Früher konnte man sich als Freund düsterer Musik noch halbwegs zuverlässig vor der Welt verstecken: Einfach die Vorhänge zu, Platte auflegen und dann bedeutungsvoll ins Nichts schauen. Heute vibriert dabei leider alle zwölf Sekunden das Handy. Egal, 'Shadowmouth' liefern mit 'Modern Alchemy' ein Debüt für genau diese gestörte Dunkelheit. Das Projekt aus Pittsburgh verbindet Gothic Rock, Post-Punk und Industrial mit Themen wie digitaler Fremdbestimmung und menschlichen Abhängigkeiten. Besonders gefällt mir, dass zwischen den beharrlichen Beats und dunklen Klangschichten auch mehrstimmige Gaststimmen Platz finden. Wer schon keine Ruhe bekommt, kann wenigstens eine interessante musikalische Begleitung dazu haben.
Gegründet wurde 'Shadowmouth' 2023 in Pittsburgh vom Multiinstrumentalisten und Songwriter 'Rick Polo', der auch bei 'Baroque Monody' und 'Heck Vektor' aktiv ist. Ausgangspunkt war Material, das in seinen anderen Bands keinen passenden Platz fand. Gemeinsam mit Schlagzeuger und Produzent 'Brooks Farris' veröffentlichte er die EP 'Purification By Fire' von 2024 und mehrere Singles. Das Debütalbum umfasst dabei acht Stücke in rund 31 Minuten und ist digital seit dem 14. Oktober 2026 erhältlich; CD und Vinyl sind für den 16. Oktober über 'Death Of The Party Records' angekündigt. Fünf Songs waren zuvor bereits als Singles verfügbar.
Tiefe Bässe und beharrliche Beats bilden dabei das Fundament, darüber legen sich feine Synthesizerschichten und dunkle Melodien. Die Gitarren verstärken stellenweise den rockigen Zugriff, lassen andernorts aber der Elektronik Platz. Gerade diese wechselnde Gewichtung gefällt mir sehr gut: Der mechanische Puls hält die Musik in Bewegung, während die Klänge darüber einen weiten, hypnotischen Raum öffnen. 'Shadowmouth' haben dabei mehr zu bieten als düstere Gitarren über einem eingeschalteten Drumcomputer. Der Gesang bewegt sich zwischen kühler Distanz und emotionaler Dringlichkeit, in konfrontativeren Momenten wird er bissig. Das passt zu den Themen: Hier verhandelt jemand digitale Entfremdung, der offenbar längst genug davon hat, sich von einem Bildschirm den Tag ruinieren zu lassen. Verständlich. Das schaffen gelegentlich schon zwei Kommentare und ein automatisch gestartetes Video.
Besonders überzeugen mich auch die Beiträge von 'The Elder Goths'. Das Trio aus Cleveland bringt auf zwei Stücken mehrstimmige, hallreiche Harmonien ein, die einen schwebenden, beinahe traumartigen Gegenpol zur Rhythmik schaffen. Die Stimmen geben der Musik eine feierliche Farbe. Für mich bekommt der Albumtitel hier auch musikalisch Bedeutung: Unterschiedliche Beteiligte verändern das gemeinsame Ergebnis. Als weitere Gäste sind 'Sounds Pretty Grim' vertreten. Inhaltlich reicht der Blick über den nächsten genervten Kommentar zur Bildschirmzeit hinaus. Die Texte beschäftigen sich mit digitaler Fremdbestimmung, der Bewertung des Menschen durch Zahlen, religiöser Bevormundung und toxischen Beziehungen. Für mich verbindet diese Themen die Frage nach unserer Selbstbestimmung: Was bleibt davon, wenn andere unsere Aufmerksamkeit, Überzeugungen oder Gefühle kontrollieren? Gerade dieser Zusammenhang gibt den Texten für mich Gewicht. Der Algorithmus ist schließlich besonders wirksam, wenn wir ihm freiwillig jeden Morgen die Wohnungstür öffnen und noch einen Kaffee anbieten.
Ein Vorbehalt bleibt bei den Texten. Bilder von Gewalt, Verfall und Gefangenschaft vermitteln Dringlichkeit, häufen sich aber so stark, dass mir gelegentlich eine konkrete Beobachtung lieber wäre als die nächste große Untergangsformel. Wer einen subtilen Blick auf digitale Abhängigkeiten sucht, muss mit dieser deutlichen Ansprache zurechtkommen. Auch das Artwork von 'Rhiannon V. Williams-Bohac' passt für mich zu dieser Überforderung. Ein gesichtsloser Roboter sitzt vor einem pinkfarbenen Röhrenrechner, der an einen iMac G3 erinnert. Zwischen Bleiglasfenstern und violetten Vorhängen sammeln sich Geräte, Kabel und Tonträger; rechts erscheint eine bläuliche Projektion. Mir gefällt die unordentliche Verbindung aus historischem Ambiente und überholter Zukunftstechnik. Die digitale Revolution hat hier offenbar vor allem den Schreibtisch zugestellt.
Mein Anspieltipp ist 'We Are Sentient': Der treibende Beat, die dichten Synthesizerschichten und die hypnotische Stimmung bündeln die Eigenschaften, die mich an 'Shadowmouth' reizen. Ein guter Zugang zu ihrem Sound und zum Thema menschlicher beziehungsweise maschineller Identität. 'Modern Alchemy' empfehle ich Hörern zwischen Gothic Rock, Post-Punk und Industrial, die elektronische Klangräume und unterschiedliche Stimmen schätzen. Für mich machen vor allem die hypnotische Rhythmik und die Beiträge von 'The Elder Goths' das Debüt interessant. Die Texte könnten stellenweise mehr Zwischentöne vertragen, doch die musikalische Mischung überzeugt mich. Dafür unterbreche ich den endlosen Nachrichtenstrom gern. Die nächsten Push-Nachrichten können warten.
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