Im Rückspiegel sehen manche Dinge deutlich besser aus. Die eigene Frisur von 1990 gehört meistens nicht dazu. Bei 'Depeche Mode' liegt der Fall interessanter: 'Violator' gilt längst als Klassiker, doch nach 36 Jahren darf man ruhig prüfen, ob hinter der roten Rose noch genauso viel steckt wie hinter ihrem Ruf. Für unseren Wochenend-Rückblick lassen wir deshalb die Ehrfurcht kurz an der Garderobe. Was machte dieses Album damals besonders? Was wirkt heute noch? Und hören wir tatsächlich eine große Platte – oder winken wir nur freundlich unseren musikalischen Erinnerungen zu?

Meine Antwort fällt deutlich aus: Für mich ist 'Violator' ein perfektes Album. Als es am 19. März 1990 bei Mute erschien, waren die vier Musiker aus Basildon längst keine Geheimempfehlung mehr. 'Black Celebration', 'Music For The Masses', der Rose-Bowl-Auftritt von 1988 und der Konzertfilm '101' hatten die Größenordnung ihrer Fangemeinde sichtbar gemacht. 'Dave Gahan', 'Martin Gore', 'Alan Wilder' und 'Andrew Fletcher' mussten sich mit ihrem siebten Studioalbum also nicht erst vorstellen. 'Violator' öffnete ihren Sound weiter, ohne seine dunkle Anziehungskraft aufzugeben.

Musikalisch verbindet die Platte elektronischen Pop mit einem ausgesprochen körperlichen Groove. Die Bässe federn, die Rhythmen greifen präzise ineinander, und zwischen den Synthesizern tauchen Gitarren auf, die bluesige Rauheit und melodische Konturen hineinbringen. Hinzu kommen verfremdete Samples, schwebende Flächen und Klänge, deren Herkunft sich nicht sofort erschließt. Trotz dieser Detailfülle bleibt das Bild übersichtlich. Einzelne Elemente dürfen hervortreten, ausklingen und wieder verschwinden. Für mich liegt genau darin die Klasse der Produktion: Sie besitzt Tiefe und lässt den Songs trotzdem Luft. Ein zusätzlicher Klang darf hier mitspielen, wenn er etwas beiträgt. Bloß herumstehen und wichtig aussehen reicht nicht.

Dahinter steckt eine bewusste Änderung der Arbeitsweise. Im Februar 1990 erklärten 'Gore' und 'Wilder' dem NME, sie hätten die gewohnte ausgedehnte Vorproduktion zurückgefahren, um ihrer Routine zu entkommen. Gemeinsam mit 'Flood' ließ die Band den Songs im Studio mehr Entwicklungsspielraum. 'Wilder' war für Arrangements und klangliche Ausarbeitung zentral; 'François Kevorkian' übernahm einen Großteil der Mischungen. Gesampelte Schlagzeugpassagen brachten mit ihren kleinen Unregelmäßigkeiten Bewegung in die programmierten Strukturen. Dass diese Musik zugleich maschinell und lebendig wirkt, hat also handfeste Gründe.

Die Stimmen profitieren von diesem Raum. 'Gahan' kann verführen, drängen und sich zurücknehmen, ohne gegen eine zugestellte Klangwand ansingen zu müssen. Daneben steht 'Gores' hellerer, verletzlicherer Vortrag. Seine Texte kreisen um Begehren, Abhängigkeit, Schuld, Vertrauen und die Hoffnung auf Nähe. Religiöse Bilder verschärfen die Gefühle. Selbstbewusstsein und Bedürftigkeit liegen dabei dicht beieinander: Die Refrains tragen weit nach außen, während darunter etwas Unsicheres bleibt. Für mich ist das ein wesentlicher Grund, weshalb diese Musik auch jenseits ihrer großen Gesten berührt.

