Die ersten Minuten dachte ich: Oh, das könnte gut werden. Nach fünf Tracks dachte ich: Das ist sogar richtig geil. Wenig später hätte ich gern kurz mit dem Verantwortlichen gesprochen. 'Boys Noize' schickt mich auf „7LLVSION“ durch ein Wechselbad aus Begeisterung und Überforderung – wobei das Wasser offenbar unter Strom steht. Hier drücken die Bässe, kreischen die Stimmen und drehen die Synthesizer frei. Das kann großartig sein. Es kann mir aber auch gehörig auf die Nerven gehen. Am Ende bin ich platt, etwas durchgeschüttelt und ziemlich froh, diese eigenartige Platte gehört zu haben.
Über die Ankündigung hatten wir bereits im September berichtet. Seit dem 6. November 2026 liegen die zwölf Tracks vor: „7LLVSION“ erschien über ONES and ZEROS und ist Alex Ridhas erstes Soloalbum seit „+/-“ von 2021. „Illusion“ lässt mich zunächst in Ruhe ankommen. Dann taucht eine verzerrte Stimme auf, der Beat setzt nach, und plötzlich drängt alles unbequem nach vorne. Dazwischen blitzen Synthesizerpassagen auf, die mich an „Kernkraft 400“ von 'Zombie Nation' erinnern: dieser markante, leicht sägende Sound, der sich sofort im Kopf festbeißt - nur alles viel schneller und aggresiver. Bei „1+1+1“ mit 'Zep' bin ich endgültig dabei. Eine kurze, beharrlich wiederholte Synthesizerfigur und ein trockener Rhythmus wecken Erinnerungen an 'DAF'. Darunter herrscht strenge Ordnung, darüber dreht der Gesang völlig frei. Gerade dieses Zusammenspiel aus Kontrolle und Chaos macht den Track so mitreißend. Die Maschine arbeitet zuverlässig. Beim Menschen am Mikrofon bestehen leichte Zweifel.
„Take Me Out“ schiebt anschließend heftig und technoid los. Besonders gefallen mir die verzerrten Synthesizer, die zwischendurch wie eine blecherne Trompete durch den Track quäken. Das klingt schräg und bleibt trotzdem sofort hängen. Oder gerade deshalb. Mit „Nächstenliebe“ und 'Brutalismus 3000' kehrt die 'DAF'-Assoziation zurück. Die weibliche Stimme schreit über fremde Menschen, gemeinsames Tanzen und körperliche Nähe, während die Elektronik stur weiterdrückt. Diese Nächstenliebe nimmt einen ziemlich fest in den Arm. „HYYTUP“ setzt noch einen drauf. Aus den verzerrten elektronischen Klängen lösen sich massive Sequenzen, der Beat greift zu, und ich sitze grinsend da. Hier funktioniert für mich alles: die eigenwilligen Sounds, der Druck, dieser unverschämte Vorwärtsdrang. Die Musik darf kratzen und scheppern und bleibt dabei erstaunlich eingängig. Nach fünf Stücken bin ich entsprechend begeistert.
Bei „Baile DF“ braucht das Grinsen allerdings eine Pause. Die Zusammenarbeit mit 'Adame DJ' und den Stimmen von 'Thalia Abdon' und 'MC Da França' bringt brasilianischen Baile Funk ins Spiel. Mir wird die Kombination aus hektischen Rhythmen und aufgeregten Vocals zu viel. Da lockt die Weiter-Taste. Dahinter wartet „Wake Me Up“ mit 'Locked Club': schreiende Vocalfetzen, schneidende Höhen und ein Bass, der einen gründlich durchschüttelt. Wach bin ich längst. Ein bisschen weniger wach wäre inzwischen auch in Ordnung. „I Need Luv“ mit 'Abra' und 'Safety Trance' empfinde ich etwas weniger nervig, trotzdem bleibt mir das Stück zu gehetzt. Dabei liegt meine Ermüdung keineswegs allein am Tempo. Die Sounds beanspruchen inzwischen so viel Platz, dass ich als Hörer kaum noch dazwischenpasse. Stimmen, Verzerrungen und Rhythmen fordern gleichzeitig Aufmerksamkeit. Anfangs hat mich diese Wucht begeistert; jetzt wünsche ich mir kurz etwas Luft. Einzelne Tracks können so herrlich eskalieren. Hintereinander wird daraus für mich eine Geduldsprobe.
„Sh5b0mbe“ bekommt mich wieder zu fassen. Fetter Techno, dazu erneut diese für mich an 'Zombie Nation' erinnernde Synthesizerwucht, mit gefühlt deutlich schnelleren Beats darunter. Offenbar bin ich doch noch nicht fertig. „Shut It Down“ mit 'Taichu' und 'Taube' wirkt anschließend vergleichsweise ruhiger, ohne den technoiden Grundcharakter aufzugeben. Die schönste Überraschung folgt mit „Ycore“. Zunächst rechne ich mit der nächsten Attacke. Dann setzt die helle, feine Stimme von 'Mayah Alkhateri' ein. Ihr arabischer Gesang erinnert mich unwillkürlich an 'Ofra Haza'. Der Rhythmus drängt weiter, aber diese Stimme verändert plötzlich die ganze Stimmung. Nach den vielen aggressiven Reizen höre ich wieder genauer hin. Dieser Kontrast packt mich sofort und macht „Ycore“ zu einem meiner Höhepunkte. „Sireneh“ kennt zum Abschluss allerdings keine sanfte Verabschiedung. Kompromisslose technoide Bassschläge befördern mich aus dem Club. Vielen Dank für Ihren Besuch, Ihre restliche Energie behalten wir hier. Danach bleibe ich erst einmal sitzen.
„7LLVSION“ ist eine heftige, verrückte und besondere Platte. Die ersten fünf Tracks begeistern mich fast durchgehend, die Mitte kostet Nerven, und „Ycore“ erwischt mich genau im richtigen Moment. Mehr Luft zwischen den Attacken hätte dem Durchhören gutgetan. Trotzdem möchte ich mehrere Stücke sofort wieder starten. Diese Mischung aus störrischer EBM, verzerrtem Electro und technoider Wucht hört man in dieser Form selten. 'Boys Noize' hat mich zwischendurch überfordert und am Ende ziemlich erledigt. Gelangweilt hat er mich keine Sekunde.
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- Elec
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- Electronic / Industrial / NoiseReviews
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