'Patrick Stewart' ist tot! Am 28. Oktober 2026 verstarb der britische Schauspieler im Alter von 86 Jahren. Für Millionen Menschen wird er für immer 'Captain Jean-Luc Picard' aus 'Star Trek: The Next Generation' bleiben. Und wenn ich an ihn denke, höre ich sofort dieses eine Wort: „Engage!“ Ein Kommando, das Generationen von Science-Fiction-Fans im Ohr geblieben ist. Bei mir löst es allerdings noch eine ganz andere Erinnerung aus. Keine Raumschlacht, keine Enterprise, sondern einen verdammt genialen Industrial-Kracher: 'Futile (Nazi Bastard Mix)' von 'Velvet Acid Christ'. Ein gnadenlos nach vorne stampfender Electro-Track voller 'Star Trek'-Samples, der mir bis heute einen ordentlichen Adrenalinstoß verpasst. Grund genug, eine rund 30 Jahre alte CD aus der Versenkung zu holen. Captain, Kurs auf 1996!

Im diesem Jahr erschien mit 'Church Of Acid' eine der wegweisenden frühen Veröffentlichungen des amerikanischen Electro-Industrial-Projekts 'Velvet Acid Christ' um 'Bryan Erickson'. Die beim deutschen Label 'Off Beat' veröffentlichte europäische Ausgabe umfasst zwölf Stücke mit gut 66 Minuten Spielzeit und vereint überwiegend Material aus den ersten drei Eigenveröffentlichungen. Ergänzt wurde die Auswahl unter anderem durch 'Futile' und 'Disflux'. Wie die Musik überhaupt nach Europa gelangte, ist eine hübsche Geschichte: 'Bryan Erickson' drückte 'Bill Leeb' von 'Front Line Assembly' einige CDs in die Hand. Der reichte sie an 'Off Beat' weiter, und plötzlich wurde aus einem amerikanischen Underground-Projekt eine internationale Angelegenheit. Manchmal braucht es eben doch keine ausgeklügelte Marketingstrategie, sondern einfach nur die richtige CD in den richtigen Händen.

Musikalisch ist 'Church Of Acid' dabei eine wilde, eigenwillige Mischung aus Dark Electro, EBM, Industrial und elektronischen Experimenten. Harte, programmierte Beats treffen hier auf verschachtelte Sequenzen, verzerrte Stimmen, düstere Synthesizerflächen und eine ganze Armada unterschiedlichster Samples. Immer wieder schimmern Einflüsse aus Techno, Trance und Goa durch. Die Rhythmen können unerbittlich nach vorne treiben, während sich darüber bedrohliche Klangschichten auftürmen. Dann wiederum verliert sich die Musik in unruhigen, beinahe psychedelischen Soundlandschaften. Das klingt gelegentlich, als hätten 'Skinny Puppy' und 'Front Line Assembly' gemeinsam ein elektronisches Versuchslabor eröffnet und anschließend sämtliche Sicherheitsvorschriften entsorgt.

Doch wer hier einen geradlinigen Industrial-Durchmarsch erwartet, dürfte ziemlich schnell ins Stolpern geraten. 'Church Of Acid' ist musikalisch alles andere als bequem. Zwischen maschinell stampfenden Rhythmen, experimentellen Geräuschkulissen und beklemmenden elektronischen Flächen wechseln Tempo, Atmosphäre und Intensität immer wieder. Stimmen werden verfremdet, Sprachsamples zerlegt und mit elektronischen Klanggebilden verwoben. Klassische Songstrukturen treten dabei häufig in den Hintergrund. Stattdessen entstehen vielschichtige Kompositionen, deren Einzelheiten sich nicht unbedingt beim ersten Hören erschließen.

Und genau das macht für mich den besonderen Reiz dieser Veröffentlichung aus. 'Church Of Acid' ist roh, kantig, anspruchsvoll und stellenweise richtig anstrengend zu hören. Und das meine ich ausdrücklich positiv! Wer hier nur mit einem Ohr zuhört, verliert schnell den Anschluss. Kaum hat man einen Rhythmus durchschaut, funkt schon das nächste schräge Klangdetail dazwischen. Hinter scheinbar chaotischen Klanggebilden verstecken sich interessante rhythmische Strukturen, ungewöhnliche Arrangements und überraschende atmosphärische Wendungen. Man muss sich auf diese Musik einlassen, ihr Raum geben und gelegentlich auch ein wenig mit ihr kämpfen. Das ist kein Album für die Hintergrundbeschallung beim Sonntagsfrühstück. Es sei denn, man möchte, dass die Brötchen freiwillig den Tisch verlassen.

