Tja, die Wirklichkeit hat derzeit ein ernstes Imageproblem. Sie ist unübersichtlich, widersprüchlich und häufig nur schwer zu ertragen – während ihre virtuelle Konkurrenz wenigstens mit Filtern, Likes und hübschen Benutzeroberflächen lockt. Mildreda nutzen diese ungünstige Ausgangslage für ‘Realities’, eine 18-teilige philosophische Versuchsanordnung aus Dark Electro, Industrial, menschlichen Zweifeln und der Erkenntnis, dass auch Albert Camus vermutlich keinen besonders fröhlichen TikTok-Kanal betrieben hätte. Mildredas Wurzeln reichen bis in die Mitte der Neunziger zurück. Inspiriert von ‘The Klinik’ lieh sich der damals 15-jährige Jan Dewulf zunächst ein Keyboard und spülte später in einer Pizzeria Geschirr, um die erste eigene Studioausrüstung zu finanzieren. So romantisch begann Dark Electro offenbar, bevor Bandcamp und Schlafzimmerstudios den Abwasch überflüssig machten. Nach längerer Pause, der Arbeit mit ‘Diskonnekted’ und einem abgeschlossenen Philosophiestudium kehrte Mildreda 2016 mit ‘Coward Philosophy’ zurück. Es folgten ‘I Was Never Really There’ und das von Sartre geprägte ‘Blue-Devilled’.
Während der Vorgänger seine Dunkelheit noch mit sakralen Samples und beinahe kirchlicher Schwere ausstattete, klingt ‘Realities’ kälter, elektronischer und stellenweise erheblich ruppiger. Kanadisch geprägte EBM-Sequenzen treffen auf belgische Industrial-DNA, verzerrte Rhythmen, Noise-Ausbrüche und überraschend verletzliche Melodien. Dewulfs Stimme flüstert, erzählt, leidet und fährt bei Bedarf auch die verbale Kreissäge aus. Beim Hören musste ich tatsächlich mehrfach an die starke elektronische Phase von ‘In Strict Confidence’ denken: dieselbe Verbindung aus dunklen Sequenzen, Druck, Melancholie und großen Melodien. Eine Kopie ist Mildreda deshalb noch lange nicht. Wo ‘In Strict Confidence’ häufig elegant und beinahe majestätisch wirkte, lässt Dewulf mehr Schmutz, Brüche und philosophischen Bauschutt auf dem Studioboden liegen. Die Ähnlichkeit steckt eher in der Atmosphäre als im konkreten Klangbild.
Wer einen ersten Einstieg sucht, sollte mit ‘End Of The Line’ beginnen. Der Song verbindet eine eingängige Melodie mit der Erkenntnis, dass die Zahl möglicher Lebenswege mit zunehmendem Alter leider nicht größer wird. Ausgangspunkt war Dewulfs 45. Geburtstag und die Frage nach all den Leben, die man nicht gelebt hat. Das klingt auf dem Papier nach einer Einladung zum gepflegten Grübeln, besitzt musikalisch aber genügend Schub, um nicht im philosophischen Lesekreis stecken zu bleiben. Zwischen den längeren Songs tauchen immer wieder die sogenannten ‘Reality Checks’ auf. Sie sind keine gewöhnlichen Zwischenstücke, sondern kleine Fragmente, die Motive aufnehmen, verfremden und das Album zu einer zusammenhängenden Reise verbinden sollen. Das funktioniert häufig ausgezeichnet: Mal schaffen sie Raum, mal ziehen sie einem vorsorglich den Boden unter den Füßen weg. Nicht jeder dieser Einschübe wirkt allerdings unverzichtbar. Gelegentlich möchte man dem Reality Check selbst einen kurzen Realitätscheck empfehlen.
Als deutlich ungemütlicherer Anspieltipp empfiehlt sich ‘Rückwärts’. Constantin Warter „Breñal“ von ‘Calva Y Nada’ liefert den passenden Gastgesang zu einem Stück, das fragmentiert, aggressiv und herrlich ruppig durch die Lautsprecher marschiert. Wer wissen möchte, wie bissig ‘Realities’ werden kann, sollte hier genauer hinhören – vorzugsweise in einer Lautstärke, bei der die Nachbarschaft ebenfalls über die Absurdität des Daseins nachdenkt. Auf ‘Virtual Goddess’ ist außerdem Johan Van Roy von ‘Suicide Commando’ zu hören. Der Song nimmt soziale Medien, künstliche Selbstdarstellung und den täglichen Kampf um Herzen und Aufmerksamkeit auseinander, ohne den Hörer bequem aus der Verantwortung zu entlassen. Schließlich stehen wir nicht nur vor der digitalen Fassade – wir drücken auch fleißig auf „Gefällt mir“.
Den Schlusspunkt setzt ‘Reality’. Die ursprüngliche Idee dazu entstand bereits vor rund 30 Jahren, wurde für das Album aber musikalisch und textlich neu aufgebaut. Statt nur nach innen zu blicken, richtet sich der Song auf Krieg, mediale Gewalt und ökologische Zerstörung. Damit endet die Platte nicht mit einer Antwort, sondern mit der wenig beruhigenden Feststellung, dass die Wirklichkeit auch außerhalb des eigenen Kopfes genügend Probleme bereithält. Mit 72:47 Minuten verlangt ‘Realities’ allerdings Zeit und Aufmerksamkeit. Einige Passagen hätten etwas Straffung vertragen, und die wiederkehrenden Zwischenstücke bremsen gelegentlich den unmittelbaren Fluss. Gleichzeitig wäre eine kompakte Hit-Sammlung dem Konzept nicht gerecht geworden. Das Album will als Ganzes gehört werden – und die zweite CD wird erfreulicherweise nicht als Parkplatz für austauschbare Remixe missbraucht. Die limitierte Ausgabe erscheint stattdessen als 48-seitiges Artbook, gestaltet von Henk Willems.
Trotz aller Brüche und Noise-Ausbrüche ist ‘Realities’ wahrscheinlich Mildredas bislang zugänglichstes Album. Zugänglich bedeutet hier allerdings nicht bequem. Die Melodien und Emotionen öffnen mehr Türen als früher, dahinter wartet aber weiterhin ein ziemlich verwinkeltes Gebäude. ‘Realities’ ist ambitioniert, persönlich und musikalisch beeindruckend detailreich. Nicht jede Idee trifft mit derselben Wucht, doch gerade die Verbindung aus Verletzlichkeit, EBM-Druck und philosophischem Größenwahn macht das Album spannend. Sisyphus schiebt seinen Stein also weiter – diesmal immerhin mit einem ausgezeichneten Soundtrack.
Wir verwenden Cookies zur Optimierung unserer Webseite. Details und Einstellungen finden Sie in der Datenschutzerklärung und im Privacy Center. Ihre Einwilligung ist jederzeit widerrufbar. Soziale Netzwerke & Drittanbieter-Inhalte können angezeigt werden. Mit „Alle akzeptieren“ stimmen Sie (widerruflich) auch einer Datenverarbeitung außerhalb des EWR zu (Art. 49 (1) (a) DSGVO).