Die britische Folkszene erlebte in den letzten Jahren eine Renaissance. Eine der Gründe dafür: Immer wieder tauchen junge Künstler und Künstlerinnen auf, die der traditionellen Musik neue Impulse verleihen und die die einst in den Zeiten der großen Folk-Revivals in den 50er bis 70er Jahren von Martin Carthy & The Watersons, Fairport Convention und June Tabor entzündete Flamme weitertragen.
Die britische Presse feiert derzeit einen jungen Mann aus dem Norden Londons als Pionier eines neuen lebendigen Traditional-Folk, der mit allen üblichen Erwartungen, die man gemeinhin mit dem Stil verbindet, konsequent bricht. Sein Name: Sam Lee.
Gleich für sein erstes Album, „Ground Of Its Own“, das nun auch außerhalb des Vereinigten Königreichs erscheint, wurde Sam Lee, der auch als Promoter des mit einem BBC Radio 2 Folk Award ausgezeichneten Londoner Folkclubs „Magpie's Nest“ („The Nest Collective“) zu den wichtigen und einflussreichen Persönlichkeiten der britischen Folkszene gehört, für den renommierten Mercury Prize nominiert.
Zu Recht: Denn die von Gerry Diver produzierte und dem legendären John Wood, der schon vor über 40 Jahren mit Nick Drake gearbeitet hat, abgemischte, acht Stücke umfassende Songsammlung, ist in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich.
Zunächst mal ist „Ground Of Its Own“ das Ergebnis einer langjährigen Feldforschung. Sam Lee, der bevor er die Musik als eine für ihn völlig neue Welt erkundete, das Chelsea College Of Art absolvierte, als Visual Artist und Survival-Trainer (!) arbeitete, suchte nicht, wie viele andere seiner Folk-Kollegen, in den Schallarchiven und Bibliotheken nach überlieferten, lange vergessenen Balladen, Wiegen-, Seemanns-, Trink- und Bänkellieder. Vielmehr zog es den Sänger, der inzwischen als erster Folk-Künstler überhaupt am Royal College Of Music lehrt, hinaus auf die Straße. Er fuhr durch das Land, klopfte an Haustüren und Wohnwagen, traf umherziehende und sesshafte englische Roma sowie fahrendes Volk, so genannte „gypsy and traveller groups“ aus Schottland und Irland. Er lernte ihre oft jahrhundertealten Melodien und ihren unnachahmlichen Gesangsstil, ließ sich Geschichten und Mythen erzählen, partizipierte an ihrem Wissen über das Land und seine Menschen und hörte Lieder, die von Generation zu Generation weitergegeben worden waren. Dabei entdeckte er Songs und eigenwillige Versionen populärer Volkslieder, die außerhalb der engen Zirkel der auch in UK ausgegrenzten und ständigen Repressalien ausgesetzten „Travellers“ niemand je zuvor vernommen hatte.
Die acht Songs von „Ground Of Its Own“, die Sam Lee mit Francesca Ter-Berg (Cello), Jonah Brody (Koto, Harfe, Maultrommel, Ukelele), Steve Chadwick (Trompete, Kornet), Camilo Tirado (Tabla, Perkussion, Cantele) sowie Flora Curzon (Violine) aufgenommen hat, sind aber nicht nur „special“ wegen ihrer Herkunft, sondern auch wegen Lees hinreißender Baritonstimme sowie den detailreichen Arrangements und der originellen Instrumentierung mit einer Mischung aus traditionellen und unkonventionellen Instrumenten von Alphörnern bis zur indischen Shrutibox, die unter anderem in dem psychedelischen „Tan Yard Side“ zum Einsatz kommt.
Gleich der Albumeinstieg, „The Ballad Of George Collins“, eine tragische Geschichte über eine rachsüchtige Nymphe, die bereits 1967 von Shirley Collins aufgenommen wurde, erweist sich nach authentisch-traditionellem Beginn unter Hinzufügung von Tablas und Violine als rhythmisch wie harmonisch aufreizendes Stück mit unwiderstehlicher Sogwirkung. Auch andere Songs wie das mit Banjo und Dulcimer neben Jazztrompete und fernöstlich anmutender Perkussion stetig an Tempo und Spannung zulegende „Yonder Hill“ und das gleich aus mehreren traditionellen Balladen („Johnny Lovely Johnny“, „The Colour Of Amber“, „I Wish, I Wish’,) sowie der gesampelten „Meditation aus Thais“ von Jules Massenet zusammengesetzte und mit Klezmer-Elementen geschmückte „Wild Wood Amber“ zeigen, wie leicht und selbstverständlich Sam Lee & Friends divers! e (Weltmusik)-Stile mit traditionellem britischen Folk zusammenbringen. Das trifft auch auf das wohl persönlichste Stück für den aus einer jüdischen Familie polnischer Herkunft stammenden Sänger zu: „The Jew's Garden“, eine von düsteren Cellostrichen und dem hypnotischen Klang der Maultrommel flankierte Variation der uralten Ballade „Little Sir Hugh“, in der an die Judenprogromen im England des Jahres 1320 erinnert wird.
Für Folk-Liebhaber - und nicht nur für diese – ist „Ground Of Its Own“ jedenfalls unentbehrlich, auch weil Sam Lees betörend schöne Neuadaption von Folk kein bisschen angestaubt klingt, sondern einfach zeitlos gut und dabei zutiefst berührt.