Dirk Serries - Infinite And Unbound

Dirk Serries - Infinite And...

Mit 'Dirk Serries' spricht man über einen Künstler, der sich seit über vier Jahrzehnten konsequent jeder klaren Schublade entzieht – und genau das macht ihn so faszinierend. Angefangen hat alles in den frühen 1980ern unter dem Namen 'Vidna Obmana' in der belgischen DIY-Industrial-Szene, irgendwo zwischen Tape-Underground, Klangexperiment und kontrolliertem Chaos. Was folgte, ist – und das meine ich ganz ehrlich – eine Entwicklung, die man so wohl nur selten sieht: vom harschen Industrial hin zu immer feineren, atmosphärischen Klangwelten, die schließlich im Ambient- und Drone-Bereich ihre ganz eigene Handschrift gefunden haben. Mit Projekten wie 'Fear Falls Burning' hat er den Gitarrendrone geprägt, parallel dazu mit 'Microphonics' und späteren Arbeiten den Weg Richtung Improvisation und Avantgarde eingeschlagen. Und genau dieses gewachsene Selbstverständnis hört man 'Infinite And Unbound' in jeder Sekunde an. Das ist kein Album eines „Ambient-Produzenten“ – das ist das Werk eines Klangarchitekten, der genau weiß, wann ein Ton zu viel ist.

Veröffentlicht schon am 6. Januar 2026 als digitales Release über 'Projekt Records' wirkt 'Infinite And Unbound' dabei fast schon unverschämt reduziert. Und genau da musste ich beim ersten Hören schmunzeln: Während andere sich mit Plugins, Layern und Produktions-Overkill zupflastern, greift 'Dirk Serries' zur E-Gitarre, jagt sie durch Effekte – und baut dir damit einen Raum, in dem du dich erstmal selbst suchen darfst. Und jetzt kommt der Punkt, der mich wirklich erwischt hat: Hätte ich den Pressetext nicht gelesen, wäre ich im Leben nicht darauf gekommen, dass hier überhaupt eine Gitarre im Spiel ist. Wirklich nicht. Für mich klang das beim ersten Durchlauf eher wie ein irgendwo zwischen Synthesizer, Nebelmaschine und Paralleluniversum angesiedeltes Klanggebilde. Und genau da saß ich dann und dachte mir: „Moment mal… das soll eine Gitarre sein?“ – und gleichzeitig: „Wie zur Hölle macht man sowas?“ Und ja – das geht. Und zwar erschreckend gut. Durch Reverb, Delay, Loops und fein kontrolliertes Feedback wird die Gitarre hier so weit zerlegt und neu zusammengesetzt, dass sie ihre ursprüngliche Identität fast komplett verliert. Übrig bleiben schwebende, flächige Texturen, die eher an Licht, Raum oder Bewegung erinnern als an ein klassisches Instrument. Genau das ist der Moment, in dem ich beim Hören innerlich grinse – weil ich merke, wie sehr hier mit Erwartungshaltungen gespielt wird, ohne dass es jemals wie ein Trick wirkt.

Im Hauptteil passiert dann etwas, das ich so liebe – und gleichzeitig viel zu selten bekomme: Ich werde langsamer. Richtig langsam. So langsam, dass ich irgendwann dachte: „Moment… hab ich eigentlich noch Termine heute?“ Diese fünf Stücke sind durchgehend unfassbar spacig, schwebend und gleichzeitig so angenehm chillig, dass sie mich komplett runterziehen. Im positiven Sinne. Das ist kein „Hintergrund-Gedudel“, sondern eher ein „Ich sitze seit zehn Minuten da und starre ins Nichts und finde das völlig okay“-Zustand. Was mich dabei besonders abholt: Diese Musik wirkt fast körperlich. Die Klangflächen gleiten nicht einfach – sie verändern den Raum. Mehrfach hatte ich das Gefühl, als würde sich meine Umgebung minimal verlangsamen, als hätte jemand heimlich an der Realität gedreht. Und irgendwo zwischen diesen schimmernden Schichten denke ich mir: Genau deshalb höre ich Ambient. Gleichzeitig kippt das Ganze nie ins Belanglose. Das hier ist kein Soundtrack für Räucherstäbchen-Romantik oder Instagram-Sonnenuntergänge. Dafür ist es zu präzise, zu bewusst gestaltet. Diese Mischung aus Weite, Ruhe und feiner Melancholie trifft für mich genau ins Schwarze. Schön, ohne kitschig zu sein. Ruhig, ohne leer zu wirken. Und genau diese Balance ist schwerer zu erreichen, als viele denken.

