Im Jahr 1994 konnte man sich die Zukunft noch als glänzende Computerwelt vorstellen, in der die Menschheit friedlich zusammenlebt und ausgesprochen viel Zeit zum Tanzen hat. 'Snap!' lieferten den passenden Soundtrack. Das Frankfurter Produzentenduo 'Michael Münzing' und 'Luca Anzilotti' hatte mit 'The Power' und 'Rhythm Is A Dancer' bereits bewiesen, wie man elektronische Musik weltweit in die Köpfe bekommt. Mit 'Welcome To Tomorrow' zog es die beiden in andere Klangwelten. Wer die nächste Ladung musikalischer Kraftansagen erwartete, stand plötzlich zwischen schwebenden Synthesizern. Die Discothek hatte ein Panoramafenster ins All bekommen.
Das am 30. September 1994 erschienene dritte Studioalbum führte den bereits zuvor begonnenen Wandel zu einem stärker melodischen, von Trance geprägten Sound weiter. Die markanten Rap-Parts von 'Turbo B.' gehörten hier der Vergangenheit an; als wichtige Stimme trat 'Summer', bürgerlich 'Paula Brown', hinzu. Über zehn Stücke und rund 46 Minuten bewegten sich 'Snap!' zwischen Dance-Pop, Trance und Ambient-Einflüssen. Das Publikum ging zumindest teilweise mit: In Deutschland und der Schweiz erreichte das Album jeweils Platz zehn. Ein kompletter Absturz sieht anders aus. Trotzdem steht diese Phase des Projekts bis heute im Schatten der großen frühen Hits – dabei gibt es hier einiges zu entdecken.
Die Neuorientierung hatte einen interessanten Hintergrund. In einem Interview mit 'The Mix' erklärte 'Luca Anzilotti', der Verzicht auf Rap habe das Album musikalischer ausfallen lassen; die Dance-Beats blieben dabei erhalten. Zur Frankfurter Clubkultur bestand ohnehin eine enge Verbindung: 'Michael Münzing' war Mitinhaber des Frankfurter Clubs 'Omen', einer zentralen Wirkungsstätte von 'Sven Väth'. Gleichzeitig beschäftigte sich das Duo intensiv mit Computeranimation und Multimedia. Die Titelsingle erhielt ein aufwendiges 3D-Video. Die Zukunft war also ein ernsthaftes kreatives Interesse – auch wenn sie optisch gelegentlich aussah wie der teuerste Bildschirmschoner der Welt.
Auffällig ist zunächst die saubere, stellenweise beinahe klinische Produktion. Die früheren raueren, bassbetonten Gesten treten zurück, während helle Synthesizerfiguren und breite Flächen das Klangbild bestimmen. Die Rhythmen geben einen verlässlichen Puls vor; darüber entwickeln wiederkehrende elektronische Motive ihre hypnotische Wirkung. Die Spannung entsteht häufig aus dem Zusammenspiel dieser Figuren mit den Gesangsmelodien. 'Summer' bringt eine weichere, melodische Präsenz hinein, die gut zur freundlichen Grundstimmung passt. Zugleich variiert das Album Tempo und Gewichtung: Tanzbare Passagen wechseln mit ruhigeren Momenten, direkte Popstrukturen mit instrumentalen Stimmungsbildern. So bleibt die Musik zugänglich, während sie sich mehr Zeit für Atmosphäre nimmt, als man es von den bekanntesten 'Snap!'-Hits gewohnt ist.
Für mich liegt darin zugleich die Stärke und die Grenze des Albums. Die Verbindung von elektronischer Bewegung und gefühlvollen Melodien kann wunderbar tragen. Wo die Arrangements allerdings zu glatt bleiben und ihre Stimmung kaum weiterentwickeln, lässt die Spannung nach. Auch die Botschaften von Zusammengehörigkeit und einer besseren Zukunft geraten gelegentlich etwas süßlich. Man möchte der allgemeinen Harmonie kurz einen schlecht gelaunten Gast vorbeischicken. Die weichere Ausrichtung wurde schon damals unterschiedlich bewertet, und ich kann beide Seiten verstehen: 'Welcome To Tomorrow' gewinnt an Atmosphäre, verliert stellenweise aber den Biss, der die frühen Veröffentlichungen so unverwechselbar machte.
Und dann ist da 'Rame (Beloved)'. Dieser Song hat mich damals begeistert und ist für mich das persönliche Herzstück des Albums. Die indische Sängerin 'Rukmani', bürgerlich 'Neela Ravindra', verleiht ihm seine besondere Stimme. Obwohl das Stück bereits zum Album von 1994 gehörte, erschien es erst 1996 als Single. Die damals gezogenen Vergleiche mit 'Enigma' und 'Deep Forest' passen zu dieser Verbindung von elektronischem Rhythmus und einem Gesang, der eine eigene, entrückte Atmosphäre entstehen lässt. Bei 'Rame' greifen die Elemente für mich besonders überzeugend ineinander: Die wiederkehrenden Synthesizerfiguren geben Halt, die Flächen schaffen Raum, und die Stimme zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Gerade dieses Verhältnis zwischen dem gleichmäßigen elektronischen Unterbau und dem ausdrucksstarken Gesang macht den Reiz aus. Das Stück besitzt eine unmittelbare melodische Anziehungskraft und lässt dennoch genug Geheimnis übrig, um neugierig zu halten. Hier bekommt die weichere Ausrichtung eine emotionale Tiefe, die mir an anderen Stellen fehlt. Deshalb ist 'Rame' mein klarer Anspieltipp: In diesem Song wird besonders verständlich, was 'Snap!' mit ihrer damaligen Öffnung gewinnen konnten. Meine Begeisterung dafür gehört zu den Erinnerungen an diese Platte, die auch ohne nostalgische Verklärung Bestand haben.
Natürlich tragen manche Sounds inzwischen deutlich den Stempel der Neunziger. Doch gerade für Menschen, die 'Snap!' vor allem mit ihren Partyklassikern verbinden, lohnt sich diese andere Perspektive. Wer melodischen Trance, atmosphärischen Dance-Pop und ruhigere elektronische Klangwelten mag, findet hier ein sympathisch ambitioniertes Album, das nicht durchgehend gleich stark ist. Für mich überwiegt der Reiz dieses Aufbruchs. Die Zukunft von damals ist längst Vergangenheit; 'Rame' bleibt ein guter Grund, noch einmal dorthin zurückzukehren.
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