Wenn der DJ morgens um vier das Licht anmacht und trotzdem noch jemand tanzt, hat er womöglich gerade ‘Buzz Kull’ aufgelegt. Seit 2012 macht der in Sydney lebende Produzent Marc Dwyer unter diesem Namen elektronische Musik für Leute, denen ein freundliches Synthesizer-Preset eher verdächtig vorkommt. Auf ‘Deep Hate’, erschienen am 13. Februar 2026 bei ‘Heartworm Press’, braucht er vier Stücke, um EBM, klassischen Electro und eine gute Portion Techno unterzubringen.

Die Kick gibt den Schritt vor, der Bass setzt kurze, harte Akzente, und darüber schneiden die Synths in den Takt. Gerade sie sind für mich der Grund, genauer hinzuhören. Manche Töne stehen nur kurz im Raum, andere ziehen sich rau und kratzig durch mehrere Schläge. So entsteht Druck auch dort, wo das Arrangement Platz lässt. Die Produktion trennt die Klänge sauber genug, dass man hört, wie sie sich gegenseitig in die Quere kommen. Zum Glück hat dabei niemand die Grate weggefeilt.

Wenn Bass und Drumcomputer so trocken ineinandergreifen, denke ich sofort an ‘Front 242’. Die Wucht, mit der Dwyer ein kurzes Motiv immer wieder in den Takt rammt, erinnert dagegen an ‘Nitzer Ebb’. Wie viel Geduld er dabei hat, zeigt ‘Human Force’. Das Stück beginnt ruhig, nach 15 Sekunden schiebt sich ein Beat nach vorne, der auch von ‘And One’ stammen könnte, und ab 0:45 setzt der Sprechgesang ein. Danach passiert scheinbar wenig: Monoton stapfend schiebt sich der Track über seine Laufzeit ins Gehör. Genau in dieser Ausdauer steckt für mich der Techno auf der EP. Sobald die Drums ihre Akzente versetzen und der Bass zu federn beginnt, kommt dagegen klassischer Electro ins Spiel. In ‘In The Cut’ marschiert der Beat, an anderen Stellen kann er aber auch ziemlich gut mit der Hüfte.

Dieser Sprechgesang klingt eigentümlich unbeteiligt. Dwyer trägt seine Zeilen oft so stoisch vor, als hätte ihn die Maschine nebenan gerade um eine Stellungnahme gebeten. Das funktioniert am besten, wenn sich darunter eine Synth-Melodie hervorschiebt. Dann bekommt die Kälte einen Anflug von Melancholie, auch wenn die Melodie im ersten Moment leicht im Bass untergeht. Über die vier Originale bleibt die Stimme allerdings eng in ihrer Rolle. Mir hätte ein Moment gefallen, in dem sie aus dieser Deckung kommt und der Musik für ein paar Takte eine andere Temperatur gibt.

Auf der 12″ stehen die vier Originale. CD und Download bringen zusätzlich Remixe von ‘PIG’, ‘Kontravoid’, ‘Cold Cave’ und ‘Spike Hellis’. ‘Kontravoid’ betont mit gebrochenen Beats den Swing des Originals, während ‘PIG’ sein Stück in die Länge zieht und ihm mit twangigen Klängen einen ganz anderen Charakter gibt. ‘Spike Hellis’ knüpft in ‘Human Force’ an die ‘And One’-Nähe des Originals an. Gerade diese Bandbreite zeigt, wie viel Spielraum in den straffen Rhythmen der EP steckt.

Mein Fazit: ‘Deep Hate’ gefällt mir am besten, wenn das Schlagzeug ins Federn gerät und die Synths trotzdem so klingen, als könnte man sich daran schneiden. Wer EBM mit trockenem Punch mag und im Club genauso gern zu Electro oder Techno hängen bleibt, bekommt hier vier kompakte Stücke mit genug Eigenheiten für einen zweiten Durchlauf. Mein Anspieltipp ist ‘Just A Memory’. Die auf- und absteigende Synthfigur bringt Bewegung unter den stoischen Sprechgesang und zeigt, wie eingängig dieser raue Mix aus EBM und Electro sein kann.