Mind.in.a.box - Retaliation

Mind.in.a.box - Retaliation

Die Zukunft hat bei 'Mind.In.A.Box' einen eigenen Dialekt. Er besteht aus elektronisch verfremdeten Stimmen, leuchtenden Synthesizermelodien und dem eigentümlichen Gefühl, dass zwischen Basssequenz und Refrain ein Mensch aus seiner programmierten Wirklichkeit ausbrechen möchte. Seit dem Debüt 'Lost Alone' von 2004 ist daraus eine musikalische Welt geworden, deren Bewohner vermutlich selbst beim Einkauf von Toastbrot verdächtige Überwachungskameras entdecken. Mit 'Retaliation' kehrt das österreichische Projekt um 'Stefan Poiss' dorthin zurück. Und ja: Das klingt nach 'Mind.In.A.Box'. Sehr sogar. Gerade deshalb lohnt sich die Reise.

Am 18. September 2026 über 'Thyx Records' erschienen, führt 'Retaliation' die Cyberpunk-Saga als achtes Kapitel weiter. Dreizehn Stücke und rund 71 Minuten stehen dafür bereit, drei Jahre nach 'Black And White'. Die 'Agency', der Widerstand und das 'Dreamweb' bilden erneut den Hintergrund einer Geschichte über Kontrolle, Selbstbestimmung und menschliche Verbindung. Wer die bisherigen Kapitel kennt, bringt einiges an Gepäck mit. Alle anderen dürfen trotzdem einsteigen. Das stärkste Erkennungsmerkmal bleibt der Gesang. Dunkle, roboterhaft gefärbte Register treffen auf helle, beinahe körperlos wirkende Stimmen. Diese Bearbeitung schafft eine merkwürdige Nähe: Die Melodie vermittelt Gefühl, während ihr elektronischer Überbringer wie ein Signal aus einer anderen Realität wirkt. Für mich liegt darin ein wesentlicher Teil der Faszination. Die Künstlichkeit macht die Sehnsucht dahinter erst richtig sichtbar. Als hätte jemand einem Betriebssystem das Vermissen beigebracht – und vergessen, eine Abschaltfunktion einzubauen. Darunter arbeiten pulsierende Sequenzen und klare Rhythmen; darüber öffnen Synthesizerflächen den Raum für die Melodien. Futurepop und progressive Trance liefern den Antrieb, Synthpop die griffigen Konturen. Die Musik lässt sich mit dem Körper ebenso erschliessen wie mit der Fantasie. Zwischen elektronischer Präzision und melancholischer Weite entsteht jene Atmosphäre, die bei 'Mind.In.A.Box' schon seit Langem mehr ist als die Summe ihrer Genrebegriffe: ein eigener Ort.

'Retaliation' beleuchtet diesen Ort diesmal auffallend warm. Der Titel verspricht zunächst einen Vergeltungsschlag mit erheblichem Sachschaden. Die Musik zeigt dagegen viel sanften Synthwave, nostalgische Farben und eine offene Pop-Ader. Eingängige Gesangslinien bekommen Raum, die Melodien dürfen trösten, und durch die futuristische Kulisse weht reichlich Achtzigerjahreluft. Das verschiebt die emotionale Gewichtung: Die Bedrohung bleibt Teil der Welt, doch Nähe und Hoffnung beanspruchen hörbar ihren Platz darin. Auch unter Überwachung möchte offenbar noch jemand tanzen. Trotzdem klingen 'Mind.In.A.Box' hier genau so, wie man 'Mind.In.A.Box' kennt. Die verfremdeten Stimmen, der elektronische Puls und die Mischung aus Sehnsucht und Fremdheit halten auch die zugänglicheren Songs zusammen. Mir gefällt diese Treue zur eigenen Sprache. Die zusätzliche Wärme gibt dem vertrauten Sound eine andere Beleuchtung, ohne seine Konturen zu verwischen. Das Album gewinnt an Offenheit und behält seinen Charakter.
Die melodische Öffnung hat allerdings einen Preis. Wenn die Hooks den Zugang erleichtern und die weicheren Klangfarben einladen, verliert die dystopische Kulisse etwas von ihrer Schärfe. Für meinen Geschmack dürfte sie der schönen Oberfläche öfter in die Quere kommen. Die Musik vermittelt ihre Gefühle deutlich; die Spannung zwischen diesen Gefühlen und einer bedrohlichen Welt könnte noch stärker ausfallen. Dazu kommt eine Handschrift, deren typische Mittel Fans schnell erkennen. Der Reiz liegt hier eher im erneuten Eintauchen als in der Überraschung durch etwas Unbekanntes.

