Augen, Zähne, Fratzen und ein geöffneter Sarg: Das Cover von 'Shallow Grave' sieht aus, als hätte jemand einem Albtraum die komplette Packung Filzstifte überlassen. Dahinter aber stecken 'Dead Astronauts', das Duo aus Musiker und Illustrator 'Jared Kyle Nickerson' und Produzent 'Slade Templeton'. Seit der Gründung 2011 verbindet das Projekt elektronische Musik mit visueller Gestaltung. Auf dem fünften Album trifft die optische Reizüberflutung auf eingängige Synth-Melodien, eine raue Atmosphäre und eine gehörige Portion emotionaler Schwere. Erschienen ist das Ganze am 2. Oktober 2026 bei 'Cold Transmission Music'.

Musikalisch findet man sich hier zum Glück viel schneller zurecht, als im Gewimmel der Coverillustration. Die elektronischen Motive geben den Songs klare Konturen und bleiben gut im Ohr. Um sie herum sorgen dunkle Klangflächen und verzerrte Texturen für Unruhe. Die Musik besitzt einen zugänglichen Kern, fühlt sich aber angenehm angeraut an. Genau diese Verbindung gefällt mir sehr: 'Dead Astronauts' verstehen es, eingängig zu schreiben, ohne ihrer Musik dabei sämtliche Ecken abzuschleifen.

Der Schimmer des Synthwave trifft hier deutlich auf die Melancholie des Darkwave. Dazu kommt die kantigere Energie des Post-Punk. Elektronische Rhythmen treiben die Stücke voran, während dunkle Klangflächen die Stimmung eintrüben. Gerade dieses Nebeneinander reizt mich: Die Musik zieht einen mit ihren Melodien hinein und lässt das Unbehagen gleich mit herein. Eine wichtige Rolle spielt auch der Gesang. Bei einigen Songs bekommt die Stimme eine leicht rauchige Färbung. Sie bringt dabei Wärme und etwas Angeschlagenes in die elektronische Umgebung. Das passt ausgesprochen gut zu diesen Klängen. Gerade im Zusammenspiel mit den Melodien entsteht dabei eine menschliche Nähe, die mich besonders anspricht. Die Stimme gibt der Schwere ein Gesicht.

Die Texte kreisen meinem Verständnis nach um Kontrolle, bedrängende Nähe und Vergänglichkeit. Damit verstärken sie die zusätzlich die emotionale Wirkung der Musik. Der Titel 'Shallow Grave' passt dazu: Was nur oberflächlich begraben wurde, ist eben noch lange nicht verschwunden. Zwischen den zugänglichen Melodien bleibt deshalb immer ein Rest Unbehagen zurück. Für einen ersten Zugang bieten sich 'Bodies' und 'Get Lost' an. Die kantigere, körperlichere Ausrichtung von 'Bodies' zeigt eine wichtige Seite des Albums und liefert einen guten Einstieg in dessen rauen Charakter. Zum Abschluss kehrt das Stück als ziemlich treibende 'Bodies (Dark Club Version)' zurück. 'Get Lost' spricht dagegen stärker die melancholische Seite an. Die beiden Stücke öffnen unterschiedliche Türen in dieselbe dunkle Klangwelt.

Das Artwork bringt diese Unruhe auf eine deutlich überdrehte Ebene. Über einem orange-roten Himmel und einer schwarzen Friedhofssilhouette türmen sich Augen, Zähne, Fratzen und geometrische Formen. Die beinahe symmetrische Anordnung gibt dem Gewimmel Struktur. Schwarz und Cremeweiß setzen harte Kontraste, einzelne Farbakzente ziehen den Blick immer wieder weiter. Mir gefällt diese groteske Comicwelt. Ihre vielen Details geben den düsteren Themen einen eigenen visuellen Charakter und machen das Cover auch beim zweiten Hinsehen interessant. Verantwortlich ist 'JthreeConcepts', das Studio von 'Jared Kyle Nickerson'.

Wer die vielen Details ohne Vergrößerungsglas erkunden möchte, dürfte an den Vinyl-Ausgaben Freude haben. 'Shallow Grave' ist auf limitiertem orangefarbenem und weißem Vinyl erhältlich. Beide Varianten stecken in einem Klappcover mit innen abgedruckten Texten. Dazu kommen die CD im sechsteiligen Digipak mit Textheft sowie der digitale Download. Auch Freunde kleinerer Regale müssen diesen Albtraum also nicht vor der Tür stehen lassen.

'Shallow Grave' ist für mich ein tolles Release mit einprägsamen Melodien, rauem Charme und spürbarem Gefühl. Zum persönlichen Ausnahmealbum reicht es meiner Meinung nach dennoch nicht. Dafür fehlt mir der eine Moment, der über die durchgehend überzeugende Stimmung hinaus besonders lange nachwirkt. Wer aber dunkle Elektronik mit zugänglichen Songs und einer stellenweise leicht rauchigen Stimme mag, sollte hier trotzdem unbedingt reinhören. Das Cover mag einen mit Zähnen empfangen. Die Musik liefert genügend Gründe, näherzukommen.