Nitzer Ebb - Ebbhead

Nitzer Ebb - Ebbhead

1991 war ich 17, mit meiner ersten Freundin unterwegs und überzeugt, dass ein ernst zu nehmendes Lied mindestens fünf Minuten dauern und eines der Wörter Tod, Seele oder Verfall enthalten sollte. Mein Kompass zeigte Richtung Neue Deutsche Todeskunst; für Weltschmerz war ich jederzeit zu haben, für gute Laune nur nach vorheriger Anmeldung. Andere Paare gingen vermutlich Eis essen; wir standen – so behauptet es meine stark nachbearbeitete Erinnerung – in schwarzen Klamotten an Bushaltestellen und verliehen selbst dem Warten metaphysische Fallhöhe. Die passende Kassette von 'Goethes Erben' erledigte den Rest.

'Nitzer Ebb' waren mir da selbstverständlich bekannt. Deshalb nickte ich beim Namen der Band mit jener wissenden Ernsthaftigkeit, die Jugendliche entwickeln, wenn bloß niemand eine konkrete Nachfrage stellen darf. Ehrlich gesagt gefielen sie mir damals nicht: zu hart, zu schnell, zu wenig Melodie. Für mich klang das alles nach organisiertem Frühsport in einer Fabrikhalle – und ich hatte weder an Frühsport noch an Fabrikhallen Interesse. Warum also jetzt? Naja, weil sich 'Ebbhead' eben auch seinem 35. Geburtstag nähert, der Tod von 'Douglas McCarthy' 2025 die Bandgeschichte in ein anderes Licht gerückt hat und mein damaliges Urteil einfach mal überprüft werden musste. Dieser Rückblick ist daher weder Pflichtübung noch Vorwand für eine streng limitierte Doppelvinyl in der Farbe Industriebeton. Es ist die überfällige Begegnung mit einem Album, für das mein siebzehnjähriges Ich offenbar noch nicht zuständig war.

'Nitzer Ebb' befanden sich 1991 selbst an einem Wendepunkt. 'Douglas McCarthy' und 'Bon Harris' hatten ihre Punk-Energie, elektronische Sequenzen und körperliche Disziplin zu einem unverwechselbaren Sound verschmolzen. 'That Total Age' legte 1987 die Grundordnung fest, 'Belief' und 'Showtime' erweiterten sie. Tourneen mit 'Depeche Mode' führten auf größere Bühnen – und zur Frage, wie weit sich dieser Sound öffnen ließ, ohne seine Wucht zu verlieren. Einen Probelauf lieferte wenige Monate zuvor die EP 'As Is': Vier Stücke wurden von unterschiedlichen Produzenten und Mixern bearbeitet, darunter 'Jaz Coleman', 'Flood', 'Alan Wilder', 'Barry Adamson' und 'Paul Kendall'. Nur 'Family Man' gelangte verändert auf 'Ebbhead'. Das am 30. September 1991 veröffentlichte vierte Studioalbum setzte diesen Versuch konsequent fort. 'Wilder' und 'Flood' lasen sich zwar wie ein elektronischer Adelsbrief, machten daraus aber keine härtere Ausgabe von 'Depeche Mode'. Sie halfen der Band vielmehr, ihre melodischen, rhythmischen und atmosphärischen Möglichkeiten auszubauen.

