Keine Ahnung haben, aber eine Meinung? Genau das bekommt ihr von mir! 1994 wurde Disillusion in Leipzig gegründet und es soll wohl melodischer Progessive Metal sein mit Death Anteilen (bei denen ich mir auf vorliegender Scheibe nicht sicher bin). Auf jeden Fall so gar nicht das, was sonst so durch meine Hallen tönt. Und beim Lauschen des vierten offiziellen Albums höre ich auch, was mich von solcher Musik fernhält. Aber auch o einiges, das mich in seinen Bann zieht. Aktuell aus 4 Personen bestehend ist Sänger und Gitarrist Andy Schmidt einzig verbliebenes Originalmitglied und da ich bisher, abgesehen von einem sehr schönen Live-Kontakt nichts mit den Herren zu tun hatte, wird sich Ahnungslosigkeit auch in die Reihe der Unzulänglichkeiten vorliegender Zeilen einreihen. Aber mei, die Herren spielen ungemein professionell an den Instrumenten, gerade in den emotionalen Momenten mit bluesigem Vibe macht es mir ungemein Spaß, weswegen ich über Gitarrensoli und zum Teil kalt wirkenden Rhythmuswechseln und mir (als alten Black Metaller) zu komplexen Songstruckturen hinwegsehen kann. Und Schmidts Gesang sorgt dafür, dass ich am Ball bleibe – in aggressiven Momenten erinnert er mich so sehr an Zak Tell von Clawfinger (vielleicht auch dem ähnlichen Entstehungsjahr geschuldet), in ruhigen, melodischen Momenten wirkt auch seine Stimme zerbrechlich und wirklich schön. Der Opener „Am Abgrund“ des optisch wundervoll gestalteten ‚Ayam‘ ist ein elfminütiges Wechselbad der Gefühle, nach dem Genuss weiß man, ob man mehr möchte oder nicht. Oder zumindest weiß man (wie in meinem Fall), dass man es weiter versuchen möchte. Disillusion pendeln (zumindest 2022) zwischen Welten: folkig-flüchtige Melodien, die bei mir emotional Erinnerungen an älteres Material von Empyrium wachrufen türmen sich mir nichts, dir nichts auf zu episch metallischen Refrains, die durch die klinische Abmischung und Abruptheit des Wechselns nicht Gefahr laufen, kitschigen Pathos aufzufahren. Das Drumming ist so abwechslungsreich wie der Rest der Instrumentalfraktion – meist eher rockig, gemächlich, sehr akzentuiert und passend spielt Drummer Martin Schulz deutlich so, als ob er die Handbremse immer gezogen hat, aber bereit ist, die zu kappen und schön schnell loszulegen. An manchen Stellen klingen Disillusion ein wenig Tool, dann wieder Devin Townsend und alles in allem wirklich geil im Zusammenspiel: Die Herren wecken bei mir Lust auf Sounds, die ich sonst meide. Gerade „Driftwood“ hat es mir sehr angetan, das Album ist aber auf Gesamtlänge stark. Emotional packende Refrains, schöne, folkige Momente, wirklich schöner Gesang und eine knallige Vorstellung an den Instrumenten – ich kann vielleicht nicht viel mit der Musik anfangen, das Lauschen konnte ich aber trotzdem genießen. Wie muss das wohl für Freunde solcher Klänge sein? Ich will es nicht mutmaßen, sondern ‚Ayam‘ einfach empfehlen.

Disillusion - Ayam
prophecy productions / 04.11.2022

https://disillusion-official.bandcamp.com/album/ayam

  1. Am Abgrund
  2. Tormento
  3. Driftwood
  4. Abide the storm
  5. Longhope
  6. Nine days
  7. From the embers
  8. The brook