Es gibt Musiker die ziehen nach Berlin und entdecken dort Sauerteig, Lastenräder sowie die erstaunliche Tatsache, dass ein Espresso dort inzwischen fast schon den Gegenwert einer kleineren Eigentumswohnung besitzt. 'Daniel Knutz' hat offenbar andere Prioritäten gesetzt. Der in Brasilien geborene Musiker sammelte lieber die feuchten Keller, flackernden Neonröhren und nachts leicht lebensmüde wirkenden U-Bahnhöfe der Hauptstadt ein, warf alles gemeinsam mit Synthesizern, Drum Machine und reichlich persönlichem Weltschmerz in einen schwarzen Kessel – und nennt das Ergebnis dann: 'Echoes'. Ganz neu im Geschäft ist 'Daniel Knutz' allerdings dann doch nicht. Gemeinsam mit seinem Bruder 'Tiago Abud' gründete er die brasilianische Gothic- und Deathrock-Band 'The Knutz', bei der er als Sänger und Gitarrist aktiv war. Mit 'Echoes', das am 7. August 2026 über 'Cold Transmission Music' erschienen ist, rückt er nun vollständig ins Zentrum seiner eigenen Dunkelkammer. Musik, Texte, Einspielung, Aufnahme und Mix verantwortete er selbst, das Mastering übernahm 'Pete Burns' im Studio 'The Shelter'.
Passend zu diesem ausgeprägten DIY-Gedanken erscheint das Album nicht nur digital in 24 Bit und 48 kHz, sondern gleich in mehreren physischen Varianten: als CD im sechsseitigen Digipak samt Textheft, als limitierte gelbe Vinyl-LP mit Textbeilage sowie als ebenfalls limitierte Kassette mit gelbem Gehäuse. Für besonders entschlossene Sammler existiert darüber hinaus eine schwarze Testpressung im schmucklosen schwarzen Cover – vermutlich die passende Ausgabe für Menschen, denen selbst ein reguläres Gothic-Artwork bereits verdächtig farbenfroh erscheint. Einen kleinen Unterschied gibt es allerdings: Während die digitale Fassung elf Stücke enthält, endet die Vinyl-Ausgabe bereits nach zehn. 'Too Late' bleibt hier ausgerechnet ihrem eigenen Titel entsprechend außen vor. Musikalisch bewegt sich 'Echoes' zwischen Darkwave, Post-Punk, Coldwave, Deathrock und minimalistischer Elektronik. Eine revolutionäre Mischung ist das für mich zunächst erstmal nicht. Entscheidend ist deshalb weniger welche Zutaten 'Daniel Knutz' verwendet, sondern eher wie glaubwürdig er daraus seine eigene Welt erschafft. Und genau darin liegt eine der größten Stärken dieses Albums.
Die elf Stücke werden von tiefen, auffallend präsenten Basslinien zusammengehalten. Darüber ziehen kühle Synthesizerflächen, scharfkantige elektronische Figuren und sparsam eingesetzte Gitarren ihre Kreise. Die Rhythmen sind meist geradlinig, stoisch und bewusst einfach gehalten, besitzen aber genügend Druck und Bewegung, um aus der privaten Depression wenigstens noch einen einigermaßen würdevollen Tanzabend zu machen. 'Echoes' springt nicht nervös von Idee zu Idee. Das Album baut eine Atmosphäre auf, bleibt darin und schließt vorsichtshalber noch die Tür ab. Über allem liegt die tiefe Baritonstimme von 'Daniel Knutz'. Sie ist das stärkste Erkennungsmerkmal des Albums: schwer, beschwörend und häufig näher am getragenen Deklamieren als am klassischen Gesang. Assoziationen an 'Peter Murphy', 'Andrew Eldritch' und stellenweise an die majestätische Schwärze von 'Type O Negative' drängen sich mir da auf, ohne dass 'Knutz' aber wie eine bloße Kopie seiner Vorbilder klingt. Seine Stimme besitzt nicht die größte Beweglichkeit, dafür aber enormes Gewicht. Wenn dieser Mann beim Bäcker zwei Brötchen bestellt, klingt es vermutlich, als hätte er gerade das endgültige Scheitern der menschlichen Zivilisation verkündet.
