Um 1984 rum horchten die tanzwütigen Clubgänger auf, als "West End Girls" von immer mehr DJs gespielt wurde. Dieses unglaubliche Faible für eigenwillige und doch große Melodien und die glasklare Stimme eroberte die Massen im Sturm. Die Pet Shop Boys hatten ihre erste Single veröffentlicht. 40 Jahre später sind sie die Großväter der elektronischen Klangerzeugung und immer noch dabei. Vor allem: Sänger Neil Tennant und Elektronikexperte Chris Lowe besitzen im Gegensatz zu manch anderen 80er-Heroen nach wie vor Relevanz. Warum? Weil sie sich treu geblieben sind, und das ist das Beste, was sie machen konnten.

Unter den vielen Gründen, die für die Wichtigkeit der Pet Shop Boys anno 2024 sprechen, sind es zwei Eigenschaften des Duos selbst, die ihre andauernde Karriere erklären, und die sich auch auf dem neuen Werk "Nonetheless" manifestieren: Sie besitzen (Selbst)Ironie und entwerfen Texte, die sich wohltuend von der Masse abheben. Mittlerweile sind die Jungs im pensionsfähigen Alter, ihre Liebe zur Musik und die Lust an der großen Pop-Geste ist jedoch nicht verschwunden.

Im Gegenteil: Sie wissen anscheinend sehr genau, dass auch ihre Zeit auf Erden nicht ewig ist. So brutal sich das anhören mag: Jedes neue Album der Pet Shop Boys könnte das Letzte sein. Das bedeutet nicht, dass über das baldige Ende des Duos spekuliert wird. Am liebsten sollten sie noch weitere 100 Jahre solche Platten wie "Nonetheless" produzieren. Aber weil auch das Gespann Tennant/Lowe sich darüber im Klaren ist, dass alles vergänglich ist, scheinen sie mit dem aktuellen Werk noch mehr im Hier und Jetzt sein  und sich von allen Fesseln und Erwartungen befreien. Sie müssen aber auch weder sich selbst noch irgendjemandem etwas beweisen.

Aus dieser Freiheit heraus entdecken die Pet Shop Boys ihr eigenes musikalisches Erbe, das sie in die aktuelle Scheibe einbringen. Dann wird im Song "Why Am I Dancing?" (vielleicht auch eine Anspielung auf Scissor Sisters' "I Don't Feel Liek Dancing") auch ein bisschen Fanfare von der Platine gezogen, was einen natürlich unweigerlich an "Go West" erinnern lässt. Und wenn Neil, dessen Stimme sich übrigens weigert zu altern, in "New London Boy" noch einmal zu einem Sprechgesang anhebt, wird der Fan mit einer Träne im Knopfloch an "West End Girls" denken und sich fragen, wohin die Zeit geflogen ist.

Ebenso versprüht "Dancing Star" soviel 80er-Flair, wie es das Jahrzehnt selbst gar nicht geschafft hat. Auch hier greifen die beiden ungeniert und mit größtem Lustgewinn aus der großen Kiste mit den typischen Sounds dieser Dekade. 808 und Orchester Hits erleben in diesem Stück ihr Reviva. "What Have I Done To Deserve This" und Madonnas "Holiday" klingen hier so frech raus, dass man allein über diese Chuzpe schmunzeln muss. Je oller je doller! 

Die Mundwinkel ebenfalls nach oben zieht "Schlager Hit Parade". Ja, liebe Leser: PSB setzen unserer deutschen Schlagerkultur ein Denkmal und veredeln es mit einem witzigen Song, der aber im Kern die Quintessenz dieser Sparte perfekt einfängt: Es geht darum, sich den angenehmen Dingen des Lebens zu widmen, oder es sich wenigstens schönzumachen in einer Welt, die uns dieses Versprechen nicht mehr geben kann.

"Nonetheless" ist zu einer großen Spielweise avanciert, auf denen sich Pet Shop Boys nach Herzenslust austoben und sogar einen schwülen Bossa Nova kredenzen ("The Secret Of Happiness"). Quasi als Nebenprodukt gelingt ihnen dann auch noch "Loneliness", eine Synthiepopnummer, die sich mit jedem neuen Durchhören noch ein Stückchen geiler anfühlt. Bleibt einmal wieder festzuhalten, dass die Neil Tennant und Chris Lowe auch seit mehr als 40 Jahren Zusammenarbeit immer noch Bock aufeinander und vor allem auf substantielle Popmusik haben. Aber das ahnte man wohl bereits, als "West End Girls" zum ersten Mal aus den Lautsprecherboxen dröhnte.