Manche Platten legt man auf, weil man sie lange nicht gehört hat. Andere, weil ein Mensch fehlt. Dieser Rückblick auf 'In This Place Forever' ist einer guten Freundin gewidmet, die gestorben ist. 'Mesh' waren ihre Lieblingsband. Und wenn ich heute an die Band denke, denke ich auch an sie.

Wir sind schon in den 90ern zusammen ausgegangen, haben uns immer wieder in Diskotheken getroffen, uns umarmt, miteinander gelacht haben uns aber auch mal gestritten. Es gab Zeiten, in denen wir viel miteinander zu tun hatten und andere, in denen jeder mehr sein eigenes Leben lebte. Trotzdem fanden wir immer wieder zueinander. Wir konnten uns in die Augen sehen und uns darüber freuen, dass der andere da war. Auch nach längeren Pausen war diese Vertrautheit noch da. In den letzten Jahren wurde der Kontakt seltener. Gedacht habe ich trotzdem immer wieder an sie, besonders gerade bei den Konzerten von 'Mesh'. War sie da, freute ich mich, sie zu sehen. Später fehlten diese Begegnungen. Vielleicht ging es ihr damals schon zu schlecht, um noch dabei sein zu können. Ich wusste, dass sie krank war. Trotzdem trifft mich die Nachricht von ihrem Tod. Irgendwo war offenbar immer noch die selbstverständliche Vorstellung, dass wir uns wieder begegnen würden.

Deshalb möchte ich 'In This Place Forever' noch einmal für sie auflegen und genauer hinhören. Was sie persönlich mit dieser Musik verbunden hat, gehört zu ihrer Geschichte. Für mich ist dieser Rückblick eine Möglichkeit, an sie zu denken – und an die Freude, die es immer wieder war, sie zu treffen. Im Jahr 1996 erschien 'In This Place Forever' beim schwedischen Label 'Memento Materia'. Die Band aus Bristol bestand damals aus 'Mark Hockings', 'Richard Silverthorn' und 'Neil Taylor'; mit 'Fragile' hatte sie bereits eine erste Veröffentlichung hinter sich. In einem späteren Rückblick bezeichnete 'Mesh' dieses Werk als ihr erstes richtiges Album: von Anfang an als zusammengehörige Platte geschrieben, statt lediglich einzelne Songs zu versammeln. Hier wollte eine junge Band eine eigene Welt entstehen lassen.

Diese Welt hat wenig Tageslicht, aber erstaunlich viel Wärme. 'In This Place Forever' bewegt sich zwischen melodischem Synthpop und einer deutlich raueren, stellenweise industriell gefärbten Elektronik. Die programmierten Rhythmen schlagen trocken und bestimmt zu, darunter arbeiten knurrende Bassfiguren und beharrlich wiederkehrende Sequenzen. Darüber liegen flächige Synthesizer, kurze melodische Motive und schärfere elektronische Geräusche. Das ergibt einen Klang, der antreibt und zugleich etwas Bedrängendes besitzt. Die Musik zieht auf die Tanzfläche, ohne ihre Schwermut vorher an der Garderobe abzugeben. Dabei entsteht die Spannung häufig aus dem Zusammenspiel weniger, klar gesetzter Elemente. Eine rhythmische Figur bleibt stehen, während sich darüber eine Fläche ausbreitet oder eine zusätzliche Klangschicht die Atmosphäre verdichtet. Die Wiederholung hält die Musik unter Strom. Wo sich die Arrangements öffnen, gewinnen die Melodien umso mehr Gewicht: Plötzlich bekommt ein Refrain Luft, und aus der zuvor angespannten Bewegung wird für einen Moment etwas Weites. Gerade dieser Wechsel zwischen Enge und Öffnung macht das Album für mich so reizvoll.

Wer vor allem den späteren, druckvoller und üppiger produzierten Bandsound kennt, begegnet hier auf dem Album eindeutig einer spröderen Variante. Die einzelnen elektronischen Bausteine treten noch weniger deutliche hervor, die Übergänge wirken weniger abgefedert. Härte entsteht häufig durch die kantigen Klänge und ihre beharrliche Verzahnung. Gleichzeitig besitzen die Songs bereits jenes melodische Gespür, das 'Mesh' auszeichnet: Die Refrains bleiben hängen, tragen aber genug Unruhe in sich, um auch nach mehreren Durchläufen interessant zu sein. Für mich ist das ein wesentlicher Reiz dieser frühen Platte – sie erreicht eine große emotionale Wirkung, ohne dafür jeden Winkel ihres Klangraums ausfüllen zu müssen. Den menschlichen Mittelpunkt bildet die Stimme von 'Mark Hockings'. Ihr leicht rauer, bisweilen gepresster Ton reibt sich an den präzise programmierten Abläufen. In den zurückgenommenen Passagen vermittelt sein Gesang eine beinahe vorsichtige Nähe; wenn er kräftiger wird, steckt darin neben Entschlossenheit auch Anspannung. Gerade diese hörbare Anstrengung berührt mich. Die Gefühle wirken hier nicht sauber sortiert. Sie müssen sich ihren Weg durch die Musik erst bahnen.

Die Verbindung zum dunklen Synthpop der Achtziger und Neunziger ist deutlich hörbar, und 'Depeche Mode' liegen als Bezugspunkt nahe. Doch 'In This Place Forever' besitzt eine eigene nervöse Energie. Zwischen den zugänglichen Melodien bleiben raue Oberflächen, rhythmischer Druck und ein unterschwelliges Gefühl von Unsicherheit erhalten. Das Album kann sehnsüchtig klingen, dann wieder abweisend oder aufgewühlt. Diese wechselnde Temperatur verhindert, dass seine Melancholie zur bloßen Hintergrundstimmung wird. Mich überzeugt besonders, wie eng 'Mesh' hier Eingängigkeit und innere Unruhe miteinander verbinden.

Als Einstieg empfehle ich - ganz klar - 'You Didn’t Want Me': Der Song bündelt den elektronischen Antrieb und die unmittelbare melodische Wirkung, ohne die Spannung zwischen beiden aufzulösen. 'Confined' lohnt sich für die dunklere, eindringliche Seite der Band, bei der Atmosphäre und emotionale Beharrlichkeit stärker in den Vordergrund rücken. Beide Stücke hob auch die Band selbst 2013 rückblickend hervor und verwies darauf, dass sie damals weiterhin ihren Platz in den Konzerten hatten. Für Menschen, die dunklen Synthpop mit Ecken, Druck und emotionaler Tiefe mögen, bleibt 'In This Place Forever' ein lohnender Rückblick. Für mich liegt seine besondere Qualität darin, wie viel menschliche Nähe aus diesen kantigen elektronischen Arrangements entsteht. Die Musik hat Kraft, lässt aber auch die Unsicherheit dahinter hörbar werden.

'In This Place Forever' – für immer an diesem Ort. Der Titel kann Geborgenheit bedeuten, aber auch das Gefühl, irgendwo gefangen zu sein. Für mich bekommt er inzwischen eine weitere, ganz persönliche Bedeutung. Seit dem Tod meiner Freundin gehört der Gedanke an sie zu dieser Musik. Musik kann niemanden zurückbringen. Aber sie kann der Erinnerung einen Ort geben, den man wieder aufsuchen darf, ohne die richtigen Worte finden zu müssen. Sie fehlt in meinem Leben. Wenn ich 'Mesh' höre, denke ich an sie.

Für Silke. In Erinnerung.