Various Artists - Smothered Hope (A Tribute To Skinny Puppy)

Various Artists - Smothered Hope...

Ein Tribute-Album für 'Skinny Puppy' aufzunehmen, ist ungefähr so, als wolle man einen Albtraum restaurieren: Entfernt man zu viel Schmutz, bleibt ein erstaunlich normales Möbelstück übrig. Kopiert man jedes Knarzen und jeden Riss, kann man gleich beim Original bleiben. Entscheidend ist also nicht, ob die Beteiligten wie 'Skinny Puppy' klingen, sondern ob sie etwas von jener fiebrigen Unruhe einfangen, die diese Band über vier Jahrzehnte unverwechselbar machte. Dem Tribute-Album gelingt das erfreulich oft.

Seit ihrer Gründung 1982 in Vancouver ließen 'cEvin Key' und 'Nivek Ogre', später maßgeblich verstärkt durch 'Dwayne Goettel', Industrial regelrecht körperlich werden: elektronische Rhythmen, Samples, Geräusche und malträtierte Stimmen, zugleich tanzbar, politisch und latent gesundheitsgefährdend. Auch ihre Konzerte waren eher multimediale Horrorshows als normale Auftritte. 1988 wurden 'Key' und 'Ogre' nach einem Konzert in Cincinnati sogar festgenommen, weil ein Zuschauer die inszenierte Vivisektion eines Stoffhundes für echt hielt. Andere Bands bekommen Ärger wegen zu lauter Verstärker. 'Skinny Puppy' mussten erklären, dass der aufgeschlitzte Hund nur ein Requisit war.

Am 5. Dezember 2023 endete dann die Abschiedstournee für die Band im 'Belasco' in Los Angeles, doch die Spuren zwischen Industrial, Dark Electro, EBM und experimenteller Elektronik bleiben tief. Das deutsche Label '80s Records' versammelt nun 14 Projekte, die sich durch verschiedene Phasen dieser Geschichte arbeiten. Die digitale Veröffentlichung erschien am 12. September 2026; die CD ist auf 242 Exemplare limitiert – eine Zahl, die EBM-Kennern verdächtig bekannt vorkommen dürfte. Erfreulicherweise klingt das Ergebnis nicht nach einer Gruppe Erwachsener, die im Proberaum geschlossen ihre alten Industrial-Hemden anprobiert. Der Sampler besitzt ordentlich Druck, dunkle Stimmen und treibende Rhythmen, dazwischen öffnen sphärische Flächen den Klang. Besonders gefällt mir, dass keine künstliche Einheit erzwungen wird: Neben tiefen, wuchtigen Stimmen steht vergleichsweise klarer, unverzerrter Gesang. Das zeigt, dass Bedrohlichkeit nicht zwingend aus einem Effektgerät kommen muss. Manchmal genügt ein Sänger, der klingt, als wisse er etwas, das der Rest von uns lieber nicht erfahren sollte.

Rhythmisch marschiert die Sammlung meist dunkel nach vorn, ohne in gleichförmiges EBM-Gerumpel abzurutschen. Den auffälligsten Ausflug unternimmt 'Planetdamage' mit 'Sleeping Beast': technoid, minimalistisch und so deutlich aus dem Rahmen gefallen, als sei der Sampler kurz durch die Hintertür eines anderen Clubs gelaufen. Vollkommen in den Fluss passt das nicht, interessant bleibt es gerade deshalb. Lieber ein irritierender Seitensprung als 14 Varianten derselben rostigen Schablone. Ein Höhepunkt ist - na klar - 'Worlock' von 'The Mechanical Sheep'. Die Interpretation bleibt nah genug an der Vorlage, um deren Stimmung zu bewahren, besitzt aber eine eigene Handschrift – eher liebevolle Restaurierung mit modernen Bauteilen als mutwillige Neuerfindung. Für meinen Geschmack dürfte sie noch aggressiver und druckvoller ausfallen. 'Worlock' darf ruhig beißen; hier zeigt der Hund stellenweise etwas zu höflich die Zähne. Sehr gelungen ist die Version trotzdem.

Nicht überall stimmt das Verhältnis zwischen Atmosphäre und Durchschlagskraft. Bei einzelnen Beiträgen steht der Gesang weit hinten oder wirkt leicht dumpf, als melde sich der Sänger aus dem benachbarten Kellerraum. Das unterstützt bisweilen den gequälten Charakter, kostet aber auch Unmittelbarkeit. Andere Interpretationen bleiben so respektvoll, dass sie den letzten Schritt zur eigenen Aussage nicht wagen. Genau darin liegt die Schwierigkeit: Wer zu nahe am Original bleibt, liefert eine Kopie mit anderem Absender; wer sich zu weit entfernt, benutzt nur noch den Titel als Namensschild.

Wie überzeugend die Balance gelingen kann, zeigen 'The Juggernauts' mit - natürlich - 'Assimilate', für mich die stärkste Interpretation des Albums. Sie entfernt sich weit genug vom Original, um keine abgestaubte Reproduktion zu sein, bewahrt aber Spannung, Rhythmus und Wiedererkennungswert. Der Klassiker erhält ein muskulöses, modernes EBM-Gewand, ohne seine nervöse Seele an der Garderobe abzugeben. Genau so sollte ein Cover funktionieren: Es erinnert daran, warum man die Vorlage liebt, und liefert zugleich einen Grund, gerade diese Fassung erneut zu starten. Als geschlossenes Album funktioniert 'Smothered Hope' nicht vollkommen. Produktionen, Stimmen und stilistische Ansätze unterscheiden sich deutlich, der Wechsel von Dark Electro über atmosphärische Flächen bis zu minimaler Elektronik wirkt gelegentlich sprunghaft. Ein völlig glatter 'Skinny Puppy'-Tribut hätte sein Thema allerdings gründlich missverstanden; ein paar Ecken und offen liegende Kabel gehören dazu.

Unterm Strich ist 'Smothered Hope' aber eine starke Würdigung. Nicht jede Idee zündet, manchen Fassungen fehlen Mut oder Aggressivität, doch Druck, düstere Atmosphäre und Eigenständigkeit machen die Sammlung zu mehr als einer nostalgischen Pflichtübung. Empfehlenswert ist sie für Anhänger von 'Skinny Puppy', die Neuinterpretationen nicht für Sakrileg halten, ebenso wie für Freunde von Dark Electro, EBM und Electro-Industrial. Neueinsteiger bekommen einen abwechslungsreichen Eindruck vom Einfluss der Kanadier, sollten anschließend aber zu den Originalen weiterziehen. Der Sampler ersetzt sie nicht – er weckt zuverlässig Lust darauf. Mehr kann ein Tribute-Album kaum leisten.

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