2002 haben wir 'Implant' auf Medienkonverter unter anderem mit Hightech-Goa-Trance erklärt. Ich stelle mir vor, wie der Zettel mit dieser Einordnung seitdem in einer Schublade liegt und bei jedem neuen Album ein Stück weiter nach hinten rutscht. Beim fünfzehnten Studioalbum des belgischen Projekts um 'Len Lemeire' lohnt es sich aber wieder, ihn wieder hervorzukramen. Der Zettel darf zur Sicherheit mit auf die Tanzfläche. Für den Auftakt bleibt er erst mal versteckt in der Jackentasche.
Das Album erschien am 30. Oktober 2026 bei 'Alfa Matrix'. Electro bildet das Fundament. Den Klang prägen vor allem EBM-Beats und die Techno- und Trance-Einflüsse, die im weiteren Verlauf deutlicher hervortreten. Industrial klingt nur vereinzelt an. Der Auftakt bleibt langsam und dunkel. Die verfremdete Stimme erzählt fast mehr, als sie singt, und selbst der erste schnellere EBM-Beat vertreibt die unheimliche Stimmung kaum. Erst um die Albummitte höre ich Techno und Trance deutlich heraus. Da bekommt die Wiederholung einen Sog, der den zurückhaltenden Beginn weit hinter sich lässt. Später nimmt die Platte noch einmal Tempo raus und zieht im Endspurt wieder an. Mit 'Wounds' findet sie schließlich zu der Ruhe des Auftakts zurück, die nach dem letzten Temposchub umso stärker wirkt.
Am besten funktioniert 'The Kinematics Of Doubt' für mich, wenn die Platte nach einer ruhigeren Passage wieder Fahrt aufnimmt. In den gemächlichen Stücken hat die verzerrte Stimme Platz, ihre düstere Wirkung zu entfalten. Wenn der Beat danach wieder nach vorn rückt, spürt man den Unterschied. Wer durchgehend Clubdruck erwartet, braucht vor allem am Anfang etwas Geduld. 'I’m Only Happy When You Bleed' zeigt, wie eingängig die Platte auch bei gemessenerem Tempo sein kann. Das Arrangement und der ruhigere Beat erinnern mich an ältere, finstere Stücke von 'In Strict Confidence'. Dazu diese böse Stimme, die dem Stück etwas Unheimliches gibt.
Mein erster Anspieltipp ist 'Sanity'. Der dunkle Beat schiebt stoisch nach vorn, während der dumpf verzerrte Gesang tief im Klang sitzt und den Sog verstärkt. Als zweiten Tipp nehme ich 'No Apologies Required'. Der Electro-Beat ist flotter, die Synthesizerflächen machen den Klang breiter, und die leicht verzerrte Stimme treibt das Stück zusätzlich an. Wer düsteren Electro mag und sich sowohl für straffe EBM-Beats als auch für die ruhigeren Stücke Zeit nimmt, bekommt hier ein Album, dessen Tempowechsel sich lohnen. Und was machen wir mit dem Zettel von 2002? Zurück in die Schublade. Auf die Rückseite kommt der Vermerk „Trance ab 'Sanity'“.
Anhören & einordnen
Details zum Beitrag
- Artikeldatum
- Autor
- Elec
- Kategorien
- Electronic / Industrial / NoiseReviews
Kurz & knapp
Dein Urteil