Ein Rückblick! 1997 - Helmut Kohl war noch Kanzler, Handys hatten Antennen wie Angelruten – und in den Clubs roch es nach Nebelmaschine, Lederjacke und Aufbruch. Genau in dieser Zeit veröffentlichten 'Funker Vogt' ihr Album 'We Came To Kill'. Ein Titel, der nicht nach Kuschelalbum klingt, sondern nach Stahlkappe. Und ja: Genau so fühlt sich diese Platte auch an. Und ganz ehrlich? Es ist eigentlich eine mittlere Szene-Sünde, dass dieses Album bislang nicht in unserem Review-Archiv vertreten war. Wir haben über obskure Tape-Releases philosophiert, streng limitierte Underground-Pressungen gefeiert – aber ausgerechnet 'We Came To Kill'? Fehlanzeige. Das ist ungefähr so, als würde man eine 90er-EBM-Playlist ohne Nitzer Ebb starten. Falsch. Sehr falsch. Also holen wir das jetzt nach – mit Nachdruck und Begeisterung.
Musikalisch ist dieses zweite Album von 'Funker Vogt' der Moment, in dem sich alles sortiert. Klarer. Härter. Selbstbewusster als zuvor. Die Produktion wirkt im Vergleich zu 'Machine Zeit' stellenweise fast aufgeräumt, aber das ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Denn was sich hier entfaltet, ist eine perfekt austarierte Mischung aus Melodie und kompromissloser Härte. 'Time Of Dreams' zeigt diese besondere Fähigkeit der Band, Atmosphäre und Druck zu verbinden. Ein Track, der nicht nur marschiert, sondern aufbaut, Spannung erzeugt und dich mitnimmt. 'Take Care!' wirkt wie eine direkte Ansage – trocken, energisch, ohne Umwege. Hier sitzt jeder Beat wie ein präziser Schlag. 'Killing Fields' dreht die Brutalitätsschraube weiter an, dunkler, dichter, mit einer fast schon bedrückenden Intensität, die aber nie chaotisch wirkt. Alles bleibt kontrolliert, strukturiert, fokussiert. Und dann ist da dieser Kontrast: 'Siegeszug'. Ein ruhigerer, fast schon hymnischer Moment. Ein bewusst gesetzter „Stepdown“, der zeigt, dass 'Funker Vogt' mehr konnten als nur Dauerfeuer. Dieser Track atmet. Er gibt dem Album Raum – und genau dadurch wirkt die Härte der anderen Stücke noch stärker. Nicht zu vergessen 'Funker Vogt 2nd Unit' – eine Art selbstbewusstes Statement. Härte, Energie, Identität. Fast wie ein musikalisches Schulterklopfen: Wir wissen genau, wer wir sind.
Was das Album damals und heute so besonders macht, ist diese Disziplin. Keine unnötigen Experimente, kein Trend-Hopping. Es ist EBM in Reinform – stoische Beats, präzise Sequenzen, kühle Vocals. Aber eben mit Atmosphäre. Mit Wiedererkennungswert. Mit Charakter. Und dann dieser eine Abend im Feierwerk München, irgendwann Ende der 90er muss es gewesen sein. Ich sehe es noch vor mir. Dunkler Club, viel Nebel in der Luft, erwartungsvolle Menge – und plötzlich betreten sie die Bühne. Die Jungs in Stiefel, Uniformen, mit Stahlhelm. Keine Ironie, keine halbe Inszenierung. Das Konzert war von A bis Z konsequent durchgezogen. Die Optik war genauso klar wie der Sound: Militärisch, kühl, streng. Und als die ersten Beats einsetzten, war es bei Allen vorbei mit Zurückhaltung.
Der Bass traf nicht nur die Ohren, sondern den ganzen Körper. Es vibrierte in der Brust, im Boden, in den Wänden. Ich wurde aus den Latschen gehauen. Wortwörtlich. Diese Songs live zu erleben, war wie ein Stromschlag. Laut. Roh. Intensiv. Und gleichzeitig unglaublich präzise. Keine chaotische Krach-Orgie, sondern kontrollierte Energie. Die Kombination aus Uniform-Ästhetik, Licht, Nebel und diesen kompromisslosen Tracks von 'We Came To Kill' hatte eine Wucht, die ich so noch nicht erlebt hatte. In diesem Moment wusste ich: Dieses Album bleibt. Vielleicht ist es genau deshalb so absurd, dass wir diesen Klassiker erst jetzt offiziell würdigen. Denn für mich gehört 'We Came To Kill' seit diesem Abend zu den Platten, die man nicht einfach hört, sondern erlebt. Ich könnte dieses Album auch heute noch täglich auflegen. Und manchmal tue ich das sogar. :-) Es verliert nichts. Keine Energie, keine Faszination. Im Gegenteil – mit jedem Jahr wächst die Wertschätzung.
Und jetzt, im Jahr 2026, bekommt dieser Klassiker endlich die Vinyl-Behandlung, die er verdient. Zum ersten Mal erscheint 'We Came To Kill' als exklusive Doppel-LP im hochwertigen Gatefold-Cover. Schwarz-grau marmoriertes Vinyl – jede Platte ein Unikat. Das allein ist schon ein Statement im Regal. Dazu kommt das Remastering von 2025, durchgeführt von 'Gerrit Thomas' selbst. Vermutlich mir noch mehr Druck, noch mehr Klarheit, aber ganz sicher ohne den rauen 90er-Charme zu verlieren. Genau so soll das sein! Die kommende Limited Edition auf Vinyl verbindet den nostalgischen Geist der 90er mit der Wertigkeit moderner Vinyl-Pressungen. Sie fühlt sich dann für mich nicht nur wie ein bloßer Re-Release an, sondern wie eine längst überfällige Ehrung.
Also, 'We Came To Kill' ist kein Album für zarte Seelen oder Fans verspielter Blümchen-Electronica. Es ist ein Statement. Ein Stück EBM-Geschichte. Für alle, die industrielle Electro-Sounds lieben und ihre Sammlung um ein rares, ehrliches Stück Musikgeschichte erweitern wollen, ist diese Album ein Muss. Und für mich? Es ist ein Album, das mich seit einem Abend im Feierwerk begleitet – und das ich auch heute noch mit derselben Begeisterung hören kann wie 1997. Manche Platten altern. Diese hier marschiert einfach weiter.
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Funker Vogt - We Came To Kill
Azam Ali - Synesthesia
Seit über drei Jahrzehnten bewegt sich 'Azam Ali' zwischen Welten – kulturell, musikalisch und emotional. Mit Projekten wie 'Niyaz' und dem Duo 'Vas', mit internationalen Tourneen, Soundtrack-Beiträgen für Film und Fernsehen sowie Auszeichnungen und Nominierungen wie dem Juno Award hat sie sich als eine der eigenständigsten Stimmen zwischen elektronischer Musik und globalen Folk-Traditionen etabliert. Ihr Album 'Synesthesia' ist bereits am 14.11.2025 erschienen – und ja, dieser Review kommt mit Verspätung. Man könnte es auf überquellende Promo-Ordner, chronische „Nur-noch-einmal-mit-Kopfhörern...