Über die gesamte Spielzeit zeigt sich allerdings, dass diese stimmliche Dominanz nicht nur eine Stärke ist. Meist zieht der Bariton tief in die Musik hinein und verleiht selbst einfachen Passagen eine beinahe feierliche Intensität. Auf Albumlänge kann die gleichbleibend schwere Vortragsweise jedoch auch ermüden. Große dynamische Sprünge, überraschende stilistische Wendungen oder plötzlich hereinbrechende Sonnenstrahlen sind nicht vorgesehen. Auch die Arrangements folgen häufig einem ähnlichen Prinzip. Bass, Rhythmus und elektronische Flächen bilden das stabile Gerüst, während Stimme und wiederkehrende Synthesizerfiguren für den eigentlichen Charakter sorgen. Das funktioniert ausgezeichnet, wenn Melodie und Atmosphäre ineinandergreifen und aus der Reduktion eine beinahe hypnotische Wirkung entsteht. An anderen Stellen drehen manche Motive jedoch ein oder zwei Runden mehr als nötig. Nicht jede musikalische Idee trägt ihre Länge vollständig, und gelegentlich hätte ein beherzter Schnitt zusätzliche Spannung erzeugt. Dennoch wirkt die Geschlossenheit von 'Echoes' überwiegend wie eine bewusste Entscheidung und nicht wie ein Mangel an Ideen. Das Album möchte kein buntes Schaufenster sämtlicher Fähigkeiten seines Schöpfers sein. Es ist ein sehr persönlicher Raum, in dem Verlust, Vergänglichkeit, Erinnerung, Einsamkeit, Widerstand und Hoffnung immer wieder an dieselben Wände schlagen. 'Daniel Knutz' klingt dabei nicht, als hätte er sich für das Wochenende eine düstere Künstlerfigur übergezogen. Die Schwermut wirkt glaubwürdig, gelebt und gelegentlich beinahe unangenehm nah.
Passend dazu bleibt die Produktion bewusst rau und reduziert. Hier wurde nicht jede Kante rundpoliert und anschließend mit digitalem Raumduft eingesprüht. Der ausgeprägte DIY-Charakter verleiht 'Echoes' Persönlichkeit und eine angenehm schmutzige Direktheit. Gleichzeitig legt er offen, dass einige Beats und Synthesizerpassagen recht schlicht konstruiert sind. Wer makellosen Hochglanz oder elektronische Feinarbeit bis in den letzten Winkel erwartet, könnte enttäuscht sein. Dieses Album möchte nicht glänzen. Es möchte im Halbdunkel stehen und so lange zurückstarren, bis man sich freiwillig unwohl fühlt. Ähnlich verhält es sich mit den englischen Texten. Inhaltlich sind sie ernst, persönlich und emotional nachvollziehbar, sprachlich jedoch nicht immer besonders elegant. Manche Zeilen bleiben sehr direkt, andere leben stark von Wiederholungen. Gelegentlich wäre etwas mehr poetische Präzision wünschenswert gewesen. Andererseits passt auch diese Unmittelbarkeit zum ungeschliffenen Charakter der Musik. 'Daniel Knutz' schreibt keine verklausulierten Abhandlungen über die Abgründe des Daseins. Er zeigt auf den Abgrund und sagt sinngemäß: Da unten sieht es ziemlich beschissen aus.
Was mich an 'Echoes' letztlich überzeugt, ist die Mischung aus Melancholie und Widerstand. Das Album versinkt nicht vollständig im Selbstmitleid. Unter der Trauer liegt stets eine trotzige Bewegung nach vorn. Die Musik kauert nicht nur in einer inneren Höhle und beklagt die Dunkelheit – sie beginnt irgendwann, deren Wände mit Basslinien zu beschriften. Auch die von 'Daniel Knutz' ausdrücklich vertretene antifaschistische Haltung fügt sich in dieses von Widerstand und Verweigerung geprägte Gesamtbild ein. Am Ende ergibt sich ein geschlossenes, wenn auch nicht durchgehend abwechslungsreiches Werk. 'Echoes' ist düster, aber nicht leblos; traurig, aber nicht wehrlos; reduziert, aber keineswegs bedeutungslos. Das Album erfindet weder Darkwave noch Post-Punk neu. Dafür besitzt es etwas, das bei technisch perfekteren Produktionen häufig fehlt: eine unverkennbare Persönlichkeit.
Wer Darkwave, Deathrock und minimalistischen Post-Punk mag, markante Baritonstimmen schätzt und sich gerne über längere Zeit in eine konsequent verdunkelte Atmosphäre hineinziehen lässt, sollte 'Echoes' kennenlernen. Freunde von 'Bauhaus', 'The Sisters Of Mercy', 'Clan Of Xymox' und 'Type O Negative' dürften genügend vertraute Dunkelheit entdecken, ohne lediglich eine Kopie der alten Helden serviert zu bekommen. 'Daniel Knutz' liefert kein perfektes Album und keine Neuerfindung der schwarzen Musik – aber ein persönliches, eigenwilliges und emotional geschlossenes Solodebüt mit reichlich Atmosphäre und ordentlich Friedhofserde unter den Fingernägeln. Manchmal ist ein ehrliches Echo eben spannender als ein makelloser, aber völlig leerer Ruf.
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