Zum Start ins Wochenende drehen wir die musikalische Uhr diesen Freitag wieder zurück auf das Jahr 1995. Unser heutiger Rückblick führt nach London – zumindest dem Namen nach. Tatsächlich stammen 'London After Midnight' aus Los Angeles, verweigern dem kalifornischen Sonnenschein aber entschieden die Zusammenarbeit. Das von Sänger, Songwriter und Multiinstrumentalist 'Sean Brennan' gegründete Projekt machte sich Anfang der Neunziger in der dortigen Clubszene einen Namen. Sein Debüt 'Selected Scenes From The End Of The World' verbindet düstere Romantik mit eingängigen Melodien und erstaunlich viel Bewegungsdrang. Wer dazu ausschließlich gepflegt Trübsal blasen möchte, muss damit rechnen, dass irgendwann der Fuß mitwippt. Sehr ärgerlich für die mühsam einstudierte Leidenspose.
1995 erschien das Album dann auch beim deutschen Label 'Apocalyptic Vision' auf CD und vergrößerte damit die europäische Hörerschaft des Projekts. Seine ursprüngliche Kassettenfassung datiert die offizielle Bandchronik bereits auf 1991. Für diesen Rückblick steht die 1995er Ausgabe als CD im Mittelpunkt: ein Album, das zeigt, wie lebendig und zugänglich Gothic Rock in den Neunzigern klingen konnte, ohne seine unheimlichen Seiten aufzugeben. Die Wurzeln reichen in Post-Punk, Deathrock und Batcave. Entsprechend besitzt die Musik neben ihrer romantischen Seite auch etwas Raues und Nervöses. Gitarren ziehen klagende Linien, verdichten sich zu schärferen Riffs oder halten mit wiederkehrenden Figuren die Spannung. Schwere Bassläufe geben den Songs Gewicht, während die Rhythmik sie vorwärtsdrängt. Besonders wichtig sind die Keyboards: Ihre flächigen und stellenweise aufwendig geschichteten Klänge verleihen den Arrangements Tiefe. So entsteht mehr als bloß Gitarrenrock mit einem dekorativen Schleier darüber.
Für mich liegt die Stärke des Albums heute wie damals darin, wie selbstverständlich diese Atmosphäre mit einprägsamen Melodien zusammengeht. Die Songs bleiben zugänglich, auch wenn sie sich bedrohlich oder entrückt geben. Zwischen schwermütiger Romantik, sinnlicher Spannung und energischeren Passagen entwickelt sich ein reizvolles Wechselspiel. Zum demonstrativen Leiden auf dem Sofa ist das stellenweise schlicht zu lebendig. Genau darin liegt auch ein guter Grund, die Platte heute wieder hervorzuholen: Sie erinnert daran, wie viel Schwung und unmittelbaren Reiz diese Spielart des Gothic Rock besitzt. 'Sean Brennan' trägt dazu entscheidend bei. Sein Gesang wirkt verführerisch, manchmal distanziert, dann wieder drängender. Die Stimme passt zu einer Musik, in der Zuneigung schnell etwas Beunruhigendes bekommt. Auch thematisch bleibt es nicht bei romantischer Sehnsucht: Bedrohung, erotische Untertöne und morbider Humor gehören ebenfalls dazu. Das lockert den Ernst auf, ohne die Stimmung ins Lächerliche zu ziehen. Bei aller großen Geste bleibt Platz für das Vergnügen am Schaurigen.
Mein Anspieltipp ist ganz klar 'Sacrifice'. Anschwellende Streicherklänge, die durch Echo entrückte Stimme und die sehnsüchtige Melodie bringen die romantische Seite des Albums besonders eindringlich auf den Punkt. Der ausgedehnte Aufbau lässt diesen Elementen Zeit, ihre Wirkung zu entfalten. Gerade diese Geduld macht den Song so reizvoll: Man kann sich auf die wiederkehrende Melodie einlassen, während sich das Gefühl von Hingabe immer weiter verstärkt. Eine beiläufige Liebeserklärung ist das wahrlich nicht. Hier wird gleich das eigene Selbst als Geschenk angeboten; Blumen hätten es vermutlich auch getan.
Die Grenze dieses Ansatzes liegt in seiner Vorliebe für theatralische Gefühle und ausgiebig ausgekostete Stimmungen. Die Arrangements verlangen Geduld mit wiederkehrenden Figuren; die romantischen Gesten brauchen gelegentlich reichlich Platz. Wer trockenen, knappen Post-Punk bevorzugt, dürfte sich hier etwas mehr Zurückhaltung wünschen. Der Hang zum Pathos bleibt Geschmackssache. Für mich tragen die starken Melodien diesen Überschwang, auch wenn man dafür eine gewisse Schwäche mitbringen sollte.
'Selected Scenes From The End Of The World' lohnt den Rückblick, weil hier Atmosphäre, Melodien und Energie so wirkungsvoll ineinandergreifen. Mich überzeugt besonders, dass die Musik bei aller Düsternis Lust aufs Weiterhören macht. Für Freunde von melodischem Gothic Rock, sinnlichem Gesang und morbider Romantik bleibt das ein lohnendes Album; 'Sacrifice' ist der ideale Einstieg. Der angekündigte Weltuntergang kann warten. Diese Platte hat definitiv noch ein paar gute Nächte vor sich.