'Glaube Und Hoffnung' klingt zunächst nach einem Abend mit guten Gesprächen und der beruhigenden Aussicht, dass am Ende alles irgendwie wird. 'Kontrollverlust Ost' hätten dazu offenbar noch ein paar Einwände. Das Projekt trägt seine Zuversicht mit grimmiger Stimme vor und lässt dazu elektronische Rhythmen antreten, bei denen selbst die Nebelmaschine vorsichtshalber Haltung annimmt. Musikalisch geht es hier für mich zurück in jene Neunziger und Nullerjahre, in denen Band wie 'Funker Vogt' oder 'E-Craft' den Clubbesuch zur schweißtreibenden Angelegenheit machten. Ich bin für solche Ausflüge durchaus zu haben. Allerdings stellt sich hier bald die Frage, wie lange die vertraute Schlagkraft trägt, wenn sich auch der nächste Richtungswechsel schon verdächtig bekannt anfühlt.

Die musikalischen Koordinaten sind jedenfalls schnell gesetzt: EBM und Dark Electro mit kräftigem Vorwärtsdrang, einer finsteren Grundhaltung und wenig Interesse an zaghaften Annäherungsversuchen. Wuchtige Bassdrums und scharf gesetzte Snare-Schläge bilden meist ein strenges rhythmisches Gerüst, in das sich pulsierende Basssequenzen eng einfügen. Die elektronischen Arrangements verstärken diesen Druck und geben den Stücken ihre düstere Atmosphäre. Das greift unmittelbar ineinander und vermittelt jene eigentümliche Mischung aus Härte und Bewegungsreiz, für die man früher bereitwillig bis zum Morgengrauen im Club blieb. Die Welt konnte draußen weiter ihre Probleme haben. Drinnen hatte man immerhin einen verlässlichen Takt dazu.

Darüber sitzt eine aggressive, dunkel angeraute Stimme, die hörbar wenig Anlass zur Heiterkeit sieht. Sie verleiht der Musik Biss und bringt die Texte deutlich und ohne große Umschweife an den Hörer. Der freundliche Albumtitel bekommt dadurch eine durchaus unterhaltsame Schieflage: Falls hier jemand Trost spendet, klingt es, als würde er dabei mit verschränkten Armen in der Tür stehen. Das passt zum gewählten Stil und trägt wesentlich dazu bei, dass 'Glaube Und Hoffnung' seine Wirkung so schnell entfaltet. Mir macht dieser Zugriff Freude. Ich mag die Entschlossenheit, mit der 'Kontrollverlust Ost' ihre musikalischen Vorlieben ausleben, und den unverkrampften Umgang mit einer längst etablierten Klangsprache. Die Nähe zu 'Funker Vogt' oder 'E-Craft' lässt sich dabei wirklich gut als Orientierung verstehen: Wer diese Verbindung aus geradlinigem Beat, elektronischer Wucht und grimmigem Gesang schätzt, wird hier kaum lange nach einem Zugang suchen müssen. Bei mir setzt jedenfalls rasch jene angenehme Wiedersehensfreude ein, die auch ein alter Clubklassiker auslösen kann. Die Beine erinnern sich erstaunlich zuverlässig. Über die Kondition sprechen wir ein anderes Mal.

Besonders überzeugend finde ich auch die Produktion. Die Beats besitzen Gewicht und Kontur, die elektronischen Elemente bleiben sauber voneinander getrennt, und der Gesang kann sich im Klangbild behaupten. Trotz aller Härte wirkt das Ergebnis aufgeräumt und präzise. Dadurch kommen die Arrangements druckvoll zur Geltung, ohne dass ihre Einzelheiten in einem undurchsichtigen Klangbrei verschwinden. Handwerklich macht 'Glaube Und Hoffnung' einen ausgesprochen souveränen Eindruck. Hier weiß jemand, wie diese Musik klingen soll, und bekommt das auch entsprechend umgesetzt. Über die gesamte Spielzeit verliert der zunächst wirkungsvolle Zugriff allerdings etwas von seinem Reiz. Die Stücke folgen häufig ähnlichen Spannungsbögen und setzen auf vergleichbare Wechsel zwischen Aufbau, Druck und erneuter Zuspitzung. Dadurch stellt sich bei mir recht bald ein Gefühl der Vorhersehbarkeit ein. Ich ahne zunehmend, wann die nächste energische Passage kommt und mit welchen Mitteln sie arbeiten wird. Der Körper bleibt durchaus bei der Sache, während der Kopf gelegentlich schon nach dem Programm für den restlichen Abend fragt.

Gerade weil die klangliche Grundlage so gut funktioniert, hätte ich mir mehr Mut innerhalb dieser vertrauten Form gewünscht: mehr variablere Rhythmen, überraschendere Übergänge oder einen Gesang, der seine Aggressivität gelegentlich anders dosiert. Solche Kontraste könnten der vorhandenen Härte zusätzliches Gewicht geben. So bleibt die Intensität über längere Strecken auf einem ähnlichen Niveau, und aus dem anfänglichen Sog wird allmählich eine gewisse Ermüdung. Einzelne Portionen bekommen mir hier besser als der komplette Durchmarsch.

Trotzdem bleibt für mich ein wirklich freundlicher Gesamteindruck. 'Glaube Und Hoffnung' bietet sauber produzierten, druckvollen EBM und Dark Electro. Ich höre das Album mit Vergnügen, wünsche mir auf Dauer aber mehr Abwechslung und eine markantere eigene Handschrift. Die handwerkliche Qualität stimmt, die Energie kommt an, und der nostalgische Reiz funktioniert. Mein Glaube an diese musikalische Rezeptur ist also durchaus vorhanden. Die Hoffnung richtet sich auf ein paar zusätzliche Überraschungen beim nächsten Mal.