Dass die Band Humor hatte, wird unter dem Gewicht ihres späteren Denkmals gern übersehen. 'Gore' erklärte den Titel 'Violator' damals als Versuch, einen möglichst übertriebenen Heavy-Metal-Namen zu finden. Hinter der martialischen Ansage steckte also ein Witz. Wer beim Titel einen Mann mit Streitaxt erwartet, bekommt stattdessen eine Bassfigur, die ihm diskret die Knie weich macht. Auch eine Form der Überwältigung, nur mit deutlich weniger Aufräumarbeiten.

Der Erfolg war sehr real. Zu einer Signierstunde in Los Angeles kamen am 20. März 1990 laut Bandarchiv schätzungsweise weit über 10.000 Menschen; die Polizei beendete die Veranstaltung nach etwas mehr als einer Stunde. Das Album erreichte Platz zwei in Großbritannien und Platz sieben in den USA. Rückblickend wirkt dieser Erfolg fast selbstverständlich. Dabei war die Verbindung aus dunklen Themen, eigenwilligen Klängen und großer Zugänglichkeit damals alles andere als ein sicheres Erfolgsrezept.

Heute besteht die Herausforderung eher darin, diese Musik wieder aufmerksam wahrzunehmen. Zu 'Violator' und seinen Singles scheint längst alles gesagt. Viele kennen die Refrains so gut, dass das Ohr nur noch pflichtbewusst die Anwesenheit kontrolliert. Doch Bekanntheit kann verdecken, wie sorgfältig die neun regulären Songs samt ihren kurzen instrumentalen Übergängen zusammenwirken. Tanzbare und zurückgenommene Momente gehören in dieselbe Welt. Die leiseren Passagen haben eigenes Gewicht und geben der Atmosphäre Tiefe. Genau deshalb trägt die Platte auch dann, wenn man ihre größten Hits gedanklich einmal beiseiteschiebt.

Den Einwand, 'Violator' sei zu kommerziell, kann ich als Geschmacksfrage nachvollziehen. Wer die rauere, stärker scheppernde Seite der früheren Alben bevorzugt, wird hier möglicherweise Reibung vermissen. Für mich verbindet sich die größere Zugänglichkeit hier mit einer besonders sorgfältigen Gestaltung. Auch der Vorwurf, die Songs seien inzwischen abgedroschen, beschreibt eher ihre ständige Präsenz als eine kompositorische Schwäche. Ein Album wird durch häufiges Abspielen vertrauter. Schlechter wird es dadurch für mich nicht.

Neben den offensichtlichen Hits 'Personal Jesus' und 'Enjoy The Silence' liegen die besonderen Perlen für mich in 'Halo', 'Waiting For The Night' und 'Clean'. Das sind zugleich meine Anspieltipps: 'Halo' verbindet rhythmischen Druck mit einem Arrangement, das sich durch seine Streicherklänge wirkungsvoll öffnet. 'Waiting For The Night' zieht mit seiner hypnotischen Sequenz und dem Zusammenspiel von 'Gahan' und 'Gore' nach innen. 'Clean' bündelt mit seinem dunklen Bassfundament und den unheimlichen Klangdetails noch einmal die düstere Seite der Platte. Diese Stücke machen deutlich, wie viel 'Violator' über seine Singles hinaus zu bieten hat.

Und die angeblich abgedroschenen Hits? Ein Konzert ohne 'Personal Jesus' und 'Enjoy The Silence' dürfte bei vielen Fans vor allem eines auslösen: Enttäuschung. Vermutlich wäre die Stimmung eher die einer Geburtstagsfeier, bei der jemand die Torte angekündigt und anschließend den leeren Teller serviert hat. Für mich gehört 'Violator' in jeden gut bestückten Plattenschrank, besonders wenn dort dunkler Synthpop und große Popsongs zu Hause sind. Ob es das beste Album von 'Depeche Mode' ist, darf gern weiter diskutiert werden. Seine Klasse braucht jedenfalls keinen verklärenden Rückspiegel. Die Frisur von 1990 möglicherweise schon.