Man muss sich doch erst einmal trauen, einer erfolgreichen Popkarriere ein Album namens 'Black Celebration' vorzusetzen. Das klingt nach einer Party, bei der schon auf der Einladung steht, dass gute Laune doch bitte an der Garderobe abzugeben ist. 'Depeche Mode' hatten im Jahr 1986 allerdings längst mehr vor als hübsche Synthesizermelodien für den nächsten Fernsehrauftritt zu liefern. Die Band aus Basildon in Großbritannien hatte sich damals nach dem Ausstieg von 'Vince Clarke' Schritt für Schritt eine eigene, zunehmend kantige Sprache erarbeitet. Auf 'Black Celebration' fand sie dafür eine besonders eindringliche Form: elektronische Musik, die gleichzeitig einschüchtert, verführt und doch npch erstaunlich viel menschliche Wärme zulässt.

Das fünfte Studioalbum erschien am 17. März 1986 in Großbritannien über 'Mute' und feiert 2026 seinen 40. Geburtstag. 'Dave Gahan', 'Martin Gore', 'Alan Wilder' und 'Andrew Fletcher' kamen dabei keineswegs frisch aus dem unbeschwerten Pop-Paradies. 'Construction Time Again' und 'Some Great Reward' hatten bereits industrielle Geräusche, gesellschaftliche Reibung und ziemlich komplizierte Gefühle ins Programm genommen. Die elf Stücke der ursprünglichen britischen LP-Fassung verdichten diese Entwicklung. Die Dunkelheit wird hier zu einer Umgebung, in der die Songs miteinander verbunden sind und selbst die leisen Momente Gewicht bekommen.

Die Entstehung klingt dann aber doch entsprechend wenig nach einem Betriebsausflug. Gemeinsam mit 'Gareth Jones' und 'Daniel Miller' arbeitete die Band in London und Berlin; 'Miller' wollte, inspiriert von den Arbeitsmethoden 'Werner Herzogs', das Album regelrecht leben. Freie Tage gab es nach seiner späteren Schilderung nicht. Die gewünschte Intensität mündete in Erschöpfung, und die Produktion dauerte länger als vorgesehen. Man muss das nicht romantisieren, um zu verstehen, wie entschlossen hier nach einer eigenen Klangwelt gesucht wurde. Diese Klangwelt ist der eigentliche Grund, weshalb 'Black Celebration' mehr als ein interessantes Kapitel Bandgeschichte bleibt. Die Rhythmen setzen beharrliche Impulse, metallische Akzente schneiden in die Arrangements, und darunter liegen dunkle elektronische Bassfiguren. Darüber öffnen sich warme Flächen, helle melodische Linien und verfremdete Stimmen. Gegenüber den Vorgängern verändert sich dabei der Einsatz der Samples: Die Geräusche werden stärker in den musikalischen Zusammenhang eingebunden, schaffen Räume und färben Stimmungen. Der Industrial-Einfluss bleibt hörbar, doch das demonstrative Scheppern weicht häufiger einer subtileren Unruhe. Besonders eindringlich gelingt das in 'Fly on the Windscreen': Der schwere Groove und die düstere Klangkulisse verleihen der allgegenwärtigen Todesgewissheit körperliche Wucht. Der Wunsch nach Berührung wirkt darin umso dringlicher. Nähe ist hier etwas, das man sucht, weil die Zeit dafür begrenzt ist.

Auch die Reihenfolge der Stücke trägt entscheidend zu dieser Wirkung bei. Die Übergänge zwischen 'Black Celebration', 'Fly on the Windscreen' und 'A Question of Lust' verbinden den Auftakt zu einem zusammenhängenden Spannungsbogen: vom gemeinsamen Überstehen eines schwarzen Tages über die bedrängende Gegenwart des Todes bis zur Bitte um Vertrauen. Mit 'A Question of Lust', 'Sometimes' und 'It Doesn't Matter Two' folgen anschließend drei von 'Martin Gore' gesungene Stücke aufeinander. Das Album nimmt sich früh Zeit für seine empfindsamere Seite, bevor 'A Question of Time' mit treibendem Rhythmus und scharfem Gitarrenriff wieder nach vorn drängt. 'Dave Gahans' Gesang besitzt hier bereits jene körperliche Energie, die später auch die großen Bühnen tragen sollte.

