Ein Winterabend, ein knisternder Kamin und ein Glas Rotwein: Für 'Johnny Hollow' würde ich genau diesen Rahmen wählen. Vielleicht noch eine Decke dazu. Und vorsichtshalber einen Blick in die Hausratversicherung werfen, denn während die Musik wunderbar zum Zurücklehnen einlädt, wird in den Texten schon einmal ein Haus abgefackelt. Das kanadische Musik- und Kunstprojekt besitzt offenbar eine recht eigenwillige Vorstellung von Gemütlichkeit. Mir gefällt das aber wirklich mal ausgesprochen gut.

Im Zentrum von 'Johnny Hollow' stehen 'Janine White' und 'Vincent Marcone', während das Cello von Mitgründerin 'Kitty Thompson' zu den charakteristischen Klangfarben gehört. Musik und visuelle Kunst sind bei diesem Projekt eng miteinander verbunden. Mit 'Songs That Glow In The Dark ~ Johnny Hollow Essentials' feiern sie nun 25 Jahre ihres Schaffens: Die am 9. Oktober 2026 erschienene Werkschau versammelt zwölf Stücke in gut 42 Minuten. Eine überschaubare Einladung also, sich mit dieser besonderen Klangwelt vertraut zu machen. Was mich dann an der Sammlung wirklich begeistert, ist ihre Verbindung aus ruhiger Ausstrahlung, eingängigen Melodien und einem leichten Gothic-Einschlag. Viele Songs wirken beinahe poppig, bleiben dabei aber doch angenehm eigenwillig. Das dunkle Cello gibt ihnen Tiefe, helle Klangakzente sorgen für kleine Lichtpunkte, und über allem liegt diese leicht melancholische Atmosphäre. Die Musik lässt Platz zum Durchatmen. Zugleich besitzt sie genug Charakter, dass ich sie viel zu schade finde, um sie bloß nebenbei laufen zu lassen.

Besonders angetan hat es mir die Stimme von 'Janine White'. Meist hauchend, ruhig und zurückgenommen, verleiht sie den Songs eine Nähe, die wunderbar zu den dunkleren Instrumentalfarben passt. Gerade diese Zurückhaltung macht die Melodien für mich so reizvoll. Hier muss niemand bei jedem Refrain beweisen, dass auch die Nachbarn im dritten Stock noch zur Zielgruppe gehören. Gelegentliche männliche Gesangsparts, beispielsweise in 'Devils Night', bringen einen willkommenen Kontrast hinein. Trotzdem bleibt es vor allem diese weibliche Stimme, die mich immer wieder in die Musik zieht.

Mein Anspieltipp hier ist 'A Little Bit Closer'. Das dunkle Cello, der ruhige Gesang und die hellen, beinahe spieluhrartigen Töne ergeben eine Kombination, die sofort hängen bleibt. Besonders schön finde ich, wie die tiefen Streicher und das helle Klingeln miteinander wirken: Das eine gibt dem Stück Gewicht, das andere etwas Zartes und leicht Entrücktes. Eine Spieluhr im Halbdunkel ist dafür ein ziemlich passendes Bild. Man möchte näher heranrücken, auch wenn man sich nicht ganz sicher ist, ob das eine gute Idee war. Genau mit diesem Unbehagen spielt auch der Text. Für mich ist das ein ausgesprochen gelungenes Stück, weil Eingängigkeit und Atmosphäre so selbstverständlich zusammenfinden.

'Firefly' gefällt mir ebenfalls hervorragend. Wieder ein ruhiger Song, wieder diese tolle Stimme, dazu eine düstere Melodie, die sich schnell festsetzt. Hier liegt für mich eine der großen Stärken von 'Johnny Hollow': Die Musik bleibt zugänglich, ohne ihren geheimnisvollen Charakter einzubüßen. Gerade bei diesem Stück brauche ich keine größere Geste und keinen zusätzlichen Effekt. Die Melodie und der Gesang tragen genug Gefühl in sich, um meine Aufmerksamkeit zu halten. Auch wenn die Musik wunderbar zum Zurücklehnen einlädt, erzählen die Texte keineswegs nur gemütliche Geschichten. Zwischen enttäuschten Hoffnungen, Eifersucht und unheimlichen Begegnungen wird sogar ein Haus niedergebrannt. Gerade dieser Gegensatz macht die Sammlung für mich zusätzlich reizvoll. Ich finde diesen Gegensatz spannend: Die Songs können warm und einladend wirken, während ihre Geschichten deutlich weniger gastfreundlich ausfallen. Damit bekommt auch das Bild vom Kaminabend eine zweite Bedeutung. Man sitzt bequem, hört aber keineswegs nur beruhigende Dinge. Diese kleine Irritation verleiht der Sammlung zusätzliche Tiefe.

Für die Zusammenstellung wurden die Stücke remastert, um sie klanglich aufeinander abzustimmen. Bei einigen hat die Band außerdem die ursprünglichen Übergänge verändert und eigenständige Anfänge und Enden geschaffen. Es handelt sich damit um eine bewusst aufbereitete Jubiläums-Werkschau. Wer die Band bislang kaum kennt, findet hier einen kompakten Einstieg; langjährige Fans bekommen eine neue Zusammenstellung vertrauten Materials. Ganz grenzenlos ist meine Begeisterung dann aber trotzdem nicht. Die überwiegend ruhige Ausrichtung und der häufig hauchende Gesang bestimmen den Charakter der Sammlung deutlich. Wer mehr Druck oder stärkere Ausbrüche braucht, dürfte sich stellenweise etwas mehr Bewegung wünschen. Mir liegt diese Stimmung sehr, aber ich würde die Platte bewusst für einen Abend auswählen, an dem ich mich darauf einlassen möchte. Ihre Feinheiten verdienen etwas Aufmerksamkeit. Beim hektischen Durchklicken zwischen zwei Terminen dürfte ein guter Teil ihres Reizes verloren gehen.

'Songs That Glow In The Dark ~ Johnny Hollow Essentials' ist für mich eine ausgesprochen schöne Werkschau mit einprägsamen Melodien, einer wunderbaren Stimme und genau der richtigen Portion Dunkelheit. Besonders empfehlen würde ich sie Menschen, die ruhige, beinahe poppige Songs mögen und Freude an Cello, melancholischer Atmosphäre und einem leichten Gothic-Einschlag haben. 'A Little Bit Closer' und 'Firefly' wären meine ersten Empfehlungen. Für den Winterabend mit Rotwein ist die Sammlung ohnehin bestens geeignet. Und wer keinen Kamin besitzt, darf selbstverständlich vor der Heizung sitzen. Bei der Musik bin ich anspruchsvoll, bei der Wärmequelle großzügig.