Ein Mann denkt die Zukunft voraus, während seine Gegenwart ihm das Leben zur Hölle macht. Die Geschichte von 'Alan Turing' braucht wahrlich keine zusätzliche Dramatik. Die 'Pet Shop Boys' begegnen ihr auf 'A Man From The Future' mit Synthesizern, Streichern und einer Erzählerin, die viel Raum bekommt. Ein spannender Ansatz, der mich neugierig macht. Musikalisch finde ich allerdings nicht durchgehend Zugang zu dieser Lebensgeschichte.
Das am 9. Oktober 2026 über Parlophone veröffentlichte Album enthält eine überarbeitete Neuaufnahme des bereits 2014 bei den BBC Proms uraufgeführten Werks. Gemeinsam mit Turing-Biograf 'Andrew Hodges' entstand eine musikalische Lebensgeschichte in acht Kapiteln. 'Juliet Stevenson' übernimmt die Erzählung, das 'Manchester Camerata Octet' spielt die von 'Sven Helbig' arrangierten Streicher. Auch Turings Zuneigung zu seinem früh verstorbenen Schulfreund 'Christopher Morcom' findet darin Platz und gibt neben den wissenschaftlichen Leistungen und der späteren Verfolgung wegen seiner Homosexualität Einblick in seine persönliche Geschichte.
Die Band wollte Turing mit dem Werk ein musikalisches Denkmal setzen: einem Menschen, dessen Leistungen seinem Land und der Welt zugutekamen und der dennoch wegen seiner Sexualität verfolgt wurde. Für die neue Fassung erhielt die Elektronik mehr Gewicht, während die Streicherbesetzung verkleinert wurde. Dadurch sollte die Geschichte intimer und persönlicher wirken. Das erklärt die zurückgenommene Gestaltung und den großen Raum, den die Biografie einnimmt.
Musikalisch überzeugt vor allem die Verbindung von Elektronik und Streichern. Wiederkehrende Synthesizerfiguren treffen auf akustische Linien, die sich dazwischenbewegen, statt lediglich einen feierlichen Hintergrund zu liefern. Klavier und Chorgesang erweitern das Klangbild. Die kleine Streicherbesetzung hält die Arrangements durchsichtig; selbst in den ernsten Passagen bleibt Raum zwischen den Instrumenten. Dazu kommen gelegentlich deutlichere rhythmische Impulse, die den melancholischen Verlauf beleben.
'Stevenson' trägt die Geschichte kontrolliert und mit einer gewissen sachlichen Distanz vor. Das gibt den biografischen Stationen Klarheit und vermeidet übertriebenes Pathos. Zugleich hält diese Art des Erzählens das Geschehen stellenweise auf Abstand: Man folgt einer Lebensgeschichte, deren Tragik sich eher aus dem Inhalt als aus einer hörbar erschütterten Stimme ergibt. Umso stärker fallen die vergleichsweise seltenen Gesangspassagen von 'Neil Tennant' auf. Seine vertraute Stimme und die Melodien schaffen einen anderen, unmittelbareren Zugang zu dem, was zuvor erzählt wurde.
Als Anspieltipp bietet sich 'He Dreamed Of Machines' an. Hier verbinden sich 'Tennants' verletzlich wirkender Gesang und markante Synthesizer besonders anschaulich. Das Stück zeigt, wie eindringlich diese Musik auch mit sparsamen Mitteln werden kann. 'The Enigma' setzt daneben einen stärkeren rhythmischen Impuls, ohne den nachdenklichen Grundton zu verlassen. Beide Stücke geben einen guten Eindruck davon, wie unterschiedlich das Duo die Erzählung musikalisch ausgestaltet.
Wie unterschiedlich die Musik die Geschichte einfärbt, zeigen 'The Memory And The Control' und 'The Trial'. Ersteres wirkt auf mich düster und dystopisch. 'The Trial' entfaltet mit klagenden Violinen und elektronischem Rhythmus dagegen eine ruhige, für mich fast erleuchtende Wirkung. Gerade angesichts der darin wiedergegebenen Anklage gegen Turing ist das ein bemerkenswerter Eindruck. Die Musik lässt Raum, das Erzählte auf sich wirken zu lassen.
Die Sprache beansprucht dabei viel Raum, und auch für mich steht die Musik häufig im Dienst der Erzählung. Das ist angesichts des Konzepts nachvollziehbar, trägt mich aber nicht durchgehend. In den ausgedehnteren Passagen entstehen für mich Längen: Die Geschichte schreitet voran, während die Musik meine Aufmerksamkeit weniger festhält. Ich bleibe an Turings Schicksal interessiert, fühle mich vom musikalischen Verlauf aber zeitweise zu wenig angesprochen. Dabei vermisse ich vor allem eine Entwicklung in den Arrangements, die mich auch über längere Erzählstrecken hinweg bindet.
'A Man From The Future' bleibt für mich deshalb ein spannendes, sorgfältig gestaltetes Album, zu dem ich musikalisch nur teilweise Zugang finde. Die Verbindung von Elektronik und Streichern hat starke Momente, und die Würdigung Turings ist nachvollziehbar und respektvoll umgesetzt. Doch die erzählerischen Längen schaffen immer wieder Abstand, den auch die reizvollen Gesangspassagen nicht vollständig überbrücken. Wer Freude an musikalischen Biografien hat, dürfte sich auf diesen Verlauf leichter einlassen können. Ich erkenne die Qualitäten des Werks an, wünsche mir beim Hören aber häufiger, von der Musik stärker mitgenommen zu werden.