Wenn eine Band ihr Album 'Decay' nennt, ist das normalerweise eine hübsch düstere Metapher. Bei 'Godflesh' ist der Titel leider erschreckend konkret. Nach fast vier Jahrzehnten aus tonnenschweren Gitarren, Maschinenrhythmen und jenem charakteristischen Gebrüll von 'Justin K. Broadrick' steht fest: Der Körper macht diesen Wahnsinn nicht mehr mit. 'Decay' ist deshalb nicht nur das zehnte Studioalbum der britischen Industrial-Pioniere, sondern auch das vorletzte. Danach soll mit 'The End' tatsächlich Schluss sein. Die reguläre Live-Ära von 'Godflesh' ist bereits beendet. Ausgerechnet eine Band, die immer klang, als könne sie auch einen atomaren Winter problemlos überstehen, wird am Ende von etwas erstaunlich Menschlichem gestoppt: Verschleiß.
Schon seit 1988 bilden 'Broadrick' und Bassist 'Ben Green' den Kern von 'Godflesh'. Ihr Debüt 'Streetcleaner' von 1989 gehört meiner Meinung nach längst zu jenen Platten, bei denen man kaum noch sinnvoll aufzählen kann, wen sie alles beeinflusst haben. Verzerrte Gitarren, programmierte Beats, Post-Punk-Kälte, frühe Hip-Hop-Rhythmik und die industrielle Tristesse Birminghams wurden zu einer Musik verdichtet, die Metal plötzlich weniger nach Rockband und mehr nach defekter Produktionsanlage klingen ließ. Nun erscheint 'Decay' am 25. September 2026 bei 'Relapse Records' und umfasst dabei sechs Stücke bei knapp 42 Minuten Spielzeit. Das Material stammt aus demselben großen Aufnahmefundus wie 'Purge' von 2023. 'Broadrick' wählte damals bewusst jene Stücke aus, die zu diesem Album passten; der Rest sollte früher als eigenes Werk folgen. Verzögert wurde die Veröffentlichung vor allem dadurch, dass er 'Godflesh' nicht länger selbst veröffentlichen wollte und nach einem externen Label suchte. Mit 'Relapse Records' war dieser Platz schließlich gefunden.
Geschrieben, getextet und produziert wurde 'Decay' vollständig von 'Justin K. Broadrick', aufgenommen im 'Avalanche Studio' in Großbritannien; 'Ben Green' steuert wie gewohnt den Bass bei. Für 'Broadrick' ist Musik ohnehin selten wirklich fertig – irgendwann müsse man schlicht die Disziplin besitzen, aufzuhören. Bei einem vorletzten Album namens 'Decay' klingt diese Bemerkung plötzlich nach deutlich mehr als nur einer Aussage über Songwriting. Noch schwerer wiegt der körperliche Hintergrund. Die Schlusspassagen einiger Gesangsaufnahmen entstanden bereits mit einer Hernie, die 'Broadrick' selbst auch auf die jahrzehntelange Belastung seines Gesangsstils zurückführt und die sich durch weitere Auftritte verschlimmerte. Gemischt wurde das Album nach der Operation. 'Godflesh' waren schon immer Ausdruck von mentalem, philosophischem und existenziellem Schmerz. Auf 'Decay' kam ausgerechnet der körperliche noch dazu. Man könnte nun ein pathetisches Abschiedswerk erwarten. Streicher vielleicht. Rückblicke. Ein Klavier im Regen. 'Godflesh' wären allerdings vermutlich eher bereit, sämtliche Verstärker aus dem Fenster zu werfen.
'Decay' bleibt stattdessen brutal konsequent. 'Ben Green' legt diesen Bass darunter, der weniger nach Instrument als nach tektonischer Verschiebung klingt, während 'Broadrick' Gitarren, Elektronik und Stimme zu einer grauen Masse verschweißt. Die programmierten Rhythmen bestimmen die Architektur, darüber liegen Feedback, Drones und Gitarren, die stellenweise kaum noch als Gitarren wahrgenommen werden. Auffällig ist, wie häufig auch 'Broadricks' Stimme ihre klassische Frontfunktion verliert. Sie versinkt teilweise tief im Mix, wird verfremdet und zum zusätzlichen Klangmaterial. Ausgerechnet auf einem der letzten 'Godflesh'-Alben löst sich jene Stimme, deren körperliche Belastung nun zum Ende der Band beiträgt, stellenweise regelrecht in der Maschine auf. Das Album wirkt langsamer, geduldiger und atmosphärischer als 'Purge'. Wiederholung wird zum zentralen Werkzeug. Riffs kreisen, Rhythmen schlagen stoisch weiter und Feedback zieht sich durch den Raum. Stellenweise scheinen sogar Spuren anderer 'Broadrick'-Welten wie 'Jesu' oder 'Final' durch die Betonwand zu sickern.
