Hmmm, eigentlich dachte ich, ich kenne mich in der dunklen Musikszene ganz ordentlich aus. Seit Jahrzehnten wühle ich mich durch elektronische Kellergewölbe, kenne Bands, deren Namen aussehen wie fehlgeschlagene WLAN-Passwörter, und habe vermutlich mehr verzerrte Stimmen gehört als ein durchschnittlicher Exorzist. Und dann fährt plötzlich 'Stuka 696' mit schwerem Gerät durch mein Wohnzimmer – eine Band, die offensichtlich bereits seit 2006 existiert und bislang komplett an mir vorbeigegangen ist. Was für eine Schande. Während ich also glaubte, die Szene aufmerksam zu beobachten, stand offenbar seit fast 20 Jahren ein Panzer hinter mir und hupte.
Das Passauer Projekt bezeichnet seinen Stil als „Industrial Body Music“. Nach wenigen Minuten von 'Hell On Earth' weiß man: Das ist keine Werbeaussage, sondern eine medizinische Warnung. Hier treffen die martialische Rhythmik und metallische Kälte von 'Feindflug' auf die finstere Aggression und Clubwucht von 'Suicide Commando'. Dazu kommen sägende Basssequenzen, Noise-Splitter, verzerrte Stimmen und Beats, die nicht höflich anklopfen, sondern samt Türrahmen eintreten.
'Hell On Earth' erschien schon am 7. Februar 2026 und bringt es mit 16 Stücken auf fast 74 Minuten. Der Titel ist dabei keineswegs übertrieben: Die Synthesizer ziehen dunkle Rauchschwaden durch den Raum, die Kickdrum marschiert unerbittlich vorwärts und der Bass reist weniger durch den Gehörgang als direkt durch das Brustbein. Das klingt fett. Nicht nur kräftig oder angenehm druckvoll, sondern wirklich fett – eben so, als hätten 'Feindflug' und 'Suicide Commando' gemeinsam einen Panzer gebaut und 'Stuka 696' anschließend den Schlüssel überlassen.
Trotz aller Härte bleibt die Musik erstaunlich tanzbar. Das ist kein abstrakter Industrial, bei dem drei Minuten lang jemand einen Heizkörper die Kellertreppe hinunterwirft und anschließend von Klangkunst spricht. 'Hell On Earth' will Bewegung – vorzugsweise mit schweren Stiefeln und etwas Sicherheitsabstand zu den Umstehenden. Besonders stark wird das Album immer dann, wenn Beats, Bass und kreischende Elektronik zu einer einzigen massiven Front verschmelzen. Dann entwickelt die Musik eine beinahe hypnotische Gewalt. 16 Stücke sind dann halt auch schon eine Ansage und weil 'Stuka 696' den eingeschlagenen Kurs sehr konsequent hält, verschwimmen bei einem vollständigen Durchlauf gelegentlich die Konturen. Zehn Minuten weniger hätten die Wirkung mancher Ideen vermutlich noch verstärkt. Andererseits gehört diese Maßlosigkeit zum Konzept: Ein Album namens 'Hell On Earth' wäre mit vornehmer Zurückhaltung ungefähr so glaubwürdig wie ein Luftangriff mit Blockflöte.
Als Anspieltipp eignet sich das Titelstück 'Hell On Earth'. Hier verdichtet sich alles, was das Album auszeichnet: brachiale Rhythmen, bedrohliche Elektronik, verzerrte Stimmen und jene Mischung aus Tanzfläche und Apokalypse, die 'Stuka 696' so wirkungsvoll beherrscht. Wer danach den Lautstärkeregler weiter nach rechts dreht, darf den Rest bedenkenlos folgen lassen. 'Hell On Earth' erfindet Dark Electro und Industrial nicht neu, setzt die vertrauten Bauteile aber mit beeindruckender Konsequenz und Wucht zusammen. Das Album besitzt Energie, Haltung und eine angenehm schmutzige Eigenständigkeit.
Wer also 'Feindflug', 'Suicide Commando', harten Dark Electro, Aggrotech und kompromisslose Maschinenmusik mag, sollte hier dringend hineinhören. Ich jedenfalls muss nun knapp 20 Jahre Szenegeschichte nachholen. Peinlich für mich – großartig für meine Lautsprecher.