Andere Automaten liefern nur Kaffee, Bargeld oder möglicherweise noch einen Schokoriegel der im schlimmsten Fall zwischen zwei Metallspiralen seinen Lebensabend verbringt. 'Heldautomat' aber haben sich auf weniger praktische Dinge spezialisiert: Melancholie, analoge Elektronik und die gelegentliche Erinnerung an die eigene Vergänglichkeit. Hinter dem Namen stehen 'Christian Purwien', einst die Stimme von 'Second Decay', und 'Thomas Kowa'. Als 'Purwien & Kowa' sind die beiden längst gemeinsam unterwegs; mit 'Zwischen Den Lichtern' eröffnen sie nun eine weitere Abteilung. Die arbeitet leise, bedächtig und vermutlich auch während der Mittagspause.
Piano, analoge Synthesizer und gleichmäßig programmierte Rhythmen bilden das Grundgerüst dieses Debüts. Die Elektronik hält einen verlässlichen Puls, das Klavier setzt nachdenkliche Akzente. Darüber bekommt die charakteristische Stimme von 'Christian Purwien' reichlich Raum. Diese übersichtliche Anordnung funktioniert ausgesprochen gut: Die einzelnen Bestandteile können wirken, Melodien entfalten sich, und der Gesang verleiht der Musik Persönlichkeit. Daraus entsteht ein melancholischer Synthpop, der mich mit seiner Atmosphäre ebenso überzeugt wie mit seinem Gespür für eingängige Momente.
Ein großes Lob verdient die Produktion von 'Olaf Wollschläger'. Gesang, Piano und elektronische Begleitung sind hervorragend aufeinander abgestimmt. Gerade weil die Arrangements so viel Platz lassen, fällt auf, wie sorgfältig hier gearbeitet wurde. Die Musik klingt aufgeräumt, besitzt aber genügend Ausdruckskraft, um diesen Raum auch auszufüllen. Einen Synthesizerpark mit eigener Postleitzahl braucht es dafür offenbar nicht.
Besonders gern höre ich dem Zusammenspiel von Stimme und Instrumentierung zu. Der Gesang von 'Christian Purwien' gibt den Songs einen unverwechselbaren Mittelpunkt, während das Piano die kontrollierten elektronischen Abläufe um eine weichere Note ergänzt. Die Maschinen laufen zuverlässig weiter, während der Gesang von Dingen handelt, die sich erheblich schlechter organisieren lassen. Einige Songs erinnern mich dabei stellenweise an 'Melotron': diese Verbindung aus eingängigen elektronischen Melodien, markantem Gesang und einer Melancholie, die auch dem Pop-Appeal genügend Platz lässt. Eine schöne Assoziation, die mir den Zugang zum Album zusätzlich erleichtert.
Verlust, Vergänglichkeit und die schwierigen Hinterlassenschaften menschlicher Beziehungen passen zu dieser musikalischen Haltung. Die deutschsprachigen und englischen Texte beschäftigen sich mit Enttäuschung, Abschied und dem Gefühl, dass anderswo vielleicht doch alles besser wäre. Die bedächtige Elektronik gibt solchen Gedanken Zeit. Gleichzeitig besitzt das Album ein ausgeprägtes Gespür dafür, seine nachdenkliche Stimmung in zugängliche Popmusik zu übersetzen. Genau diese Verbindung gefällt mir besonders: Man kann sich auf die Schwere einlassen und trotzdem an einer Melodie hängen bleiben.
Wie packend dieser Ansatz werden kann, zeigen die eingängigeren Momente. Ein pointiertes Intro lässt sofort aufhorchen, daraus entwickelt sich ein wunderbar zugänglicher Popsong, dessen Verlauf die Aufmerksamkeit hält und Lust auf die nächste Runde macht. Hier kommt für mich auf den Punkt, was dieses Album so reizvoll macht: Atmosphäre, melodisches Gespür und eine Entwicklung, die einen mitnimmt. Auch die musikalische Vergangenheit gehört dazu. 'Anders Sein' greift eine Komposition aus der Zeit von 'Second Decay' auf, mit 'Hurt' kommt eine Neuinterpretation des von 'Trent Reznor' geschriebenen Stücks hinzu. Für Kenner von 'Second Decay' bietet sich 'Anders Sein' als gezielter Einstieg an: Die Neubearbeitung einer vertrauten Komposition eröffnet einen direkten Vergleich zwischen der früheren Band von 'Christian Purwien' und dem neuen Projekt.
Bei aller Begeisterung hat 'Zwischen Den Lichtern' allerdings auch seine Längen. Ganz selten verweilt das Album für meinen Geschmack etwas zu lange in seiner Stimmung. Dann wünsche ich mir eine straffere Entwicklung oder einen deutlicheren Wechsel, der wieder Spannung hineinbringt. Das fällt gerade deshalb auf, weil die überzeugendsten Passagen zeigen, wie gut die Verbindung aus bedächtiger Elektronik und eingängigem Songwriting funktionieren kann. Meine Freude an dem Album schmälern diese Durchhänger nur wenig. Veröffentlicht wurde 'Zwischen Den Lichtern' am 23. Oktober 2026. Auf Bandcamp gibt es das Album digital als Stream und Download. Wer etwas ins Regal stellen möchte, bekommt außerdem eine handsignierte, auf 100 Exemplare limitierte 12-Zoll-Vinylausgabe mit Einleger sowie Zugang zum Digitalalbum inklusive Download und Bandcamp-Streaming.
Für mich ist 'Zwischen Den Lichtern' ein wirklich tolles Debüt: hervorragend produziert, atmosphärisch dicht und mit einer Stimme ausgestattet, die dieser Musik ihren eigenen Charakter gibt. Piano, Elektronik und melodisches Gespür greifen hier auf eine Weise ineinander, die mir ausgesprochen viel Freude macht. Die gelegentlichen Längen verhindern den uneingeschränkten Jubel über die gesamte Spielzeit; eine klare Empfehlung für Freunde melancholischen Synthpops bleibt es trotzdem. An diesen Automaten komme ich gern zurück. Die nächste Portion Melancholie nehme ich auch ohne passendes Kleingeld.
Heldautomat - Zwischen den Lichtern
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- Elec
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