Ich weiß nicht mehr, was ich 1992 für eine Pizza bezahlt hätte. Dass mich 'Dark Star Tour ’92 Live' ein Schweinegeld gekostet hat, weiß ich dagegen echt noch sehr genau. Im Freundeskreis hatten wir damals 'Dark Star' längst gehört, weiterempfohlen und irgendwann mit einer Ernsthaftigkeit vergöttert, die jeder vernünftigen Kaufentscheidung im Weg stand. Für mich war das Studioalbum von 'Deine Lakaien' eines meiner ersten Electro-Alben auf CD. Die Livescheibe musste also her. Heute fällt mir beim Wiederhören auf, wie schnell sich die Sache rechnen ließ. Fünf meiner Lieblingssongs auf einer Platte. Ich hätte mir die Empörung an der Kasse eigentlich sparen können.
Aber erstmal zurück in ein anderes Jahrtausend. 1992 verschickte man für eine Musikempfehlung keinen Link. Man legte die Platte auf, lieh sie aus oder drückte jemandem eine überspielte Kassette in die Hand. Im Sommer stand 'Rhythm Is A Dancer' von 'Snap!' in Großbritannien auf Platz eins - oha - , im Oktober erschien die Liveplatte von 'Deine Lakaien', und im Dezember ging meiner Recherche nach die erste SMS der Welt raus. Sie lautete „Merry Christmas“. Für die wesentlich dringendere Nachricht „Du musst dir 'Dark Star' anhören“ brauchten wir im Freundeskreis keine neue Technik. Wer vorbeikam, bekam die Scheibe irgendwann einfach zu hören.
Für 'Alexander Veljanov' und 'Ernst Horn' war der Schritt auf die Bühne damals eine kleine Grundsatzfrage. 'Deine Lakaien' hatten sich als Studioprojekt verstanden, doch nach dem Durchbruch mit 'Dark Star' 1991 wollten die Leute die Songs auch live hören. Anfang 1992 führte die Tour dann unter anderem in den Leipziger Eiskeller, die Hamburger Markthalle und das Augsburger Ostwerk. Mit dem Geiger 'Christian Komorowski' und dem Multiinstrumentalisten 'Michael Popp' richtete das Duo die Stücke für die Bühne neu ein. Die Elektronik wurde live gespielt, dazu kamen unter anderem Geige und eine Drehleier. Für eine Band, die man damals vor allem mit Synthesizern verband, war das schon eine hübsche Überraschung. Und für die Leute beim Soundcheck vermutlich auch.
Die Liveplatte fängt gleich mit zwei meiner Favoriten an. 'Colour-Ize' und 'Love Will Not Die' stammen vom selbstbetitelten Debüt aus dem Jahr 1986. Das Album blieb zunächst weitgehend unbeachtet, doch 'Colour-Ize' gelangte laut Band zu einigen DJs. Als Opener des Livealbums leuchtet mir sofort ein, warum ausgerechnet dieses Stück hängen blieb. Der elektronische Puls hält es in Bewegung, während 'Veljanov' darüber mit einer Ruhe singt, die mich auf seine Stimme zieht. Bei 'Love Will Not Die' rückt die Melodie noch stärker nach vorn. Zwei Songs sind durch, und ich weiß wieder, wie aus „Hör mal kurz rein“ ein ganzer Abend werden konnte.
'Love Me To The End' ist für mich dann aber der intimste meiner fünf Favoriten. Die Melodie sitzt sofort, und 'Veljanov' hat genug Raum, um die Sehnsucht des Stücks mit seiner Stimme zu tragen. Bei 'Dark Star' darf es später kantiger werden. Auf dem Studioalbum ist der Titel der Auftakt, auf der Liveplatte kommt er erst an zehnter Stelle. Bis dahin hat das Konzert längst gezeigt, wie leise es werden kann. Gerade deshalb wirkt der energischere Rhythmus hier so gut. Und dann kommt kurz vor Schluss noch 'Reincarnation', mit diesem beharrlichen Puls und einer Melodie, die bei mir auch nach dem Abspann noch weiterläuft. Fünf Favoriten hatte ich mir vorgenommen. Bei einer anderen Platte wäre das schon die halbe Best-of.
An manchen Stellen liegt das Pathos freilich dick auf. Wenn Stimme und Arrangement gleichzeitig auf die große Geste setzen, wird mir das zwischendurch etwas schwer. Am meisten packen mich 'Deine Lakaien', wenn die beiden Kräfte gegeneinander arbeiten. Ein Rhythmus hält das Stück in Bewegung, während 'Veljanov' sich zurücknimmt. Oder die Stimme wird nachdrücklicher, während darunter Platz bleibt. Die Bühnenbesetzung macht die Unterschiede zwischen den Stücken hörbar. Genau deshalb lohnt sich die Liveplatte für mich auch dann, wenn man die Studiofassungen längst kennt.
Mein Anspieltipp ist natürlich 'Colour-Ize' in der Livefassung. Der Auftakt bringt den elektronischen Puls und die tiefe, ruhige Stimme so selbstverständlich zusammen, dass man sofort versteht, was mich damals an dieser Band gepackt hat. Und wer ohnehin schon die Hand an der Skip-Taste hat, kann sie dort kurz liegen lassen. Als Nächstes kommt 'Love Will Not Die'. Damals habe ich die Liveplatte gekauft, weil ich 'Dark Star' so gut fand. Heute lege ich sie genauso gern wegen der frühen Stücke auf, die 'Deine Lakaien' mit auf die Bühne genommen haben. Wer auch heute noch melodischen Darkwave, markanten Gesang und Elektronik mag, die sich mit einer Geige und einer Drehleier die Bühne teilt, bekommt hier auch im Jahr 2026 einen guten Einstieg in die frühen Jahre des Duos. Über den Preis habe ich mich einmal geärgert. Über die Platte freue ich mich heute immer noch.
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