Der Hall verstärkt diese Dramaturgie, indem er Stimmen und einzelne Schläge verlängert und Klänge unterschiedlich weit in den Raum stellt. So kann die Musik großzügig und zugleich bedrängend wirken. Ein Motiv bleibt bestehen, während zusätzliche Stimmen, kleine Gegenmelodien oder neue Geräuschfarben seine Wirkung verschieben. Die Arrangements entwickeln Spannung, ohne ständig den nächsten großen Effekt ausrufen zu müssen. Dass diese Musik bei aller Technik emotional trägt, liegt wesentlich am Gesang. 'Dave Gahan' gibt den Songs mit seinem bestimmten, dunklen Vortrag Präsenz und Nachdruck. 'Martin Gore', der vier der elf Stücke als Leadsänger übernimmt, bringt eine offenere Verletzlichkeit hinein. In 'A Question of Lust' wird dieser Unterschied besonders deutlich: Seine Stimme lässt die Bitte um Vertrauen und Zusammenhalt empfindsam wirken, während das sich öffnende Arrangement daraus eine große, eindringliche Ballade macht. Gerade solche zurückgenommenen Momente sind wesentlich für die Geschlossenheit von 'Black Celebration'. Sie verändern die Perspektive und lassen hören, wie viel Unsicherheit hinter dem selbstbewussten Auftreten steckt.

Auch inhaltlich ist das Album wärmer, als sein Ruf vermuten lässt. Begehren, Abhängigkeit und Vergänglichkeit stehen neben dem Wunsch, von einem anderen Menschen verstanden zu werden. Schon der Titelsong sucht nach einem schlechten Tag einen Anlass zum Feiern und Zuversicht beim Gegenüber. 'World Full of Nothing' betrachtet wiederum eine Nähe, deren Bedeutung unsicher bleibt und die trotzdem etwas geben kann. Trost ist auf diesem Album selten verlässlich, aber deshalb noch lange nicht wertlos. Wer ausschließlich eine musikalische Weltuntergangsveranstaltung erwartet, könnte überrascht sein, wie oft hier jemand schlicht eine Umarmung gebrauchen könnte. Als Anspieltipp führt für mich deshalb kaum ein Weg an 'Stripped' vorbei. Das Stück verbindet die markante Stimme, den beharrlichen rhythmischen Zug und die klare Melodie mit dem experimentellen Klangbau des Albums. In seiner Konstruktion stecken unter anderem das Zündungsgeräusch von 'Dave Gahans' Porsche, ein verfremdeter Motorradsound und Feuerwerksaufnahmen. Ausgerechnet damit entsteht ein Song über das Entkommen aus Technik und Zivilisation. Für eine Sehnsucht nach Ruhe ist das ein bemerkenswert gut motorisiertes Verkehrsmittel. Vor allem zeigt das Stück, wie selbstverständlich die ungewöhnlichen Geräusche Teil eines überzeugenden Popsongs werden können. Die Produktion fasziniert, doch die Melodie bleibt hängen.

Ganz makellos ist 'Black Celebration' für mich dennoch nicht. Die großzügigen Hallräume schaffen viel Atmosphäre, lassen einzelne Details stellenweise aber auch verschwimmen. Dazu kommt die direkte Gesellschaftskritik von 'New Dress', das Katastrophen und Gewalt dem Interesse an der Kleidung von 'Prinzessin Diana' gegenüberstellt. Der Gedanke an verzerrte mediale Aufmerksamkeit hat bis heute Gewicht. Die wiederkehrende Kleider-Schlagzeile setzt diese Schieflage bewusst satirisch in Szene. Mir gibt diese nachdrückliche Zuspitzung allerdings weniger als die Unsicherheit und Mehrdeutigkeit der intimeren Stücke. Die Aussage sitzt früh; ihre Wiederholung fügt für mich vergleichsweise wenig hinzu. Dass ein solches Album heute als Klassiker gilt, sollte außerdem nicht darüber hinwegtäuschen, dass die damalige Kritik keineswegs geschlossen applaudierte. Die Reaktionen reichten von Begeisterung bis zu deutlicher Skepsis. Mit Platz vier in Großbritannien und Platz zwei in Deutschland war es dennoch erfolgreich. Seine Wirkung reichte später über den unmittelbaren Synthpop-Kosmos hinaus: 'Trent Reznor' beschrieb ein Konzerterlebnis auf der damaligen Tour als wichtigen Impuls für die Arbeit an 'Pretty Hate Machine'. Das passt zu einem Album, das zeigt, wie viel Ausdruck in elektronisch aufgebauter Musik stecken kann.

Für mich gehört 'Black Celebration' deshalb zu den unverzichtbaren Alben von 'Depeche Mode'. Seine besondere Qualität liegt in der Verbindung aus rhythmischer Härte, melodischer Schönheit und einer Verletzlichkeit, die auch in den kraftvollsten Momenten hörbar bleibt. Fans von Synthpop, Wave und dunkler elektronischer Musik finden hier weit mehr als eine Ansammlung bekannter Singles. Wer bislang nur die großen Hits kennt, sollte sich die ursprüngliche elfteilige Fassung einmal als Ganzes vornehmen: Erst im Wechsel zwischen drängenden Songs und stilleren Bekenntnissen entfaltet das Album seine volle Wirkung. Auch nach 40 Jahren besitzt es genug Eigenart, um seinen Klassikerstatus musikalisch zu begründen. Die Einladung zur schwarzen Feier gilt weiterhin. Gute Laune darf übrigens doch mitgebracht werden – sie wird hier nur gründlich befragt.