Rosetta Stone - Executing Nostalgia

Rosetta Stone - Executing Nostalgia

'Executing Nostalgia' klingt nach einem drastischen Vorhaben. Andere Musiker rahmen ihre Vergangenheit ein; 'Rosetta Stone' bestellen dem Titel nach erst einmal das Erschießungskommando. Dabei hat der britische Musiker 'Porl King' reichlich Geschichte, auf die sich ein bequemer Rückblick bauen ließe: Gothic Rock seit den späten Achtzigern, prägende Jahre mit 'Rosetta Stone' und später die elektronischen Klangwelten von 'Miserylab' und 'In Death It Ends'. Seit 2019 führt er aber den alten Bandnamen als Soloprojekt weiter.

Sein neues Album stellt nun die eigenen musikalischen Wurzeln neben heutige Kompositionen. Da darf man gespannt sein, ob die Nostalgie am Ende überlebt – und in welcher Verfassung. Das am 25. September 2026 über 'Cleopatra Records' erschienene Album verbindet fünf eigene Kompositionen mit fünf Coverversionen und kommt von der Spielzeit her auf knapp 39 Minuten. Nach 'Nothing Is Sacred' und 'Dose Makes The Poison' aus dem Vorjahr greift 'Porl King' damit erneut auf fremdes Material zurück. Die Vorlagen stammen von 'Xmal Deutschland', 'Virgin Prunes', 'Colin Newman', 'Southern Death Cult' und 'Red Lorry Yellow Lorry'. Bei der Neuinterpretation von 'Incubus Succubus' übernimmt 'Thunder Bae' den Gesang. Damit liegen die musikalischen Wurzeln offen: früher Gothic und Post-Punk, betrachtet aus der Perspektive eines Musikers, der seitdem selbst einiges zu dieser Geschichte beigetragen hat.

Musikalisch verbindet 'Executing Nostalgia' mehrere Seiten von 'Porl King'. Schwerer, hallender Bass und verschwommene Gitarren treffen auf einen zurückgenommenen, beinahe murmelnden Gesang. Dabei variiert das Album seinen Ansatz: zwischen schlankem, frühem Gothic Rock, dem reduzierten Klang von 'Miserylab' und jener verhangenen Verbindung aus Darkwave und Witch House, die 'In Death It Ends' kennzeichnet. Die gemeinsame Dunkelheit hat damit unterschiedliche Konturen. Mich überzeugt diese Verbindung, weil sie die vertraute Gothic-Sprache um unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten erweitert. Der reduzierte Ansatz und die verhangene Elektronik geben dem Rückblick mehr als bloßen Wiedererkennungswert. Für mich liegt darin der eigentliche Reiz: Die späteren Erfahrungen von 'Porl King' werden Teil seiner musikalischen Geschichte.

Auch die Coverversionen passen in dieses Klangbild. Die Bearbeitungen respektieren die Vorlagen und lassen deren Charakter erkennbar, ohne den Zusammenhang des Albums aufzubrechen. Ihr Reiz liegt deshalb weniger in spektakulären Umbauten als in der Auswahl und Einordnung. Besonders der Abschlusstitel 'Talk About The Weather' verbindet mechanisch kreisende Rhythmen, knappe Gitarrenfiguren und energischeren Gesang. Dort werden die zuvor beschriebenen musikalischen Verbindungen greifbar: Früher Gothic und spätere elektronische Arbeit finden in derselben Interpretation zusammen. Die Grenzen sind trotzdem klar. Mit fünf Eigenkompositionen bietet 'Executing Nostalgia' nur zur Hälfte neues Songmaterial. Wer ein durchgehend neu geschriebenes Album erwartet, bekommt hier eine andere Art von Veröffentlichung. Die Coverhälfte gehört zum Konzept und trägt zum Zusammenhang des Albums bei. Auch stilistisch liegt der Reiz in der Verbindung vorhandener Ausdrucksmittel. Für eine radikale Neuerfindung ist diese Veröffentlichung die falsche Adresse. Ihre Stärke ist die geschlossene Atmosphäre, ihre Reichweite entsprechend begrenzt: Man muss die spröde Stimme, die dunklen Texturen und das beharrliche Kreisen der Rhythmen mögen.

Mein Anspieltipp ist 'Shadowban'. Der eigene Song bündelt den rhythmischen Ansatz mit seinem fast motorischen Puls und dem mantraartigen Gesang besonders anschaulich. Er ist deshalb ein sinnvoller Einstieg, bevor die bekannten Vorlagen ins Spiel kommen: Zuerst zeigt 'Rosetta Stone', was die eigene Musik zusammenhält. 'Executing Nostalgia' überzeugt durch seine dichte Atmosphäre und den musikalischen Zusammenhang zwischen eigenen Stücken und fremden Vorlagen. Die Schwere der Bässe, die verhangenen Gitarren und die beharrlichen Rhythmen geben dem Rückblick eine spürbare Gegenwart. Wer Gothic Rock auch in seiner elektronischen, spröden und repetitiven Form schätzt, findet hier ein stimmiges Album mit klarer Handschrift. Die Nostalgie überlebt also. Sie hat nur ihre Vitrine verlassen und sich wieder unter die Lebenden gemischt.

Rosetta Stone - Executing Nostalgia
Eingebettete Inhalte nicht verfügbar
Dieser Inhalt kann nicht angezeigt werden, da du der Verwendung externer Cookies und Inhalte von Drittanbietern nicht zugestimmt hast. Um das Video, Bild oder andere eingebettete Inhalte zu sehen, kannst du deine Cookie-Einstellungen hier anpassen . Weitere Informationen findest du in unserer Datenschutzerklärung . Vielen Dank für dein Verständnis.

Medienkonverter.de

Wir verwenden Cookies zur Optimierung unserer Webseite. Details und Einstellungen finden Sie in der Datenschutzerklärung und im Privacy Center. Ihre Einwilligung ist jederzeit widerrufbar. Soziale Netzwerke & Drittanbieter-Inhalte können angezeigt werden. Mit „Alle akzeptieren“ stimmen Sie (widerruflich) auch einer Datenverarbeitung außerhalb des EWR zu (Art. 49 (1) (a) DSGVO).