Schon 2021 erschien 'Aktivist'! Jetzt steht endlich unsere Rezension zu dem Release in den Startlöchern. Für eine Baustelle in Deutschland ist die Zeitdauer aber eigentlich ein ziemlich guter Zeitplan. 'Patenbrigade: Wolff' dürften für eine solche Verzögerung sicher Verständnis haben: Die Berliner haben aus Bauhelmen, Arbeitskleidung und einer ausgeprägten Liebe zu Technik längst eine eigene Welt gebaut. Wer darin nur einen Scherz vermutet, hat die Musik noch nicht laut genug aufgedreht. 'Aktivist' ist dann nämlich auch gar kein reguläres, neues Studioalbum, sondern eine Zusammenstellung aus älteren, teils vergriffenen Veröffentlichungen und sieben exklusiven Stücken. 'Sven Wolff' hat die Auswahl des früheren Materials selbst getroffen. Die CD erschien in gerade einmal 500 handnummerierten Exemplaren und ist auf Bandcamp inzwischen ausverkauft. Ausgerechnet bei einer Band, die so gern vom Bauen erzählt, ist das physische Werkstück also kaum noch zu bekommen. Digital kann man weiterhin zugreifen – ganz ohne Antrag auf Sondergenehmigung.
Was mich an 'Patenbrigade: Wolff' schon immer begeistert, ist die Spannweite hinter ihrem sofort erkennbaren Auftritt. EBM und alter Techno liefern den Bewegungsdrang; Synthpop, Minimal Electro und Ambient lassen Platz für Melodien und Atmosphäre. 'Aktivist' führt diese Seiten zusammen. Man bekommt Musik für den Club, aber ebenso jene ruhigeren Momente, in denen die Gedanken weiterwandern dürfen als die Füße. Gerade wenn der Druck nachlässt, zeigt sich, dass die Brigade nicht bloß mit einem guten Einfall und einem orangefarbenen Helm vor dem Mischpult steht. Hinzu kommt ihre eigenwillige Vorstellung von Romantik. Während andere elektronische Projekte die Zukunft in Chrom und Neon tauchen, interessieren sich 'Patenbrigade: Wolff' eher für alte Rechner, Fahrzeuge und die technischen Träume vergangener Jahrzehnte. Das kann komisch sein und zugleich überraschend wehmütig. Hier dürfen eine Stechuhr und ein Überschallflugzeug musikalische Sehnsuchtsorte sein. Ich kenne kaum eine andere Band, bei der das so selbstverständlich wirkt.
Mein Anspieltipp ist - ganz klar - 'TU-144'. Schon sein Motiv weist mitten in diese Bilderwelt: die Verheißung von Geschwindigkeit und Fortschritt, betrachtet mit dem Abstand der Gegenwart. Wer verstehen möchte, weshalb mich die Mischung aus Technikbegeisterung, Nostalgie und elektronischer Musik bei dieser Band so packt, sollte hier beginnen – und danach unbedingt weiterhören. Ganz ohne (kleine) Einschränkung geht es bei aller Begeisterung aber dann doch nicht. Als Sammlung unterschiedlicher Veröffentlichungen hat 'Aktivist' meinem Gefühl nach weniger durchgehende Dramaturgie als ein von Anfang bis Ende konzipiertes Album. Und wer ausschließlich harten EBM erwartet, muss sich sowieso auf Ausflüge in luftigere Gefilde einlassen. Für mich ist das trotzdem ein sehr guter Tausch: Gerade die Wechsel machen aus der Platte mehr als eine weitere Portion Tanzflächenfutter.
Mein Fazit: 'Aktivist' ist ein wunderbar vielseitiger Einstieg für Neugierige und eine Fundgrube für alle, die 'Patenbrigade: Wolff' längst ins Herz geschlossen haben. Die limitierte CD ist, wie schon geschrieben, auf Bandcamp vergriffen, doch die Musik selbst wartet weiterhin darauf, entdeckt zu werden. Unsere Rezension hat fünf Jahre gebraucht. So lange würde ich mit dem Anhören nun wirklich nicht warten.
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