'Ebbhead' besitzt weiterhin trockene Beats, stoische Bassfiguren, scharfkantige Sequenzen, metallische Perkussion und 'McCarthys' Kommandoton. Doch die Musik marschiert nicht mehr ununterbrochen geradeaus. Langsamere, schwerere Rhythmen, funkigere Grooves, Rockakzente und deutlichere Strophe-Refrain-Strukturen schaffen mehr Beweglichkeit. Die von 'Julian Beeston' ergänzten Drums und Perkussion geben den programmierten Strukturen zusätzliche körperliche Wucht. Der Körper bleibt das Zentrum, darf sich nun aber vielfältiger bewegen. Aus heutiger Sicht klingt die Produktion von damals erstaunlich organisch. Die Bässe drücken, ohne alles andere zu verschlucken; Drums, Geräusche und Samples greifen präzise ineinander. Selbst hörbar zeittypische Technik wirkt eher charakteristisch als veraltet. Die erstmals prominent eingesetzten Gitarren wurden von 'Harris' und 'Wilder' eingespielt, durch Effekte geschickt, gesampelt und Stück für Stück neu zusammengesetzt. Hinzu kamen externe Musiker und orchestrale Elemente. So bewegt sich das Album irgendwo zwischen EBM, Industrial, Funk, Rock und elektronischer Tanzmusik. Nicht alles verschmilzt vollkommen, doch gerade diese Reibung hält 'Ebbhead' lebendig. Auch 'Douglas McCarthy' erweitert seine Rolle. Er fordert und bellt weiterhin mit der gewohnten Autorität, singt aber häufiger, zieht Silben länger und lässt Verletzlichkeit zu. Seine Stimme ist technisch nicht grenzenlos, besitzt dafür Charakter in industriellen Mengen. Das Album klingt dadurch zugleich selbstbewusst und nervös, muskulös und empfindlich. Für mich macht genau diese Ambivalenz 'Ebbhead' heute interessanter als viele stilistisch reinere EBM-Veröffentlichungen seiner Zeit.

Schon 1991 war diese Öffnung kein ungeteilter Triumph. Die Kritiken fielen eher gemischt bis positiv aus, und manche Anhänger vermissten die brutale Reduktion der frühen Platten. Gerade deshalb ist 'Ebbhead' weniger das unangefochtene EBM-Manifest als ein faszinierendes Übergangsalbum, an dem sich zeigt, wie weit sich das Genre öffnen konnte. Ein vollkommen geschlossenes Werk ist es dennoch nicht. Manche Rock- und Gitarrenakzente tragen den Zeitstempel der frühen Neunzigerjahre, während konventionellere Songstrukturen der Band gelegentlich ihre bedrohliche Fremdartigkeit nehmen. Auch besitzt nicht jede melodische Idee dieselbe Kraft wie die Rhythmusarbeit: Sobald der Groove einsetzt, ist die Sache schnell entschieden; beim klassischen Songwriting schwankt die Wirkung gelegentlich zwischen großer Geste und zeittypischer Übertreibung. Für mich bleibt 'That Total Age' deshalb das stilprägendste Album der Band. 'Ebbhead' ist dagegen ihr mutigstes, vielschichtigstes und menschlichstes Werk der klassischen Phase.

Ein Anspieltipp? Der beste Einstieg meiner Meinung nach ist 'I Give To You'. Körperlicher Puls, dunkle Elektronik und das von 'Andrew Poppy' arrangierte orchestrale Gewicht bündeln die Qualitäten des Albums. 'McCarthy' klingt hier nicht nur wie ein Befehlshaber, sondern wie jemand, der mitten im Kommando erkennt, selbst Teil des Konflikts zu sein. Für die kantigere Seite empfiehlt sich 'Godhead', für die melodischere 'Ascend'.

Mein Fazit also: Knapp 35 Jahre später klingt 'Ebbhead' nicht wie ein makellos konserviertes Museumsstück – zum Glück. Man hört seine Entstehungszeit und gelegentlich die Nähte zwischen den Ideen. Nicht jedes Experiment gelingt gleich gut, doch der Mut zur Veränderung macht das Album dauerhaft interessant. 'McCarthys' Stimme wirkt noch immer unmittelbar, störrisch und lebendig und erinnert daran, dass EBM nie nur aus Maschinen bestand. 'Ebbhead' lohnt sich für EBM-Nostalgiker ebenso wie für Fans von Industrial, elektronischem Post-Punk, frühem Industrial Rock – und für Menschen, die das Album früher vorschnell abgelehnt haben. Zu hart, zu schnell, zu wenig Melodie? So urteilte ich mit 17. Heute muss ich meinem jüngeren Ich widersprechen. Es hatte eine bemerkenswerte Frisur, eine großartige erste Freundin und von 'Ebbhead' offensichtlich keine Ahnung.

Nitzer Ebb - Ebbhead
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