. Wer vor allem glatte Oberflächen und durchgehend eindeutige Popreize sucht, dürfte mit den eigensinnigeren Momenten vermutlich weniger anfangen können. Für mich überwiegt aber der Gewinn dieser Reibung. Die Platte muss nicht in jeder Minute dieselbe Wirkung entfalten, um als Album zu überzeugen. Und ihre hörbare Herkunft aus den frühen Achtzigern gehört zum Charakter – daraus muss man kein pauschales Versprechen ewiger Modernität machen.
'Music For Girls' lohnt den Rückblick aber auf alle Fälle, weil es eine Band im Übergang zeigt: erfahren genug für prägnante Songs, neugierig genug, deren Grenzen auszutesten. Für Freunde früher Elektronik, melancholischen Synthpops und Cold Wave ist das ein charakterstarker Szeneklassiker, dessen Popqualitäten neben seinem prägenden Clubhit leicht unterschätzt werden. Mein Urteil: Gerade die Verbindung von Zugänglichkeit und Eigensinn macht dieses Debüt wiederentdeckenswert.
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