Ich gebe gerne auch offen zu: Bei vielen Drone- und Ambient-Alben steige ich irgendwann aus – selbst wenn sie objektiv gut gemacht sind. Hier nicht. Eher das Gegenteil: Ich will noch tiefer rein. Noch ein Durchlauf, noch ein Stück weiter weg vom Alltag. Das ist für mich immer ein klares Zeichen, dass ein Album funktioniert – nicht, weil es mich unterhält, sondern weil es mich verändert. Trotzdem – und das gehört dazu –: So stark 'Infinite And Unbound' ist, so sehr fehlt mir stellenweise ein Moment des Risikos. Eine kleine Irritation, ein Bruch, etwas, das die gleichmäßige Schönheit kurz ins Wanken bringt. Das Album ist so kontrolliert, so geschlossen in seinem Klangraum, dass ihm gelegentlich genau diese Reibung fehlt. Das ist Kritik auf hohem Niveau – aber eben auch der einzige Punkt, an dem ich mir noch ein kleines Stück mehr Mut gewünscht hätte.

Was bleibt, ist ein Album, das trotz minimalistischer Mittel nie leer wirkt. Im Gegenteil – es passiert ständig etwas, nur eben im Kleinen. Dieses langsame Aufblühen und Zurückziehen der Klänge, diese feinen Verschiebungen – das ist so präzise und gleichzeitig organisch, dass ich beim Hören immer wieder denke: Hier weiß jemand ganz genau, was er tut. Und wenn ich es auf einen Satz runterbrechen müsste: 'Infinite And Unbound' ist kein Ambient zum Wegträumen – es ist Ambient zum Verschwinden. 'Infinite And Unbound' ist somit das Album, das man nicht einfach hört, sondern betritt. Perfekt für ruhige Abende, für Momente, in denen man runterkommen will – oder runterkommen muss. Fans von 'Alessandro Cortini', 'Chihei Hatakeyama' oder 'Hakobune' werden hier sofort andocken. Ich persönlich bin ehrlich: Dieses Album bringt mich so zuverlässig runter, dass ich ihm langsam mehr vertraue als meinem eigenen Feierabend – und genau deshalb komme ich immer wieder darauf zurück.

Dirk Serries - Infinite And Unbound
Eingebettete Inhalte nicht verfügbar
Dieser Inhalt kann nicht angezeigt werden, da du der Verwendung externer Cookies und Inhalte von Drittanbietern nicht zugestimmt hast. Um das Video/Bild/etc. zu sehen, kannst du deine Cookie-Einstellungen hier anpassen. Weitere Informationen zu den verwendeten Diensten und deren Datenschutzpraktiken findest du in unserer Datenschutzerklärung. Vielen Dank für dein Verständnis.

Medienkonverter.de

Wir verwenden Cookies zur Optimierung unserer Webseite. Details und Einstellungen finden Sie in der Datenschutzerklärung und im Privacy Center. Ihre Einwilligung ist jederzeit widerrufbar. Soziale Netzwerke & Drittanbieter-Inhalte können angezeigt werden. Mit „Alle akzeptieren“ stimmen Sie (widerruflich) auch einer Datenverarbeitung außerhalb des EWR zu (Art. 49 (1) (a) DSGVO).