Andere Bands finden nach drei Jahrzehnten plötzlich Jazz interessant. 'Amon Amarth' finden weiterhin, dass sich die meisten Lebensfragen mit einer schweren Gitarrenmelodie und einem ausreichend großen Schlachtruf beantworten lassen. Seit ihrer Gründung im Jahr 1992 haben die Schweden aus nordischer Mythologie und melodischem Death Metal eine unverwechselbare Sprache entwickelt. Die Gefahr dabei: Irgendwann kennt man jeden Winkel des Langboots und fragt sich, ob es eigentlich noch fährt oder längst als Erlebnisrestaurant vor Anker liegt. Auf ihrem 13. Studioalbum 'The Allfather Awakens' müssen sie deshalb vor allem eines beweisen: dass Verlässlichkeit noch lange keine Bequemlichkeit sein muss.

Der am 2. Oktober 2026 über 'Metal Blade Records' erschienene Nachfolger von 'The Great Heathen Army' versammelt zehn Stücke. Für die Aufnahmen arbeitete die Band erstmals mit 'Jacob Hansen' zusammen. In zwei Etappen 2025 und 2026 wurde in dessen dänischem Studio jeweils ein Song vollständig aufgenommen, bevor der nächste an die Reihe kam. Die musikalische Identität bleibt dabei erhalten: 'Odin' und die nordische Mythologie bilden den thematischen Rahmen, ohne dass daraus ein durchgehendes Konzeptalbum wird.

Das Fundament bilden kompakte, schwere Gitarrenriffs, über denen 'Olavi Mikkonen' und 'Johan Söderberg' weit gespannte Melodien und klassische Heavy-Metal-Harmonien entfalten. Rhythmisch stehen rollende Doublebass-Passagen neben galoppierendem Vorwärtsdrang und stampfenden Grooves. Besonders in den getragenen Momenten entsteht eher die Wucht eines heranrückenden Heeres als die Hektik eines wilden Handgemenges. Das tiefe Growlen von 'Johan Hegg' hält diese zugängliche, häufig hymnische Musik im rauen Bereich. Die Eingängigkeit entsteht aus markanten Gitarrenmotiven, klaren Wiederholungen und Refrains, die auf gemeinsames Mitsingen zielen.

Interessanter wird diese vertraute Mischung dort, wo unter dem heroischen Gestus etwas Dunkleres hervortritt. Schwerere Riffs und bedrohliche Passagen setzen den aufwärtsstrebenden Melodien Widerstand entgegen; feierliche Gitarrenlinien bringen neben Triumph auch Melancholie ins Spiel. Für mich liegt hier eine wesentliche Stärke des Albums: dieses Nebeneinander aus Angriffslust und melancholischer Größe. Die druckvolle, transparente Produktion von 'Jacob Hansen' unterstützt das, indem sie dem Gesang Raum lässt und die Gitarren auch im massiven Gesamtklang erkennbar hält. Fein!

Dazu passt das Artwork von 'Tom Thiel': 'Odin' blickt uns hier mit blutiger Augenhöhle, Messer und Horn entgegen. Die Szene lässt sich als Darstellung seines Opfers für Erkenntnis lesen: Für einen Trunk aus dem Brunnen der Weisheit gibt er ein Auge hin. Auch bei den Göttern ist Weiterbildung offenbar nicht kostenlos. Das Motiv verleiht dem heroischen Auftreten eine verletzliche Seite – Wissen und Stärke haben hier ihren Preis. Die deutlichste Erweiterung liefert 'Upphaf', die meiner Recherche nach erste reine Akustiknummer der Band. Auf Grundlage von Strophen aus der 'Völuspá' entsteht eine ruhigere, beschwörende Atmosphäre. Akustische Gitarren und chorartige Stimmen ersetzen hier den üblichen Druck durch einen rituellen Charakter. Das passt zum mythologischen Rahmen und schafft zugleich eine spürbare Pause im Albumfluss. Die Wikinger setzen sich kurz hin, ohne deshalb gleich einen Entspannungskurs anzubieten. Entscheidend ist, dass die Nummer auch mit anderen Mitteln die vertraute Schwere und Feierlichkeit vermittelt.

Allerdings bringt diese Öffnung die bewährte Dramaturgie insgesamt nur begrenzt durcheinander. Viele Stücke steuern weiterhin auf einen großen, leicht erfassbaren Refrain zu, und das häufige Stampfen im mittleren Tempo lässt manche Höhepunkte ähnlich wirken. So entsteht Abwechslung eher durch unterschiedliche Stimmungen und Klangfarben als durch überraschende Wendungen. Das ist die eigentliche Grenze des Albums: Wenn fast jeder Aufmarsch nach derselben großen Geste verlangt, verliert diese etwas von ihrer Wirkung. Mehr Tempokontraste und weniger berechenbare Übergänge hätten die starken Melodien noch deutlicher hervortreten lassen. Wer eine Rückkehr zur rohen Frühphase sucht, bekommt hier vor allem die längst etablierte, bühnentaugliche Form der Band.

Als Anspieltipp empfehle ich bei diesem Album 'Gjallarhorn': Das antreibende Gitarrenriff und der prägnante Mitsingpart zeigen besonders unmittelbar, wie die Band Härte und hymnische Wirkung zusammenführt. Wer danach wissen möchte, wie weit sich dieser Stil öffnen lässt, sollte 'Upphaf' anschließen. Für mich ist 'The Allfather Awakens' ein gutes, stellenweise starkes Album, das seine vertraute Formel überzeugend auffrischt. Die melodischen Höhepunkte, die dunkleren Akzente und der akustische Gegenpol wiegen schwerer als die berechenbaren Muster, auch wenn diese eine größere Überraschung verhindern. Fans hymnischen Melodic Death Metals bekommen dabei eine klare Empfehlung; auch wer zuletzt etwas Abstand zu 'Amon Amarth' gewonnen hat, findet hier recht gute Gründe für einen neuen Versuch. Wer grundsätzlich mehr Risiko erwartet, wird dagegen weiterhin Grenzen sehen. Das Langboot hat dieselbe Form. Aber es fährt doch wieder mit genug Kraft, dass man gern an Bord geht.