Dass die Zusammenstellung Material aus unterschiedlichen Entstehungsphasen vereint, hört man hier durchaus. Die Stücke unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Struktur, Produktion und musikalischen Ausrichtung. Doch gerade diese stilistische Unberechenbarkeit ist für mich kein grundsätzlicher Schwachpunkt, sondern eine ihrer größten Stärken. Die Veröffentlichung zeigt ein Projekt, das experimentiert, Grenzen auslotet und sich nicht auf einen bestimmten Klang festlegen lässt. Natürlich entwickelt nicht jede Passage denselben Sog, und manche ausgedehnten Wiederholungen verlangen dem Hörer einiges ab. Doch die Musik gewinnt gerade durch ihre Ecken und Kanten an Persönlichkeit. Wer hier perfekte Gleichförmigkeit sucht, hat vermutlich die falsche CD eingelegt.

Und dann wäre da natürlich noch dieser eine Track 'Futile (Nazi Bastard Mix)'. Meine persönliche Krönung dieser Veröffentlichung und ein absoluter Pflicht-Anspieltipp! Was hier aus treibenden Rhythmen, aggressiven elektronischen Sequenzen und den zahlreichen Dialogsamples aus 'Star Trek: The Next Generation' entsteht, ist schlichtweg fantastisch. Der Track stampft mit einer fast schon technoiden Wucht vorwärts, entwickelt einen unwiderstehlichen Sog und lässt kaum Gelegenheit zum Durchatmen. Wenn 'Picard' sein berühmtes „Engage!“ kommandiert und die bedrohlichen Stimmen der Borg in das musikalische Geschehen eingreifen, verschmelzen Science-Fiction und elektronische Tanzflächengewalt zu einem herrlich irrwitzigen Ganzen. Gut sechs Minuten geballte Energie, die auch drei Jahrzehnte später noch ordentlich zünden. Für mich einer dieser seltenen Remixe, bei denen einfach alles zusammenpasst. Da kann die Enterprise ihren Warp-Antrieb getrost ausgeschaltet lassen!

Eine besondere Geschichte besitzt dieser Titel übrigens ebenfalls. In einem Interview von 1997 erklärte 'Bryan Erickson', dass die amerikanische Ausgabe von 'Church Of Acid' aufgrund ungeklärter Rechte an Fernsehsamples ohne 'Futile' und 'Disflux' erscheinen musste. Er selbst hielt deshalb die europäische Version für die stärkere Veröffentlichung. Eine Einschätzung, der ich mich zumindest hinsichtlich 'Futile' ohne jede Diskussion anschließe. Ausgerechnet einer der größten musikalischen Höhepunkte fiel also jenseits des Atlantiks zunächst unter den Tisch.

Fazit: 'Church Of Acid' ist ganz sicher keine Veröffentlichung, die sich jedem sofort erschließt. Sie ist fordernd, ungeschliffen, musikalisch anspruchsvoll und manchmal schon regelrecht unbequem. Doch gerade diese Kompromisslosigkeit macht sie für mich so faszinierend. Die musikalische Vielseitigkeit, die ungewöhnlichen Klangexperimente und der raue Charakter sind keine Hindernisse, die man überwinden muss, sondern wesentliche Bestandteile des Hörerlebnisses. Wer Dark Electro, Industrial und experimentierfreudige elektronische Musik der Neunziger liebt und bereit ist, sich intensiv darauf einzulassen, bekommt hier eine bemerkenswerte Zusammenstellung voller Ideen, Energie und Persönlichkeit. Wer hingegen eingängige Melodien und unkomplizierte Unterhaltung erwartet, dürfte gelegentlich an seine Grenzen stoßen. Mich begeistert diese ungezügelte Kreativität – und natürlich ein Remix, der bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat.

Und damit zurück zu 'Patrick Stewart'. Seine unverwechselbare Stimme hat Fernsehgeschichte geschrieben und, wie diese Veröffentlichung eindrucksvoll zeigt, sogar außerhalb des Bildschirms musikalische Spuren hinterlassen. Für mich wird sie deshalb nicht nur mit der Brücke der Enterprise verbunden bleiben, sondern auch mit einem der mitreißendsten Electro-Stücke jener Zeit. Danke für unzählige unvergessliche Momente, 'Sir Patrick Stewart'. Engage!