Der Dienstag hatte damals einen entscheidenden Vorteil: Er brachte mich in den Münchner Pulverturm. Beim „Dark Tuesday“ lief da nämlich fast ausschließlich Gothic und Wave und 'Stoa' von 'Stoa' gehörte für mich beinahe zum Wochenprogramm. Fast jede Woche war dieser Song wieder da. Andere Leute hatten einen festen Termin beim Sport, ich offenbar einen mit der gepflegten Schwermut. Nur dass diese Verabredung erstaunlich lange nachwirkte: Der Clubabend ging irgendwann zu Ende, die Musik blieb. Und mit ihr 'Urthona', ein Album, das sich bis heute in meinem Kopf behauptet, ohne dafür regelmäßig einen nostalgischen Staubwedel zu benötigen.
Man kann ein Album eben lieben, weil es einen an früher erinnert. Man kann aber auch feststellen, dass man es früher aus ziemlich guten Gründen geliebt hat. Bei 'Urthona' trifft für mich beides zu. Diese Musik funktioniert auch ohne imaginären Türstempel. Das 1991 gegründete Projekt verband in seiner frühen Phase die Kompositionen von 'Olaf Parusel' mit der Stimme von 'Conny Levrow'. Ihr 1993 bei 'Hyperium Records' veröffentlichtes Debüt gehört ins Umfeld von Neoklassik, ätherischem Darkwave und „Heavenly Voices“. Der Bandname verweist auf die stoische Philosophie, die 'Parusel' nach eigener Aussage in einer schwierigen Lebensphase Orientierung gegeben hatte. Dass diese persönliche Sinnsuche ihren Weg auf eine Gothic-Tanzfläche fand, erzählt einiges über die musikalische Offenheit der damaligen Szene.
Auch der Albumtitel hat Hintergrund: 'Urthona' stammt aus der Mythologie des Dichters und Künstlers 'William Blake' und steht für schöpferische Vorstellungskraft und Inspiration. Neben dessen Dichtung finden sich Texte von 'Alfred Lord Tennyson' und 'Kai U. Skerra'. Das klingt nach einer Platte, für die man vor dem Einlegen einen Bibliotheksausweis vorzeigen sollte. Glücklicherweise verlangen 'Stoa' keine literaturwissenschaftliche Aufnahmeprüfung. Die Verbindung von Musik, Poesie und philosophischen Gedanken erklärt ihren Anspruch; die emotionale Wirkung kommt auch ohne begleitendes Seminar an. Musikalisch liegt der besondere Reiz im Zusammenspiel von klassischer Formensprache und elektronischer Klangerzeugung. Streicherfarben und lang gehaltene Flächen bilden den Hintergrund, während Klavierpassagen und helle, cembaloartige Tastenfiguren die Melodien deutlicher zeichnen. Dadurch stehen feine, beinahe kammermusikalische Momente neben Arrangements mit größerer, sakral anmutender Weite. 'Urthona' klingt feierlich, doch die einzelnen Linien bleiben greifbar. Gerade die Verbindung aus ausladenden Klangräumen und überschaubaren melodischen Figuren macht diese Musik für mich so einprägsam: Sie kann entrückt wirken und einen trotzdem unmittelbar erreichen.
Den entscheidenden Ausdruck bringt 'Conny Levrows' klassisch geprägter Gesang hinein. Ihre Stimme hebt sich über die Instrumentierung, zieht die Aufmerksamkeit auf die Melodie und gibt den Kompositionen etwas zugleich Erhabenes und Empfindsames. Mir gefällt besonders, wie viel Gefühl dabei aus der Gesangsführung entsteht. Diese Musik muss ihre Traurigkeit nicht ständig zusätzlich unterstreichen. Die Stimme trägt sie bereits, während die Begleitung ihr Raum lässt. Das wirkt auf mich eindringlicher als demonstratives Drama. Auch die instrumentalen Abschnitte gehören zu dieser Wirkung. Sie schaffen Abstand zum Gesang und lenken den Blick auf die Arrangements. So entsteht innerhalb der gemeinsamen Stimmung Bewegung, ohne dass das Album dauernd seinen Charakter wechseln müsste. Seine Melancholie empfinde ich dabei als erstaunlich tröstlich. 'Urthona' bietet einen Ort zum Versinken, an den ich gern zurückkehre.
Die Grenze dieses Ansatzes liegt in der ausgeprägten Feierlichkeit. Wer kantige Brüche, drängende Beats oder ständig neue stilistische Überraschungen sucht, dürfte hier wenig glücklich werden. Über Albumlänge verlangt dieser Klangkosmos mehr Geduld als ein einzelnes Stück im Club. Für mich passt diese Konzentration zur Musik. Gerade beim Wiederhören ist es angenehm, wenn ein Album seiner Atmosphäre genug Zeit gibt, statt jede Pause vorsorglich mit einem neuen Einfall zu füllen Mein Anspieltipp bleibt 'Stoa': Hier treffen entrückter Gesang, getragener Aufbau und eine unmittelbar einprägsame Melancholie besonders wirkungsvoll zusammen. 'Olaf Parusel' bezeichnete das Stück später einmal selbst als Lieblingssong seines Debüts und verband es mit dem Beginn des Projekts. Offenbar hatte der Pulverturm einen ziemlich guten Draht zum musikalischen Kern der Sache. Für mich war dieser Song die Tür zum Album – und sie steht bis heute offen.
Für Freunde von ätherischem Darkwave, Neoklassik und ausdrucksstarkem Frauengesang ist 'Urthona' eine lohnende Entdeckung. Für mich zählt es zu den prägenden Alben meiner persönlichen Gothic- und Wave-Geschichte. Seine Melodien und die Verbindung von klassisch geprägter Stimme und elektronischen Arrangements tragen diese Zuneigung weiterhin. Der Pulverturm hat mich auf 'Stoa' aufmerksam gemacht. Dass ich Jahrzehnte später noch über dieses Album schreiben möchte, haben 'Stoa' selbst geschafft. Ein erstaunlich nachhaltiges Ergebnis für einen Dienstagabend.