Es gibt einen einfachen Test, wie tief die Achtziger noch im eigenen Betriebssystem stecken: Jemand sagt „Maria Magdalena“, und im Kopf setzt ungefragt der Refrain ein. Kein Update verfügbar, Deinstallation unmöglich. 'Sandra' hat sich dort offenbar lebenslange Administratorrechte in meinem Hirn gesichert. Ihr Solodebüt 'The Long Play' von 1985 auf diesen einen hartnäckigen Ohrwurm zu reduzieren, wäre allerdings total ungerecht. Für mich hat sie aber auf keinem anderen Album diese Balance aus unmittelbarer Eingängigkeit, nächtlicher Atmosphäre und abwechslungsreichen Popsongs so überzeugend getroffen.
Als 'Sandra' damit international durchstartete, war sie längst keine Anfängerin mehr. Mit dem Frauentrio 'Arabesque' hatte die gebürtige Saarbrückerin vor allem in Japan Erfolge gefeiert. Der anschließende Soloversuch 'Japan Ist Weit', eine deutsche Fassung von 'Alphavilles' 'Big In Japan', brachte 1984 noch nicht den erhofften Durchbruch. Der folgte im Jahr darauf mit '(I'll Never Be) Maria Magdalena'. Das im November 1985 bei Virgin veröffentlichte Debütalbum erreichte in Deutschland Platz zwölf und machte deutlich, dass hinter dem Singleerfolg ein überzeugender musikalischer Entwurf stand.
Dessen Architekt war Produzent 'Michael Cretu', unterstützt von einem kreativen Umfeld, zu dem 'Hubert Kemmler', bekannt als 'Hubert Kah', sowie 'Markus Löhr' und 'Klaus Hirschburger' gehörten. Besonders 'Kemmlers' Hintergrundgesang wurde zu einem wichtigen Bestandteil des frühen 'Sandra'-Sounds. 'Cretu' verantwortete neben Produktion und Arrangements die Keyboards und Drumcomputer, 'Löhr' steuerte Gitarren bei. Diese Verbindung aus elektronischer Präzision und gezielt eingesetzten menschlichen Akzenten prägt die gesamte Platte.
Was mich an 'The Long Play' bis heute absolut begeistert, sind die sorgfältig ausgearbeiteten Popsongs. Federnde Bassfiguren und klar gesetzte elektronische Rhythmen sorgen hier für Bewegung, helle Synthesizermotive bleiben unmittelbar hängen. Dahinter öffnen sich weiche Keyboardflächen, während Gitarren zusätzliche Konturen setzen. Die Arrangements besitzen Tiefe, ohne überladen zu wirken. Kleine instrumentale Antworten auf den Gesang und zusätzliche Melodielinien halten die Musik auch zwischen ihren großen Refrains lebendig. Genau das macht für mich den Unterschied zwischen einer Platte mit bekannten Hits und einem Album aus, das ich gerne vollständig höre.
Stilistisch treffen hier Synthpop, Eurodisco und melodischer Radiopop aufeinander. Entscheidend ist dabei die Atmosphäre: Diese Musik kann ausgesprochen eingängig sein und gleichzeitig etwas Geheimnisvolles behalten. Unter der glänzenden Oberfläche liegt eine leise Melancholie, die den Songs emotionale Tiefe gibt. Hier darf getanzt werden, während im Hinterkopf noch jemand über eine unglückliche Liebe nachdenkt. Die Frisur sitzt jedenfalls zuverlässiger als das Gefühlsleben. 'Sandras' helle, hauchige Stimme passt da dann auch hervorragend dazu. Ihr Ausdruck lebt von feinen Abstufungen, von einer gewissen Zurückhaltung und einer unverwechselbaren Färbung. Sie kann weich und verletzlich klingen, im nächsten Moment aber durchaus bestimmt auftreten. Die tieferen männlichen Gegenstimmen geben ihrem Gesang zusätzlichen Halt und erzeugen einen reizvollen Dialog. Gerade dieses Zusammenspiel fasziniert mich: Die Musik wirkt aufwendig inszeniert, während ihr Vortrag eine fast vertrauliche Nähe schafft. Man hört ihr zu, anstatt lediglich auf den nächsten Refrain zu warten.
Besonders gelungen finde ich außerdem die Abwechslung innerhalb dieses klar erkennbaren Stils. 'The Long Play' wechselt zwischen druckvolleren Tanznummern, entspannt fließenden Popmomenten und ruhigeren, gefühlvollen Passagen. Unterschiedliche Tempi und Stimmungen halten den Albumdurchlauf lebendig, ohne den Zusammenhang aufzulösen. Auch die längeren Arrangements bekommen Raum, ihre instrumentalen Qualitäten auszuspielen. Ein guter Groove und eine starke Melodie dürfen hier etwas länger wirken. Die acht Stücke ergeben so einen kompakten Bogen, bei dem ich bis zum Ende gerne dabeibleibe.
Natürlich trägt die Produktion ihre Jahreszahl inzwischen deutlich hörbar mit sich herum. Die Keyboardfarben, die Hallräume und die weichen Gesangsschichten gehören unverkennbar in die Mitte der Achtziger. Für meine Ohren liegt darin aber inzwischen auch ein großer Teil ihres Charmes. Wer mit dieser Klangästhetik wenig anfangen kann, wird vermutlich etwas Abstand halten. Mich überzeugt, wie viel melodische Substanz unter dem zeittypischen Glanz steckt - bis heute. Meine klaren Anspieltipps sind 'In The Heat Of The Night' und '(I'll Never Be) Maria Magdalena'. Ersteres bündelt mit seinem pulsierenden Rhythmus, der nächtlichen Spannung und dem wirkungsvollen Wechselspiel der Stimmen die atmosphärische Stärke des Albums. Letzteres zeigt, wie zwingend diese Verbindung aus Synthesizermelodie, Gesang und Refrain funktionieren kann. Dass ein derart oft gehörter Popsong seinen Reiz behält, ist schließlich auch eine Qualität.
Für mich bleibt 'The Long Play' 'Sandras' bestes Album: melodisch treffsicher, abwechslungsreich und getragen von jener Mischung aus Eleganz und Sehnsucht, die ihren frühen Sound so besonders macht. Wer Synthpop und Eurodisco mit Gefühl liebt, sollte sich diesen Rückblick gönnen. Und falls sich beim Lesen längst wieder „Maria Magdalena“ im Kopf eingenistet hat: Die übrigen sieben Stücke verdienen ebenfalls ihre Zugriffsrechte.
Sandra - The Long Play
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