Wer seine Band 'Schmerz' nennt, der hat die Frage nach der musikalischen Grundstimmung eigentlich schon selbst beantwortet. Da erwartet man weder eine Polonaise noch einen Refrain, bei dem sich wildfremde Menschen mit Bierbechern in den Armen liegen. Überraschender ist hier für mich aber die Herkunft: Das Projekt stammt aus Lima, Peru. Gepflegte Schwermut gedeiht offenbar auch weit entfernt von deutschen Novembernachmittagen hervorragend. Aus dem ursprünglichen Soloprojekt ist laut Facebook inzwischen ein Duo um 'Hitam Laga' und 'Casiopea' geworden, das sich zwischen Darkwave, Coldwave und elektronischem Post-Punk bewegt. Mit 'Limerence' liefern die beiden nun ein Album, das mich wirklich ausgesprochen begeistert.
Zur bisherigen Diskografie gehören die selbst betitelte EP von 2020, 'Mölka' von 2021 und das Album 'Lamentum' von 2023. Im April 2026 folgte eine Bearbeitung von 'Love My Way' von 'The Psychedelic Furs' als Vorbote der neuen Veröffentlichung. Den Vorgänger kenne ich bislang nicht. Wie sich 'Schmerz' gegenüber früheren Arbeiten verändert haben, kann ich deshalb nicht beurteilen. Dieses Album macht mir aber erheblich Lust, die entstandene Bildungslücke zu schließen. Die beste Werbung für eine Diskografie ist eben immer noch eine Platte, die einen packt.
Auch der Titel passt: 'Limerence' widmet sich einer obsessiven Verliebtheit, bei der das Gegenüber irgendwann mehr Platz im eigenen Kopf beansprucht als die eigene Vernunft. Das Konzept führt von Begehren und Idealisierung über Unsicherheit und Abhängigkeit bis zu Verlust und Leere. Die Schmetterlinge im Bauch haben hier offenbar irgendwann die Hausverwaltung übernommen. Erschienen ist das elf Stücke umfassende Album am 24. August 2026. Laut Band stecken zwei Jahre Arbeit in der Eigenproduktion; Aufnahme, Produktion und Mastering erfolgten in den 'Khrome Studios'.
Schon das kurze, düstere Intro 'Aether' steckt den atmosphärischen Rahmen ab. Danach entfaltet sich eine Klangwelt aus kalten Synthesizern, Post-Punk-Gitarren und einer ausgeprägten dunklen Grundstimmung. Besonders gefällt mir das Zusammenspiel: Die Elektronik verleiht der Musik eine kühle Kontur, während die Gitarren eine zusätzliche emotionale Spannung hineinbringen. Dadurch wirkt der Sound gleichzeitig kontrolliert und empfindsam. Diese Mischung lässt mich näher hinhören, weil hinter der klanglichen Kälte etwas sehr Persönliches spürbar wird.
Am deutlichsten trifft mich das bei 'Noctivague', meinem klaren Anspieltipp. Hier kommen eine packende Melodie, ein mitreißender Schwung und eine dunkle Stimme zusammen, die dem Stück genau die richtige Färbung gibt. Die Melodie zieht mich hinein, die Bewegung hält mich dabei, und der Gesang bewahrt jene geheimnisvolle Distanz, die so gut zur Musik passt. Dazu erzählt der Text von einer Person, die im eigenen Inneren weiterlebt: im Puls, in den Gedanken, als stille Kraft, der man sich kaum entziehen kann. Jeder Versuch, sich zu lösen, führt wieder zurück. Genau darin liegt für mich die besondere Spannung dieses Songs. Sein Schwung trägt einen vorwärts, während die Worte das emotionale Feststecken beschreiben. Man möchte sich dazu bewegen und gerät gedanklich doch immer wieder an denselben Ort. Selten hat das schlechte Wetter im Kopf derart gute Gesellschaft.
Was 'Noctivague' für mich dann auch besonders stark macht, beschreibt zugleich einen wesentlichen Reiz des Albums: Gefühle werden greifbar, ohne dass die Musik ihre Unnahbarkeit verliert. Man kommt ihnen nahe und schaut doch wie durch eine Scheibe darauf. Auch 'Limerent' und 'Ecdysis' treffen dieses Verhältnis von Intimität und Abstand ausgesprochen überzeugend und gehören für mich zu den weiteren Höhepunkten. Zusammen mit den Texten über Erinnerungen, Abhängigkeit und schmerzhafte Bindungen ergibt sich eine Welt, in der Klang und Thema gut ineinandergreifen.
Auch die Produktion überzeugt mich. 'Limerence' klingt professionell; die kühle Elektronik und die emotional aufgeladenen Gitarren ergänzen sich ausgesprochen gut. Die von der Band genannten Lo-Fi-Techniken passen zu dieser Ästhetik. Dass 'Schmerz' dieses Zusammenspiel in Eigenproduktion so souverän umsetzen, beeindruckt mich wirklich: Die klangliche Kälte lässt die Gefühle dahinter umso deutlicher hervortreten. Die ausgeprägte dunkle Grundstimmung setzt allerdings eine gewisse Freude an Melancholie voraus. Wer sich auf diese emotionale Temperatur einlässt, findet hier viel, das unter die Haut geht.
'Limerence' ist für mich somit eine wirklich hervorragende Entdeckung: ein starkes, selbst produziertes Album mit kalten Synthesizern, emotionaler Spannung und einem besonders gelungenen Zusammenspiel von Darkwave und Post-Punk. Wer diese Klangwelt mag, sollte unbedingt reinhören. Mein Einstieg heißt 'Noctivague'; meine Empfehlung gilt dem gesamten Release. 'Schmerz' verdienen damit deutlich mehr Aufmerksamkeit. Der Name verspricht 'Schmerz'. Dass man sich beim Hören derart darüber freuen kann, muss einem auch erst einmal jemand erklären.