Gerade das gefällt mir aber an 'Decay'. Nach fast vierzig Jahren versucht hier niemand mehr verzweifelt, noch einmal 'Streetcleaner' zu spielen. Die mechanischen Beats, der monströse Bass und die abweisenden Gitarren sind sofort erkennbar, gleichzeitig lässt das Album ihnen ungewöhnlich viel Raum. Weniger Angriff, mehr Gewicht. Manchmal klingt 'Decay', als würde irgendwo unter einem verlassenen Fabrikgebäude eine Maschine laufen, deren ursprünglichen Zweck längst niemand mehr kennt. Niemand weiß, wer sie eingeschaltet hat oder wie man sie abstellt. Aber der Stromzähler dreht sich weiterhin hervorragend. Genau hier liegt allerdings auch die Schwäche der Platte. 'Godflesh' leben seit jeher von Wiederholung, doch auf 'Decay' wird diese Geduld stellenweise weit ausgereizt. Wenn eine Idee genügend innere Spannung besitzt, entwickelt die monotone Bewegung eine fast körperliche Sogwirkung. Wenn nicht, können ein paar Minuten plötzlich sehr lang werden. Auch im Vergleich mit 'Purge' wirkt das Album weniger unberechenbar und rhythmisch verspielt. Wer gerade dessen beweglichere oder beinahe clubbige Momente mochte, könnte 'Decay' zunächst statischer vorkommen. Dafür besitzt die neue Platte für mich eine geschlossenere Atmosphäre. 'Purge' bewegte sich. 'Decay' steht da und zwingt die Umgebung, sich um ihn herum zu bewegen.
Dass die beiden längsten Stücke den Anfang und das Ende bilden und zusammen ungefähr die Hälfte der Spielzeit ausmachen, ist bewusst gesetzt. 'Broadrick' bezeichnet 'Master And Slave' und 'Consume Me' selbst als die konzeptionell wichtigsten Teile und erklärte sogar, das Album hätte für ihn im Grunde nur aus diesen beiden bestehen können. Dazwischen stehen vier kompaktere Stücke, die direkter zuschlagen. Dadurch wirkt 'Decay' weniger wie eine lose Sammlung von Songs als wie ein eingerahmter Klangraum. Vielleicht ist das die spannendste Eigenschaft dieses vorletzten Kapitels: 'Godflesh' wirken nicht nostalgisch. Hier steht keine Band, die sich noch schnell selbst ein Denkmal baut. Das wäre ohnehin schwierig – vermutlich würde 'Ben Green' es mit seinem Bass innerhalb weniger Sekunden zum Einsturz bringen. Stattdessen hört man Musiker, die ihre eigene Sprache so gut kennen, dass sie sie weiter reduzieren können. Weniger Überraschung, mehr Atmosphäre. Weniger demonstrative Brutalität, dafür ein Gewicht, das sich langsam aufbaut und irgendwann einfach da ist.
Neueinsteiger würde ich trotzdem nicht unbedingt mit 'Decay' zu 'Godflesh' schicken. Dafür ist die Platte irgendwie zu geduldig, zu repetitiv und zu wenig daran interessiert, irgendjemanden freundlich abzuholen. Wer mit Industrial Metal, Drone, Noise, Post-Punk-Schwere oder Bands wie 'Swans' etwas anfangen kann und 'Godflesh' ohnehin kennt, dürfte dagegen viel entdecken. Als zugänglicheren Anspieltipp würde ich vielleicht 'Living/Ending' nennen. Hier greifen Maschinenrhythmus, massiver Bass, Stimme und dieser typische 'Godflesh'-Groove besonders unmittelbar ineinander. Wer nach wenigen Minuten denkt: „Das ist ja furchtbar“, wird mit dem Rest vermutlich ebenfalls keine Wellness-Beziehung beginnen. Wer dagegen unwillkürlich mit dem Kopf nickt, darf weiter in die Maschinenhalle. Wer gleich in das eigentliche Konzept von 'Decay' eintauchen möchte, sollte dagegen mit 'Master And Slave' beginnen: fast neun Minuten kontrollierte Zersetzung statt freundlicher Begrüßung. Das Stück zeigt besonders deutlich, wie weit 'Godflesh' Wiederholung, Drone und Atmosphäre inzwischen treiben.
Für mich ist 'Decay' deshalb leider kein perfektes 'Godflesh'-Album. Dafür verliert es sich gelegentlich etwas zu lange in seiner eigenen Beharrlichkeit und besitzt nicht ganz die rastlose Kreativität von 'Purge'. Aber gerade als vorletztes Kapitel ist es bemerkenswert konsequent. Es versucht weder, die Vergangenheit nachzustellen, noch einen besonders würdevollen Abschied vorzubereiten. 'Godflesh' klingen einfach weiterhin wie 'Godflesh'. Nur langsamer, erschöpfter, atmosphärischer – und vielleicht gerade deshalb erschreckend passend zu diesem Punkt ihrer Geschichte. Andere Bands verabschieden sich mit einer Ballade. 'Godflesh' lassen die Maschine einfach so lange laufen, bis irgendwann der Strom ausfällt.
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