'Mia.' haben ein Album über Euphorie gemacht. Ausgerechnet die Vorsicht scheint dabei ziemlich oft mit im Studio gesessen zu haben. Fast drei Jahrzehnte nach ihrer Gründung gehört die Berliner Band um 'Mieze Katz' längst zum Inventar einer Musiklandschaft, die sie selbst mitgeprägt hat. Zwischen elektronischer Unruhe, großen Gefühlen und eigenwilligem Ausdruck fanden sie eine Sprache, die auch außerhalb kleiner Clubs verstanden wurde. Mit ihrem achten Studioalbum 'Euphorie & Alltag' kehren sie sechs Jahre nach 'Limbo' zurück. Die erste Veröffentlichung auf dem eigenen Label 'Eenemeene Records' markiert einen weiteren Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Eine gute Gelegenheit also, auch musikalisch etwas zu riskieren. Die Band hält sich allerdings lieber an das, was sie zuverlässig beherrscht.
Schon das Artwork bringt den Albumtitel ziemlich anschaulich auf die Straße: 'Mieze Katz' in auffälligem Pink mit Federbesatz, im Hintergrund ein Lebensmittelgeschäft. Die Euphorie hat sich ausgehfein gemacht, der Alltag verkauft weiterhin Gemüse. Gerade dieser Zusammenstoß gefällt mir: Glamour braucht hier weder Samtvorhang noch Scheinwerfer, sondern behauptet sich mitten im gewöhnlichen Straßenbild. Das Foto von 'Frederike Wetzels' wirkt dabei wie eine beiläufig eingefangene Momentaufnahme. Ein bisschen mehr von diesem optischen Kontrast hätte ich mir gelegentlich auch in der Musik gewünscht.
Der Titel steckt das Spannungsfeld treffend ab. Es geht um jene Momente, in denen zwischen Verpflichtungen, Zweifeln und gewöhnlichem Tagesgeschäft plötzlich wieder etwas aufleuchtet. Um Nähe, Selbstbehauptung und die Möglichkeit, sich vom eigenen Leben gelegentlich angenehm überraschen zu lassen. Das ist ein zugänglicher Ausgangspunkt, gerade weil die Euphorie hier keine dauerhafte Verfassung sein muss. Wer morgens seine Begeisterungsfähigkeit erst unter einem Stapel unerledigter Dinge hervorziehen muss, dürfte sich angesprochen fühlen.
Musikalisch bewegen sich 'Mia.' zwischen elektronischem Pop und jener eigensinnigen Beweglichkeit, die an die Neue Deutsche Welle erinnert. Eingängige Melodien und ein Gespür für rhythmischen Schwung halten die Songs zusammen. Die Musik sucht den direkten Kontakt, bietet Orientierung und lässt ausreichend Platz für die Stimme. Das wirkt handwerklich sicher und angenehm unangestrengt. Allerdings setzt die Band so konsequent auf ihre vertrauten Stärken, dass aus Wiedererkennbarkeit gelegentlich Vorhersehbarkeit wird. Man fühlt sich schnell zu Hause. Irgendwann würde man trotzdem gern wissen, ob hinter der nächsten Tür vielleicht noch etwas anderes als das bekannte Wohnzimmer wartet.
'Mieze Katz' bleibt dabei der entscheidende Charakterkopf. Ihr Gesang gibt der Musik Kontur und verhindert, dass die zugängliche Oberfläche beliebig wird. Besonders reizvoll finde ich die Verbindung aus Entschlossenheit und Verletzlichkeit: Diese Stimme kann Zuversicht vermitteln, ohne sämtliche Zweifel vorher aus dem Raum schicken zu müssen. Wo sie einer Melodie eine eigenwillige Wendung gibt, bekommt das Album jene Persönlichkeit, die sich durch eine noch so sorgfältige Produktion allein kaum herstellen ließe.. Gerade deshalb hätte ich mir musikalisch häufiger einen Widerhaken gewünscht. 'Euphorie & Alltag' besitzt Gefühl und Haltung, lässt beides aber zu oft in vertrauten Formen stattfinden. Die Texte dürfen nach innen bohren, während die Musik vergleichsweise verlässlich ihre Bahnen zieht. Mit 'Olaf Opal' als Produzenten wäre durchaus mehr klangliche Reibung vorstellbar gewesen. Ein unerwarteter Bruch, eine kantigere Passage oder ein Moment, der die schöne Ordnung kurz gefährdet, hätte dieser Platte gutgetan. Die Euphorie darf schließlich auch einmal mit Straßenschuhen aufs Sofa.
Mein Problem ist dabei weniger fehlende Qualität als eine gewisse Gleichmäßigkeit der Wirkung. Vieles ist sympathisch, melodisch schlüssig und sorgfältig gemacht. Der entscheidende Impuls, der aus Zustimmung Begeisterung werden lässt, stellt sich für mich jedoch zu selten ein. Die Platte vermittelt Aufbruch, ohne ihre eigenen musikalischen Sicherheiten besonders häufig aufs Spiel zu setzen. Das macht sie zugänglich, begrenzt aber auch ihre Spannung. Als Einstieg empfehle ich 'Los', weil der Song den Aufbruchsgedanken unmittelbar und griffig vermittelt. Wer stärker auf den charakteristischen Gesang achtet, sollte außerdem 'Ich Sehe Was, Was Du Auch Siehst' ansteuern.
Veröffentlicht wurde 'Euphorie & Alltag' am 9. Oktober 2026. Neben der CD und der digitalen Veröffentlichung gibt es eine limitierte LP auf rotem Vinyl im aufklappbaren Gatefold-Cover. Wer die Euphorie gern mit beiden Händen aus dem Plattenregal zieht, bekommt damit auch die passende physische Ausgabe.
'Euphorie & Alltag' ist ein solides, stellenweise reizvolles Album für Menschen, die 'Mia.' wegen ihrer Stimme, ihrer Melodien und ihrer emotionalen Direktheit mögen. Wer die kantigere Seite der Band sucht, bekommt dagegen zu wenig Anlass, sich verwundert im Hörsessel aufzurichten. Ich schätze die Wärme und die erkennbare Persönlichkeit dieser Veröffentlichung. Für nachhaltige Begeisterung fehlt mir jedoch das Risiko. Die Gefühle dürfen groß sein – die musikalischen Wagnisse hätten es gelegentlich ebenfalls sein dürfen.
Mia. - Euphorie & Alltag
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