Ich habe so das Gefühl, dass bei 'Miss May I' selbst die Abrissbirne inzwischen einen schon Stammplatz hat. Seit fast zwei Jahrzehnten verbindet die Metalcore-Band aus Ohio aggressive Vocals, melodische Refrains und Gitarren, die höflich anklopfen ungefähr so sinnvoll finden wie einen Sitzkreis im Moshpit. Auf 'No Place For Me' sitzt dieses Zusammenspiel weiterhin sicher. So sicher allerdings, dass man sich gelegentlich fragt, ob hier noch etwas passieren darf, das vorher nicht im Ablaufplan stand. Die Band besitzt reichlich Kraft und Können. Ihr achtes Studioalbum zeigt aber auch, wie schnell aus musikalischer Verlässlichkeit eine ziemlich komfortable Routine werden kann.

Die Vorgeschichte bietet durchaus Anlass zur Neugier: Nach dem Ausstieg der langjährigen Gitarristen 'B.J. Stead' und 'Justin Aufdemkampe' im Jahr 2024 übernimmt 'Elisha Mullins' die Gitarrenarbeit. Mit 'Levi Benton' am Mikrofon, 'Ryan Neff' an Bass und Klargesang sowie 'Jerod Boyd' am Schlagzeug geht die Band inzwischen zu viert weiter. Das am 2. Oktober 2026 über 'Solid State Records' veröffentlichte Album entstand über fast zwei Jahre hinweg. Die zehn Songs kreisen um persönliche Krisen, Selbstzweifel, Identität und das Älterwerden.

Das Fundament bleibt melodischer Metalcore: kompakte, groovige Riffs, schnelle Gitarrenläufe und druckvolle Doublebass-Passagen. Thrash und melodischer Death Metal sorgen für zusätzliche Schärfe, während die Breakdowns das Geschehen mit ausreichend Gewicht auf den Boden zurückholen. 'Mullins' bringt technische Substanz mit, und die übersichtliche Produktion lässt auch im dichten Zusammenspiel die instrumentalen Details erkennen.

Das vokale Wechselspiel trägt wesentlich dazu bei. 'Benton' bündelt Wut und Anspannung in seinen aggressiven Vocals, 'Neff' öffnet die Songs mit melodischem Klargesang. Dadurch entsteht eine Atmosphäre zwischen aufgestautem Frust und dem Bedürfnis nach einem Moment Erleichterung. Die großen Refrains geben der Härte einen emotionalen Gegenpol; dunklere Klangflächen setzen zusätzliche Schatten. Das ist eine Stärke dieser Platte: Sie bietet neben körperlichem Druck genug melodische Zugänglichkeit, um auch außerhalb des nächsten Moshpits zu funktionieren.

Allerdings werden diese Gegensätze zu oft berechenbar. Aggressive Passagen bauen Druck auf, melodische Öffnungen schaffen Entlastung, schwere Einschnitte liefern die nächste Zuspitzung. Das funktioniert, überrascht aber zu selten. Wenn die erwartete Wirkung zuverlässig eintritt, ohne dass die Musik eine andere Richtung einschlägt, wird aus Spannung allmählich Routine. Selbst ein kräftiger Breakdown kann dann eher Bestätigung als Höhepunkt sein. Wie sich die vertraute Mischung auffrischen lässt, zeigt mein Anspieltipp 'Hand Me A Halo'. Sein dunklerer Groove und die Industrial-Anklänge geben dem Song eine Färbung, die ihn aus dem Gesamtbild heraushebt. Hier verändern die zusätzlichen Texturen den Charakter spürbar, statt bloß die ohnehin vorhandene Wucht zu verstärken. Solche Akzente machen neugierig: Die Band besitzt innerhalb ihres Stils durchaus Spielraum.

Gerade deshalb fallen die Ähnlichkeiten zwischen anderen Stücken stärker ins Gewicht. Vertraute Mittel können großartige Musik ergeben, wenn die einzelnen Songs daraus etwas Unverwechselbares machen. Auf 'No Place For Me' bleibt dagegen zu häufig vor allem die gemeinsame Schlagkraft hängen. Die energischen Passagen überzeugen, doch die Stücke dürften sich stärker in Stimmung und Wirkung voneinander unterscheiden. Die erweiterten Klangfarben gleichen das über die gesamte Platte nur teilweise aus. Mir fehlt weniger eine neue musikalische Richtung als eine deutlichere Handschrift der einzelnen Songs.

Der persönliche Hintergrund gibt dem Album aber dennoch Substanz. 'Benton' beschreibt das Schreiben als schmerzhafte Auseinandersetzung mit sich selbst; im Interview geht es auch darum, den eigenen Anteil an Problemen zu erkennen. Diese Selbstreflexion verdient Aufmerksamkeit und ist sicher nicht selbstverständlich. Der Frust erhält dadurch eine nachvollziehbare Ursache, und die melodischen Gegenpole passen zum Wunsch nach Entlastung. Dass die musikalische Umsetzung oft vertraut bleibt, macht die behandelten Erfahrungen nicht weniger ernst. Fans des klassischen melodischen Metalcore im Umfeld von 'Killswitch Engage' und 'August Burns Red' finden hier reichlich Gründe zum Reinhören. 'No Place For Me' ist sicher gespielt, druckvoll produziert und stellenweise mitreißend. Trotzdem überwiegt für mich der Eindruck, dass 'Miss May I' ihre bewährte Formel zu bequem wiederholen. Das Können steht außer Frage; die Songs nutzen es zu selten für Momente, die über das zuverlässig Gelieferte hinausweisen. Die Abrissbirne hat immerhin weiterhin Wucht. Sie schwingt nur allzu verlässlich immer auf derselben Bahn.