Berlin bei Nacht – das klingt für mich immer erstmal einmal nach Neon, Clubs und diesem ewigen Versprechen von Freiheit. 'Whole' zeigen auf der 'Air Vent EP', dass es auch anders geht. Kälter. Enger. Fast ein bisschen so, als hätte jemand das Licht ausgemacht, aber die Maschinen laufen weiter. Das Duo aus Berlin zieht hier seinen Sound noch tiefer in eine düstere, drängende Ecke – und mit 'Air Vent (Way In)' samt erstem Video setzen sie ein deutliches Ausrufezeichen: Bei diesem Release geht es nicht um Nostalgie, hier geht es um Reibung. Veröffentlicht bereits am 20. Februar 2026 wirkt diese EP weniger wie ein Zwischenrelease – sondern eher wie eine klare Ansage: „So klingen wir jetzt. Deal with it.“ Und genau hier bin ich drin. Weil 'Whole' gar nicht erst versuchen, dir das leicht zu machen. Der Sound ist rau, kantig und hat genau dieses leicht widerspenstige Moment, das vielen Produktionen inzwischen fehlt. Kein Hochglanz, kein „gefällt allen irgendwie“ – sondern Haltung. Und ja: Das macht für mich einen riesigen Unterschied und es macht Spaß!
Musikalisch bewegt sich das Ganze zwischen Post-Punk, Synthpop und einer leicht spürbaren Industrial-Schwere. Die Rhythmen treiben, aber nicht im klassischen Sinne – eher wie ein innerer Motor, der ein paar Umdrehungen zu hoch läuft. Darüber liegen feine elektronische Flächen, die bewusst kühl bleiben, fast schon abweisend. Das erzeugt diese seltsame Gleichzeitigkeit aus Vorwärtsdrang und Stillstand. Du wirst mitgezogen – und gleichzeitig irgendwie festgehalten. Kein Zufall, sondern ziemlich präzise austariert. Was mir hängen bleibt, ist weniger ein einzelner Moment als ein Zustand: eine konstante, leicht nervöse Grundspannung, die sich durchzieht und nicht wirklich auflöst. Und genau das funktioniert erstaunlich gut. 'Air Vent (Way In)' schiebt dabei ordentlich nach vorne, aber nicht plump, nicht mit der Brechstange. Eher wie ein stetiger Druck, der einfach nicht nachlässt. Kein „Jetzt eskaliert’s“-Moment – sondern ein permanentes Ziehen unter der Oberfläche.
Und dann ist da noch 'I Am Your Shadow (Alternate)'. Für mich persönlich der heimliche Fixpunkt dieser EP. Der Track bringt eine andere Farbe rein – ohne den Grundcharakter zu verlassen. Melodiöser, schwebender, fast schon hypnotisch, aber gleichzeitig mit genau diesem unterschwelligen Vorwärtsdrang, der einen nicht loslässt. Das ist einer dieser Songs, die dich nicht überrollen, sondern langsam einfangen. Und bevor du es merkst, drückst du wieder auf Play. Und nochmal. Genau diese Art von „unaufgeregter Sogwirkung“ funktioniert hier perfekt.
Besonders spannend wird es auch bei 'New Life', im Original geschrieben von 'Vince Clarke' und bekannt durch - klar - 'Depeche Mode'. Und ja, ich bin bei sowas normalerweise skeptisch. Coverversionen können schnell nach Pflichtübung riechen. Hier aber nicht. 'Whole' nehmen dem Stück konsequent jede Unschuld und drehen es durch ihr eigenes, deutlich kälteres Koordinatensystem. Das Ergebnis ist keine nostalgische Verbeugung, sondern eher eine kontrollierte Verfremdung – vertraut genug, um erkannt zu werden, aber fremd genug, um hängen zu bleiben. Genau so sollte man so etwas angehen.
Ein echtes Highlight – und für mich fast gleichwertig zur Musik – sind die beiden Release-Formate. Klar, digital ist alles da: Streaming, Download in solider Qualität. Aber eigentlich spielt sich das hier im physischen Raum ab. Die CD-Version ist kein Beiwerk, sondern ein Statement. Jede Kopie handbemalt, jede ein Unikat. In einer Zeit, in der Musik oft nur noch durch Playlists durchrutscht, fühlt sich das nicht nur besonders an – sondern fast schon trotzig. Und das passt verdammt gut zu 'Whole'. Auch produktionstechnisch bleibt man konsequent. Der Mix von 'Thomas Schernikau' lässt den Sound bewusst ungeschönt, gibt ihm Raum und Kante, ohne ihn zu verwässern. Dazu das Artwork von 'Alexander Leonard Donat', das diese kühle, leicht dystopische Grundstimmung visuell aufgreift. Das wirkt nicht wie Beiwerk, sondern wie ein durchdachtes Gesamtbild. Fein!
Die 'Air Vent EP' ist kein Soundtrack für „Kerze an, Tee warm, alles wird gut“. Eher für den Moment, in dem das Licht flackert, die Tür nicht ganz schließt und man spürt: Hier stimmt irgendwas nicht – und genau deshalb bleibt man. Wer also so eine Mischung aus Post-Punk-Kälte, elektronischer Strenge und unterschwelliger Unruhe sucht, bekommt hier ein bemerkenswert starkes, eigenständiges Release. Ich wollte das Ding eigentlich nur einmal durchhören. Wirklich. Und dann lief es wieder. Und wieder. Und nochmal. Und irgendwann war ich genau da, wo diese EP dich haben will: in diesem leicht unbequemen, aber verdammt faszinierenden Zwischenraum. Genau deshalb bleibt sie.