Die Saga liefert dafür Zusammenhang, sollte aber keine musikalische Eintrittskarte sein. Ein Refrain muss tragen, bevor man seine Position im Widerstand entschlüsselt hat. Gerade die grössere Eingängigkeit hilft 'Retaliation', auch ausserhalb der fortlaufenden Handlung zu funktionieren. Eine bestandene Prüfung in österreichischer Cyberpunkkunde ist erfreulicherweise weiterhin keine Voraussetzung. Als Anspieltipp bietet sich 'The Agency Of Agony' an: Pulsierende Rhythmen, geschichtete Synthesizer und eine prägnante melodische Führung verbinden den elektronischen Antrieb mit dramatischem Ausdruck. Das Stück zeigt gut, wie viel Zug dieser Sound entwickeln kann, ohne seinen atmosphärischen Rahmen zu verlieren. 'We’ll Jump Together' öffnet die poppigere Tür. Sein Achtzigerjahreflair und die romantische Ausrichtung machen die wärmere Seite des Albums greifbar. Zusammen zeigen die beiden Stücke, weshalb Eingängigkeit in dieser Welt durchaus ihren Platz hat: Auch ein guter Ohrwurm kann beim Widerstand mitmachen.

Besonders geeignet ist das Album für Freunde von melodischem Electro, Futurepop und atmosphärischem Synthpop, die Freude an verfremdetem Gesang haben. Die Stimmen bleiben dabei eine klare Geschmacksfrage. Wer mit ihrer künstlichen Wirkung fremdelt, wird durch die zugänglichere Ausrichtung kaum bekehrt. Und wer rohe Härte oder einen radikalen Stilwechsel erwartet, dürfte mit dieser sanfteren Fortsetzung weniger anfangen können. Für mich jedenfalls ist 'Retaliation' eine sehr gelungene, melodisch starke Fortsetzung mit klaren Grenzen: Die vertraute Handschrift begrenzt den Überraschungseffekt, die weichere Ausrichtung nimmt der Dystopie etwas Biss. Dafür gewinnen die Songs Wärme und einen unmittelbaren Zugang, der auch Neugierige in diesen eigenwilligen Kosmos ziehen kann. Besonders überzeugt mich, wie gut die Pop-Ader zum künstlichen, sehnsüchtigen Kern des Projekts passt. 'Mind.In.A.Box' bleiben unverkennbar: mit Maschinen in der Stimme und Menschen hinter den Maschinen. Ihr Zukunftsdialekt hat diesmal nur ein paar freundlichere Wörter gelernt.

Mind.in.a.box - Retaliation
Eingebettete Inhalte nicht verfügbar
Dieser Inhalt kann nicht angezeigt werden, da du der Verwendung externer Cookies und Inhalte von Drittanbietern nicht zugestimmt hast. Um das Video, Bild oder andere eingebettete Inhalte zu sehen, kannst du deine Cookie-Einstellungen hier anpassen . Weitere Informationen findest du in unserer Datenschutzerklärung . Vielen Dank für dein Verständnis.

Medienkonverter.de

Wir verwenden Cookies zur Optimierung unserer Webseite. Details und Einstellungen finden Sie in der Datenschutzerklärung und im Privacy Center. Ihre Einwilligung ist jederzeit widerrufbar. Soziale Netzwerke & Drittanbieter-Inhalte können angezeigt werden. Mit „Alle akzeptieren“ stimmen Sie (widerruflich) auch einer Datenverarbeitung außerhalb des EWR zu (Art. 49 (1) (a) DSGVO).