Wie sang bereits Stephan Remmler: "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei". Hinter der vermeintlich grenzdebilen Aussage verbirgt sich allerdings ein philosophisches Phänomen, das sich durch sämtliche Bereiche unseres Lebens zieht: der Dualismus. Knapp, aber wirklich sehr knapp, zusammengefasst, beinhaltet dieser Begriff das (Spannungs)verhältnis zweier Gegebenheiten zueinander. Küchenphilosophisch gesprochen: Es geht um das Ying und Yang, um zwei Bereiche und deren Verhältnis zueinander. Am Ende sollen sie helfen, die Welt zu deuten.

"Nottwo" von Maciej Frett, der einfach nur als Frett seit 2020 solo unterwegs ist - davor hat er in der Post-Industrial-Gruppe Job Karma mitgewirkt - nimmt sich des komplexen Themas an. Der polnische Musiker wählt aber einen anderen, sehr skeptizistischen Ansatz. Das macht bereits der Titel in Aussage und Schriftbild deutlich. Aus zwei Wörtern wird eines und untermauert die Nichtzweisamkeit seiner Aussage auch optisch. "Duality isn't reality" singt Maciejs Ehefrau Anna monoton und wie zur Vergewisserung denn auch in "Duality", gleich zu Beginn des Albums. Ein Song wie eine in Stein gemeißelte Präambel.

Der Musiker macht für sein zweites Album also die große Nachdenkkiste auf und verpasst den Stücken ein anspruchsvolles thematisches Grundgerüst, das er auch auf seine Musik überträgt. Denn hier finden sich gleichfalls Gegensätz, die sich manchmal abstoßen, oftmals aber auch anziehen. So bilden massive Beats und verzerrte Gesänge Maciejs den einen Grundpfeiler seines musikalischen Kosmos, weiche, kaleidoskopisch-hypnotische Sounds und Annas klares Organ den anderen. 

Zwei eigentlich unvereinbare Pole, die Frett zusammenführt. Das Ergebnis ist oftmals sehr spannend. Da treffen bei "DNA" tieftönige, wellenartige Flächen auf die beschwörende Stimme der Sängerin und einem leicht holprigen Beat, was den halluzinogenen Effekt der Nummer verstärkt. Ebenso erinnert "Theme 2" an die sphärisch-bedrohlichen Klänge diverser Synthesizer-Pioniere, die den Maschinen Töne entlockten, die wie "from outer space" klangen. Das Gefühl eines Zaubers des Anfangs erweckt Frett mit diesem Lied wieder zum Leben.

In den spröden Electro-Nummern taucht Frett mit seinem verzerrten Organ teilweise völlig unvermittelt auf und setzt einen deutlichen Kontrapunkt. Insgesamt kehren die Stücke im Vergleich zum Debut "The World As A Hologram" wieder zur klassischeren Form zurück, bleiben aber anspruchsvoll in ihrem Arrangement. Scheppernde Rhythmen wie in "Human" oder dissonante Lärmsequenzen am Anfang von "End Beginning" erinnern dabei auch an die großartigen Werke von Absolute Bodycontrol respektive The Klinik, den kultig verehrten Projekten von Eric Van Wonterghem. Dass "Nottwo" von jenem auch noch final abgemischt wurde, ist in letzter Konsequenz nur folgerichtig. Wer, wenn nicht er, weiß, wie retrodystopische Musik zu klingen hat?

Sicherlich ist Fretts Ansatz nicht der am leichtesten konsumierbare. "Nottwo" ist expressives philosophisches Gedankentheater, ein Parforceritt durch eine Welt, die sich nicht jedem sofort öffnet. Es bedarf daher mehr als nur einen Durchlauf, um die Schönheit und auch tiefe Intensität des Zweitlings zu erkennen. Noch mehr allerdings benötigt dieses Album eine große Geduld seitens der Hörerschaft. Die teilweise antiquiert wirkenden Sequenzen, gepaart mit langen, redundanten Melodiefiguren sind heutzutage für ungeübte Ohren quälend lang. Das schmälert aber nicht die großartige Substanz, die dieses Album besitzt, sowohl musikalisch als auch textlich. Darüber wird es keine zwei Meinungen geben.