'Angstpop' klingt zunächst mal eher nach einer Musikrichtung für Menschen, die sich beim Öffnen einer Stromrechnung kurz erschrecken und anschließend einen traurigen Synthesizer anschalten. Bei 'One Must Forget' ist die Sache geringfügig ernster. Hier bekommt die Angst keine hübsche Melodie zum Festhalten, sondern wird sozusagen in einen dunklen Maschinenraum gesperrt, mit Feedback gefüttert und so lange unter Druck gesetzt, bis sie ihre Zähne zeigt. 'Pillars Of Shame' ist brutal, aggressiv und massiv verzerrt – allerdings nicht auf die übliche Art. Dieses Album rast nicht blindlings los. Es kommt viel mehr langsam näher. Aber genau das macht es so unangenehm wirkungsvoll.
'One Must Forget' ist ein polnisch-französisches Duo aus 'Michał Kiełbasa' alias 'Neithan' und der geheimnisvoll auftretenden Sängerin 'EA'. Kiełbasa ist im experimentellen Untergrund alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Mit Projekten wie 'Whalesong', 'Lugola' und 'Harmony Of Struggle' bewegt er sich seit Jahren zwischen Noise, Power Electronics, Doom und postindustrieller Klangforschung. 'Pillars Of Shame' ist dennoch das Debüt unter diesem Namen. Die digitale Fassung erschien am 18. Juni 2026 bei 'Ant-Zen'. Aufgenommen wurde das Album bereits im September 2025 innerhalb von ungefähr zwei Wochen im 'Antisound Studio' in Tarnowskie Góry. Kiełbasa produzierte, mischte und masterte das Ergebnis auch selbst. Zwölf Stücke und etwas mehr als 52 Minuten später ist ziemlich klar: Für den gemütlichen Sonntagsbrunch wurde hier nicht gearbeitet.
Die Musik lebt von schweren, schleppenden Maschinenpulsen, verzerrten Flächen, Feedback, weißem Rauschen und hartnäckig wiederkehrenden Schleifen. Kiełbasa arbeitete dabei vor allem mit analogen Synthesizern wie dem 'MS-20' und dem 'SOMA Terra'. Weite Teile wurden analog und live eingespielt; selbst der Gesangs-Delay entstand nicht bequem im Computer, sondern während der Aufnahme über ein Gitarrenpedal. Entsprechend roh, körperlich und bewusst unpoliert klingt das Ergebnis. Wo moderne Elektronik ihre Kanten gern so lange abschleift, bis sie selbst in der Hotellobby niemanden stört, lässt 'One Must Forget' den Rost einfach dran. Die Klänge scheuern, drücken und knirschen. Teilweise entsteht der Eindruck, eine alte Industrieanlage habe begonnen, nicht nur selbstständig zu denken, sondern auch sämtliche Personalgespräche zu übernehmen.
Dabei liegt die eigentliche Brutalität nicht im Tempo, sondern im Druck. 'Pillars Of Shame' schlägt selten einfach zu und verschwindet wieder. Die Musik wiederholt ihre Bewegungen, rückt Zentimeter für Zentimeter näher und verwandelt Verzerrung in einen klaustrophobischen Zustand. Unter der lärmenden Oberfläche lauern zwar melancholische Linien und ruhigere Passagen, doch sie spenden kaum Trost. Sie sind eher das matte Licht unter einer verschlossenen Tür: Man sieht es, kommt aber nicht hin. Auch die Stimmen funktionieren weniger als klassischer Gesang denn als zusätzliches Klangmaterial. 'EA' und 'Michał Kiełbasa' sprechen, beschwören, stoßen Worte aus oder lassen sie in den Verzerrungen verschwinden. Dadurch bleiben sie menschlich und wirken zugleich seltsam entkoppelt – als würden sich zwei Personen aus dem Inneren einer beschädigten Maschine melden. Gerade dieser Gegensatz aus emotionaler Verzweiflung und mechanischer Kälte verleiht dem Album seine besondere Spannung.
Inhaltlich kreist 'Pillars Of Shame' um Scham, Schuld, Verrat, Hass, innere Leere, Selbstauflösung und Todessehnsucht. Die knappen, unerbittlichen Texte wirken nicht wie ausgeschmückte Lyrik, sondern wie Gedanken, die sich im Kopf festgebissen haben. Aus Selbstzweifeln wird Verachtung, aus Trauer ein bewusst gestalteter Zustand und aus dem Wunsch nach Ruhe schließlich die Vorstellung vollständiger Auslöschung. Das Album erzählt keine Geschichte mit sauberer Auflösung. Es dokumentiert einen psychischen Abstieg – und der hat offensichtlich nicht vor, sich nach 52 Minuten höflich zu verabschieden. Das ist zugleich die große Stärke und die klare Grenze der Platte. Wer auf Entwicklung, Refrains oder regelmäßige melodische Belohnungen wartet, kann sich hier sehr lange die Beine vertreten. Die repetitive Konstruktion und die geringe Wärme verlangen Konzentration; nebenbei gehört, kann das Material beinahe unbemerkt vorbeiziehen. Unter Kopfhörern und ohne Ablenkung entfaltet es dagegen eine enorme Sogwirkung. Dann verschwimmt das Zeitgefühl, und aus scheinbar einfachen Schleifen wird ein dunkler, psychisch erstaunlich belastbarer Organismus. Man muss diese Monotonie nicht lieben. Aber man sollte anerkennen, wie konsequent sie eingesetzt wird.
Als Einstieg empfiehlt sich das über sechs Minuten lange Titelstück 'Pillars Of Shame'. Es lässt genügend Raum, um die langsame Verdichtung, die verzerrte Oberfläche und das Zusammenspiel aus menschlicher Verletzlichkeit und kalter Mechanik zu erfassen. Wer danach noch freiwillig im Maschinenraum bleibt, kann das gesamte Album ohne Sicherheitshelm betreten. 'Pillars Of Shame' ist kein freundliches Album und möchte auch keines sein. Die selbst gewählte Bezeichnung 'Angstpop' besitzt zwar einen gewissen schwarzen Humor, führt aber beinahe in die Irre: Pop ist das nur in einer Welt, in der 'Haus Arafna', 'November Növelet' und ein defekter Transformator gemeinsam das Abendprogramm gestalten. Für Freunde von Power Electronics, altem Industrial, Noise und radikal reduzierter Elektronik ist dieses Debüt dagegen eine ausgesprochen intensive Entdeckung. Mich überzeugt vor allem, dass die Platte ihre Aggression nicht mit bloßer Lautstärke verwechselt. Sie arbeitet langsamer, beharrlicher und dadurch nachhaltiger. Nach dem letzten Ton ist es still – angenehm wird es deshalb noch lange nicht.
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