Für unseren Wochenendrückblick führt die Reise diesmal ins Jahr 1985. Am Grenzübergang gibt es allerdings erst einmal Erklärungsbedarf: 'Michael Cretu' reist hier mit einem Album ein, das gleich zwei Namen und zwei Sprachfassungen besitzt. 'Die Chinesische Mauer'? 'The Invisible Man'? Der Zollbeamte möchte bitte beide Plattenseiten sehen. Hinter dem kleinen Identitätsspiel steckt ein Musiker, der später mit 'Enigma' weltbekannt werden sollte und hier bereits ein erstaunliches Gespür für große Popsongs beweist. 'Samurai' dürfte bei vielen sofort etwas zum Klingeln bringen. Höchste Zeit also herauszufinden, was sich hinter diesem vertrauten Namen noch alles verbirgt.

Der in Bukarest geborene, klassisch ausgebildete Musiker hatte sich damals längst als Studiomusiker, Arrangeur und Produzent bewährt. 1985 produzierte er mit '(I’ll Never Be) Maria Magdalena' außerdem den Durchbruchshit von 'Sandra'. Sein drittes Soloalbum entstand also in einer ausgesprochen fruchtbaren Phase. An der Produktion war 'Armand Volker' beteiligt, die deutschen Texte stammen von 'Mario Killer', die englischen von 'Richard Palmer-James'. Für mich ist das Ergebnis für seine damalige Zeit sensationell – und erfreulich weit davon entfernt, heute nur noch als nostalgisches Erinnerungsstück zu funktionieren.

Dabei unterscheiden sich die beiden Albumfassungen deutlicher, als die Bezeichnung „deutsche und englische Version“ zunächst vermuten lässt. Die neun Stücke haben zwar jeweils ihre musikalischen Entsprechungen, doch für 'The Invisible Man' wurden die LP-Seiten vertauscht. 'Die Chinesische Mauer' eröffnet mit drei Instrumentalstücken und lässt sich Zeit, ihre Atmosphäre aufzubauen. Die englische Ausgabe stellt dagegen sofort 'Samurai' an den Anfang. Für mich ergibt sich daraus ein reizvoller Unterschied: Hier öffnet sich zunächst eine Klanglandschaft, dort zieht einen gleich der Popsong hinein.

Hinzu kommen andere Gesangsfassungen und teilweise gestraffte Stücke. 'Schwarzer Engel' begegnet uns als 'Silver Water', 'Zinnsoldat' als 'Your Favorite Toy'. Die englische Originalfassung kommt auf gut 33 Minuten, die deutsche auf ungefähr 35. Optisch verbindet die frühen Ausgaben ihr Mauermotiv. Eine LP-Neuauflage von 1986 erhielt dann ein neues Artwork und setzte 'Gambit' an den Anfang, während 'Carte Blanche' entfiel. Wer beim Plattenkauf unterschiedliche Titellisten entdeckt, darf also den Blutdruck wieder senken. Das gehört so. Unser Bezugspunkt bleibt die englische Originalfassung von 1985.

Musikalisch versteht es 'Cretu', Bewegung und große Gefühle zusammenzubringen. Die Rhythmen besitzen den federnden Schwung des europäischen Disco-Pop, darüber entfalten sich Melodien, die schnell ins Ohr gehen und in den Refrains ordentlich aufblühen. Geschmeidige Arrangements führen sie wirkungsvoll zum Höhepunkt. Bei den Balladen rückt die gefühlvolle Seite nach vorn: sehnsüchtig, ausladend und mit einem großzügigen Hang zur Dramatik. Dezente Hintergrundbeschallung für den Kaufhausaufzug hatte hier offenbar niemand bestellt.

Entscheidend ist für mich, wie gut diese unterschiedlichen Seiten zusammenpassen. Der rhythmische Unterbau hält die Musik in Bewegung, während die Melodien immer wieder ins Schwärmerische ausscheren. So bekommen auch die zugänglichen Passagen einen melancholischen Unterton. Die aufwendige Produktion bietet reichlich Klang, doch die Songs behalten ihre klare Form. Man findet schnell hinein und kann sich anschließend mit den Details beschäftigen. 'Cretu' hat ein Gespür für melodische Wendungen, die sich unmittelbar einprägen und nach dem letzten Ton im Kopf bleiben.

Die instrumentalen Abschnitte erweitern diesen Raum. Flächige Synthesizer, pulsierende Rhythmen und tragfähige Melodien entwickeln ihre Wirkung auch ohne Gesang. Aus heutiger Sicht lassen sich hier bereits Verbindungen zur späteren atmosphärischen Arbeit mit 'Enigma' hören. Gerade deshalb ist die unterschiedliche Platzierung dieser Passagen interessant: Als Auftakt setzen sie einen anderen Schwerpunkt als mitten im Album. Natürlich tragen Klangfarben und Produktionsglanz deutlich die Handschrift der Achtziger. Wer mit üppigem Synthiepop und großer Gefühlsdramaturgie grundsätzlich wenig anfangen kann, wird hier kaum seine musikalische Heimat finden. Für mich liegt darin allerdings ein wesentlicher Teil des Reizes. Ich brauche bei dieser Platte keine gedankliche Altersfreigabe nach dem Motto „Für damals war das schon ganz gut“.

Der klare Anspieltipp bleibt 'Samurai'. Sein markanter Rhythmus, die dramatische Atmosphäre und der sofort einprägsame Refrain bündeln die Stärken des Albums hervorragend. Viele dürften den Song kennen, selbst wenn der Name des Interpreten gerade nicht griffbereit liegt. Allen anderen sei dieser Einstieg dringend empfohlen. Danach sollte die Platte unbedingt weiterlaufen: Meine Begeisterung gilt dem gesamten Album.

'The Invisible Man' bietet große Melodien, elegante Tanzbarkeit und gefühlvolle Balladen mit einer Selbstverständlichkeit, die mich bis heute überzeugt. Die deutsche Schwesterfassung eröffnet durch ihre andere Dramaturgie zusätzlich einen spannenden Zugang. Zwei Reisepässe waren für diese Musik vielleicht gar keine schlechte Idee. Sie ist schließlich ziemlich gut durch die Jahrzehnte gekommen.