Wenn 'Morrissey', 'Robert Smith' und 'Fields Of The Nephilim' zum Familienessen kommen, stellt man vorsichtshalber keine fröhliche Tischdecke hin. Bei 'A Slice Of Life' dürften sich alle drei musikalisch aber ziemlich wohlfühlen. Die 2016 gegründeten Belgier pflegen einen frischen und gitarrenbetonten Sound irgenwo zwischen Post-Punk, Wave und Gothic Rock, der seine Achtzigerverwandtschaft kaum verleugnen kann. Nach 'Restless' und 'Tabula Rasa' liegt mit 'Echoes Of Our Time' nun eine vier Songs kurze EP vor. Die spannende Frage: Haben die Gastgeber zwischen all den prominenten Verwandten auch selbst etwas zu erzählen?
Halt, zuerst aber noch zum Artwork. Das Cover scheint nämlich noch einen entfernten Verwandten mitgebracht zu haben: Das helle Einhorn vor schwarzem Hintergrund erinnert mich unweigerlich an das rotpinke Pferd auf 'Haus Der Lüge' von 'Einstürzende Neubauten'. Das ist aber nur eine rein optische Familienähnlichkeit – musikalisch zieht es 'A Slice Of Life' nämlich deutlich stärker zu melancholischen Gitarren als auf die industrielle Baustelle. Und mit denen wissen die Belgier umzugehen. Besonders gefällt mir hier das gekonnte Zusammenspiel aus dunkler Stimmung und melodischer Zugänglichkeit. Die Gitarren tragen reichlich Melancholie in sich, können atmosphärisch nachhallen, setzen aber ebenso klare, kantige Akzente. Darunter hält eine präsente Rhythmussektion die Musik in Bewegung. So entsteht ein Klang, der sich seiner Schwermut hingibt, ohne darin stecken zu bleiben. Man kann sich hier gedankenverloren in die Ferne wünschen – die Füße werden vermutlich trotzdem mitmachen.
Dabei greifen die unterschiedlichen Facetten erfreulich selbstverständlich ineinander. Die Nervosität des Post-Punk, die schimmernde Weite des Wave und die dunklere Schwere des Gothic Rock wirken wie Bestandteile einer gemeinsamen musikalischen Sprache. Mal treten die Melodien deutlicher hervor, mal gewinnt die Atmosphäre an Gewicht, mal bekommt das Gitarrenspiel mehr Biss. Gerade diese Wechsel machen die EP für mich reizvoll: Die Grundstimmung bleibt geschlossen, während sich innerhalb dieses Rahmens genügend bewegt. Einen erheblichen Anteil daran hat 'Dirk Vreys'. Sein Gesang lässt mich stellenweise schon an 'Morrissey' denken, insbesondere dort, wo sich Melancholie mit einer gewissen nachdrücklichen Eleganz verbindet. Noch deutlicher höre ich phasenweise auch eine stimmliche Nähe zu 'Robert Smith'. Das ist eine auffällige Verwandtschaft, die man kaum überhören kann und auch nicht krampfhaft wegdiskutieren muss. Entscheidend ist für mich aber sowieso, dass die Stimme die Songs trägt und ihre emotionale Wirkung verstärkt. Die Melodien bekommen Kontur, die dunkleren Momente zusätzliches Gewicht.
Und teilweise fühle ich mich dann auch wieder an 'Fields Of The Nephilim' erinnert. Weniger als durchgehende Blaupause, eher als ein Schatten, der gelegentlich über den Gitarren und der Atmosphäre liegt. Diese etwas schwerere, erdigere Seite tut der EP gut. Sie gibt der zugänglichen Melancholie eine rauere Oberfläche und verhindert, dass es zwischen all den schönen dunklen Klangfarben zu gemütlich wird. Natürlich liegt darin auch die Grenze von 'Echoes Of Our Time': Die musikalischen Bezugspunkte sind deutlich erkennbar. Wer nach einem grundlegend neuen Entwurf für Post-Punk und Gothic Rock sucht, wird hier vermutlich keine Offenbarung erleben. Für meinen Geschmack dürfte die Band ihre eigene Handschrift an manchen Stellen noch stärker gegenüber den vertrauten Vorbildern behaupten. Allerdings funktioniert das Material so überzeugend, dass mich diese Nähe beim Hören deutlich weniger beschäftigt als beim anschließenden Nachdenken darüber. Die Songs besitzen genügend melodische Substanz und Energie, um mehr zu sein als eine fachgerecht eingerichtete Achtziger-Gedenkstätte.
Als Anspieltipp empfehle ich einfach mal 'Back'. Der Song macht mit seiner eingängigen Melodik und dem melancholischen Gitarrenklang unmittelbar verständlich, was an dieser Band reizvoll ist. Die Verbindung aus Zugänglichkeit und dunkler Färbung gelingt hier besonders griffig; zugleich lässt sich an der Stimme gut nachvollziehen, warum einem die genannten Vergleiche in den Sinn kommen. Ein einladender Einstieg, der Lust auf die übrige EP macht. Für mich ist 'Echoes Of Our Time' eine starke, kompakte Veröffentlichung, deren Reiz aus Atmosphäre, Melodien und einem ausdrucksstarken Gesang entsteht. Die deutliche Achtzigerprägung gehört dabei zum Vergnügen, auch wenn sie den Überraschungsfaktor begrenzt. Wer melancholische Gitarren liebt und sich zwischen 'The Cure', 'The Smiths' und den dunkleren Rändern des Gothic Rock wohlfühlt, sollte 'A Slice Of Life' unbedingt eine Hörprobe gönnen. Ich jedenfalls hätte nach diesen vier Songs durchaus noch Platz für ein weiteres Stück gepflegter Schwermut.
A Slice Of Life - Echoes Of Our Time
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- Elec
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- Gothic / Mittelalter / DarkwaveReviews
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