Im Jahr 1992 konnte man das Kölner Fanzine EB/Metronom für drei Mark in Briefmarken bestellen. Heute steht die damalige Ausgabe als Scan im Netz. Auf Seite 60 bespricht 'Manfred Thomaser' das Debüt von 'Goethes Erben' und denkt bei manchen Melodien ausgerechnet an Einschlafmusik für Kinder. 'Das Sterben Ist Ästhetisch Bunt' und den Nachfolger 'Der Traum An Die Erinnerung' habe ich damals rauf und runter gehört. Daneben liefen ein paar andere Bands aus derselben Ecke, und irgendwann ging ich in dieser Stimmung ganz auf. Das war eine tolle, düsterromantische Zeit. So gern ich mich daran erinnere, überrascht mich beim Wiederhören vor allem eines. Die Platte erzeugt bei mir noch immer denselben wohligen Schauer.
'Oswald Henke' hatte 'Goethes Erben' 1989 mit 'Peter Seipt' in Bayreuth gegründet. Nach dessen Ausstieg nahm die Band mit 'Mindy Kumbalek' und 'Conny R.' ihr Debüt auf, das 1992 bei 'Dark Star Records' erschien. Im selben Jahr spielten 'Goethes Erben' beim Leipziger Wave-Gotik-Treffen. Acht Acts führt das Festivalarchiv für 1992 auf. Für einen ersten Überblick über das Programm hätte damals die Rückseite eines Bierdeckels gereicht.
Das Merkwürdige an 'Das Sterben Ist Ästhetisch Bunt' ist, wie freundlich einen die Musik stellenweise hereinbittet. Klavier und Keyboards spielen schlichte, manchmal überraschend sanfte Melodien. Zuerst halte ich mich an die Melodie. Dann verstehe ich, was 'Henke' da gerade erzählt, und dieselbe Melodie fühlt sich plötzlich anders an. Ein bedrohlicher Synthesizer würde mir früh verraten, wie ich die Szene einordnen soll. Hier brauche ich dafür ein paar Sätze. Genau in diesem Moment, wenn mir unter einer beinahe tröstlichen Melodie unbehaglich wird, erkenne ich die Platte sofort wieder.
'Henke' führt die Themen der ersten drei Alben auf Eindrücke aus seiner Arbeit als Krankenpfleger in einer Psychiatrie zurück. Das Debüt eröffnet diese Trilogie und erzählt immer wieder von Menschen, denen kaum noch Handlungsspielraum bleibt. Die Musik lässt ihnen dafür Zeit. In den ruhigeren Passagen bleibt ein Satz lange genug im Raum, dass ich anfange, über die Person nachzudenken, die ihn sagt. Wenn 'Henke' zu viele Wörter hintereinander betont, höre ich irgendwann vor allem, wie er spricht. Dabei interessiert mich gerade, was die Figur zu sagen hat.
Ein Anspieltipp von damals ist 'Kaltes Licht'. 'Manfred Thomaser' empfahl das Stück 1992 damals auch im EB/Metronom. An der Platte faszinierte ihn der Gegensatz zwischen den sanften Melodien und den Texten über den Tod. Manche Passagen empfand er sogar als aufmunternd. Das klingt beim Lesen erst einmal seltsam. Wer selbst eine Zeit lang in dieser Musik aufgegangen ist, kann es vielleicht besser nachvollziehen. Mein Anspieltipp im Rückblick aber ist eher 'Koma'. Über sieben Minuten bleibt das Stück bei einem Menschen, der seine Lage schildert und sich seiner Umgebung doch nicht mitteilen kann. Als Hörer bekomme ich jedes Wort mit. Für die Menschen in der erzählten Szene bleibt es unhörbar. Dieser Unterschied beschäftigt mich länger als jede dramatische Betonung auf der Platte.
Fazit: Für mich ist 'Das Sterben Ist Ästhetisch Bunt' 'Oswald Henkes' Meisterwerk. Auch nach all den Jahren steht dieses Debüt für mich ganz oben in seinem musikalischen Werk. Wer an frühem deutschem Darkwave die Nähe zum Theater und das Gespür für Sprache mag, sollte es unbedingt einmal hören. Damals konnte ich mich in diese düsterromantische Musik regelrecht hineinfallen lassen. Heute reichen ein paar Takte, und der wohlige Schauer ist sofort wieder da. Die drei Mark in Briefmarken kann man sich inzwischen ja sparen. Die gute halbe Stunde zum Zuhören nehme ich mir aber immer noch gern.
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