Kanonenfieber - Yankee Division

Kanonenfieber - Yankee Division

Elf Minuten. Zwei Songs. Ein Skelett in Uniform auf einem Kriegsschiff. Wenn andere Bands mit „epischer Vision“ und 70-Minuten-Konzeptalben um die Ecke kommen, kontert 'Kanonenfieber' mit einer EP, die kürzer ist als manche Einleitung auf Streaming-Plattformen. Und trotzdem schafft es 'Yankee Division', mehr Druck aufzubauen als so mancher Langspieler. Manchmal ist weniger eben nicht nur mehr – sondern konzentrierter Sprengstoff. Hinter 'Kanonenfieber' steht weiterhin Mastermind 'Noise', der bereits mit 'Menschenmühle' eindrucksvoll bewiesen hat, dass historischer Extrem-Metal weder plump noch effekthascherisch sein muss. Statt martialischer Pose gibt es hier Recherche, Konzept und eine klare Haltung. 'Yankee Division' knüpft genau dort an – nur eben komprimiert. Wie ein musikalischer Artillerieschlag mit kurzer Vorwarnzeit.

Musikalisch bleibt das Projekt seiner Linie treu: Black Metal bildet das Fundament, roh, schneidend, mit dieser kalten Raserei, die nicht um Erlaubnis fragt. Die Gitarren sägen, das Schlagzeug hämmert, und die Atmosphäre ist dichter als Pulverdampf im Schützengraben. Doch wer hier monotones Dauergeballer erwartet, liegt falsch. Zwischen den aggressiven Passagen öffnen sich immer wieder melodische Fenster. Keine kitschigen „Wir reiten dem Sonnenuntergang entgegen“-Momente, sondern fragile, fast melancholische Linien, die wie ein kurzer Gedanke an Zuhause wirken – nur um im nächsten Moment wieder im Lärm zu versinken. Genau diese Kontraste machen den Reiz der EP aus.

Die Produktion gefällt mir besonders gut. Sie ist klar genug, um Details hörbar zu machen, bleibt aber angenehm dreckig. Kein steriler Hochglanz, kein überproduzierter Bombast. Und das passt. Krieg klingt nicht nach makellosem Studio-Sound, sondern nach Metall, Dreck und Chaos. Was ich beim wiederholten Hören – und ja, elf Minuten lassen sich problemlos dreimal hintereinander konsumieren – bemerkt habe: Diese EP ist trotz der 'nur' zwei Tracks erstaunlich geschlossen. Keine Füllsekunden, kein unnötiges Ausufern. Alles wirkt durchdacht. Kompakt. Fast diszipliniert. Man könnte sagen: musikalische Effizienz im Stahlhelm. Thematisch bleibt 'Kanonenfieber' seinem dokumentarischen Ansatz treu. Statt Pathos oder Heldengeschichten geht es um Perspektiven, um historische Ereignisse, um die Mechanik des Krieges. Die Texte wirken nicht wie Fantasieprodukte, sondern wie verdichtete Zeitzeugenberichte. Genau das verleiht dem Ganzen Gewicht. Und ich muss zugeben: Ich mag diese Konsequenz. Während andere Bands das Thema Krieg gerne in epische Stadionrefrains packen, bleibt es hier unbequem. Keine erhobene Faust im Scheinwerferlicht. Eher ein Blick in den Abgrund – und der ist selten angenehm.

Und dann dieses Cover. Dieses grelle, fast aggressive Orange das auch schon bei Menschenmühle sichtbar wurde! Im Black-Metal-Universum, das sonst gerne in Schwarz-Weiß oder Nebelgrau schwelgt, wirkt das wie eine visuelle Ohrfeige. Auf dem Artwork thront ein skelettierter Soldat mit Stahlhelm am Bug eines Kriegsschiffs, lässig wie ein makabrer Comic-Antiheld. Pfeife im Mund, Fernglas in der Hand – als würde er nicht ins Gefecht, sondern in den nächsten absurden Akt der Menschheitsgeschichte blicken. Beim ersten Anblick musste ich tatsächlich schmunzeln. Ein Skelett auf einem Zerstörer? Das klingt nach schwarzem Humor. Und genau das ist es auch – nur eben mit bitterem Beigeschmack. Das Orange brennt sich ins Auge wie ein Warnsignal. Kein romantisiertes Schlachtfeld, kein pathetischer Sonnenuntergang. Sondern Alarmfarbe. Und je länger man das Cover betrachtet, desto klarer wird: Hier wird nichts verherrlicht. Der Tod steht am Steuer. Und er wirkt erschreckend entspannt dabei. Optisch ist das mutig, auffällig und innerhalb des Genres fast schon provokant. Mir gefällt dieser Bruch mit der üblichen Ästhetik ausgesprochen gut.

'Yankee Division' ist sicher kein großes Monument, sondern ein präziser Einschlag. Kurz, intensiv und stilistisch konsequent. Wer bereits mit 'Menschenmühle' etwas anfangen konnte, wird hier genau das bekommen, was er erwartet – nur in konzentrierter Form. Geeignet ist diese EP für Hörer, die Black Metal nicht als reines Klanggewitter sehen, sondern als Ausdrucksform mit inhaltlicher Substanz. Für Fans von düsterer, atmosphärisch dichter Musik mit historischem Konzept. Hier gibt es keine Stadionrefrains und kein „Arme hoch!“. Hier gibt es Druck, Atmosphäre und Nachhall.

Für mich persönlich ist 'Yankee Division' damit mehr als nur ein Zwischenrelease. Es ist ein kompaktes Statement. Kein aufgeblähtes Konzeptwerk, sondern eine Granate mit kurzer Zündschnur. Und ja – ich hätte ohne zu zögern noch ein paar Minuten mehr genommen. Aber vielleicht liegt genau darin die Stärke: aufzuhören, bevor Gewöhnung einsetzt.

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