Gestern saßen wir noch zufrieden vor unserem frisch veröffentlichten Review zur ‚Der Böse Gott EP‘ von AD:KEY, heute fällt uns beim routinierten Blick ins eigene Archiv eine dieser Wahrheiten ins Gesicht, die man eigentlich lieber ignorieren würde: Seit ‚Die Propheten‘ von ‚Das Ich‘ sind inzwischen 35 Jahre vergangen. Fünfunddreißig Jahre! In dieser Zeit wurde die schwarze Szene bestitmmt schon mehrfach neu erfunden, totgesagt, wiederbelebt, stilistisch zerlegt, neu etikettiert und anschließend nostalgisch verklärt. Schwarze Kleidung wanderte aus Kellern auf Festival-Hauptbühnen, Nieten aus dem DIY-Kontext in große Modeketten und Genres bekamen mehr Unterkategorien als ein gut sortierter Plattenladen. Und während all das passierte, haben wir es tatsächlich geschafft, einen der frühesten und wichtigsten Meilensteine dieser Entwicklung nicht zu besprechen. Oh weia! Also bleibt nur eine medienkonverter-typische Reaktion: Zeitmaschine anwerfen, Kalender gnadenlos auf 1991 zurückdrehen und so tun, als wäre dieses Album gerade erst erschienen – frisch, verstörend und voller düsterer Verheißung.
Also, ‚Die Propheten‘ ist weit mehr als nur das Debütalbum von Das Ich. Historisch betrachtet erscheint es zu einer Zeit, in der deutschsprachige dunkle Elektronik noch alles andere als selbstverständlich war. Anfang der 90er dominierten englische Texte, klar umrissene Genregrenzen und funktionale Clubtracks. ‚Das Ich‘ stellten sich bewusst quer zu diesen Konventionen. Sie kombinierten elektronische Strenge mit theatralischer Überhöhung, neoklassischen Anleihen und einer kompromisslosen Verwendung der deutschen Sprache. Damit wirkte das Album damals wie ein Fremdkörper – und genau das machte es so relevant. Es erschien noch vor dem großen Gothic-Boom der Mitte und späten 90er und legte damit ein ästhetisches Fundament, auf dem sich später ganze Strömungen entfalten konnten.
Musikalisch ist ‚Die Propheten‘ damit weniger ein klassisches Album als eine Inszenierung. Die Stücke wirken wie Akte eines düsteren Bühnenwerks, getragen von kalten Synthesizerflächen, strengen Sequenzen und bewusst reduzierten Arrangements. Der Sound ist nicht glatt, nicht perfekt, sondern rau, kantig und stellenweise spröde. Das ist kein Mangel, sondern Ausdruck der damaligen Produktionsbedingungen und einer klaren künstlerischen Haltung: Atmosphäre vor Hochglanz. Statt technischer Perfektion setzt das Album auf Wirkung, Spannung und Dramaturgie. Die Stimme fungiert dabei weniger als Gesang im klassischen Sinne, sondern als rezitierendes, beschwörendes Element – deutsch, direkt und ohne Ausweichbewegungen. Besonders deutlich wird dieser Ansatz in den zentralen Stücken des Albums. ‚Kain Und Abel‘ fungiert nahezu als programmatisches Manifest. Die biblische Vorlage dient hier nicht als religiöses Bekenntnis, sondern als zeitloses Sinnbild für Schuld, Konflikt und menschliche Abgründe. Musikalisch entfaltet sich der Titel langsam und ritualhaft, die Atmosphäre verdichtet sich stetig, bis sie den Hörer regelrecht umschließt. Es ist weniger ein Song im klassischen Sinne als ein düsteres Gleichnis, das den Anspruch des Albums unmissverständlich verdeutlicht.
‚Des Satans Neue Kleider‘ erweitert diese Dramaturgie um eine bitterböse, beinahe sarkastische Ebene. Thematisch geht es um Macht, Verführung und moralische Selbstinszenierung, musikalisch um kontrollierte, fast marschierende elektronische Strukturen. Die Kühle der Musik steht in bewusstem Kontrast zur emotionalen Überhöhung des Vortrags und verstärkt so die inhaltliche Schärfe. Gerade dieser Gegensatz macht den Titel zu einem der prägendsten Momente des Albums und erklärt, warum er bis heute als Referenz innerhalb des Frühwerks gilt. Den inhaltlichen und atmosphärischen Höhepunkt markiert schließlich aber ‚Gottes Tod‘. Hier kulminiert alles, wofür ‚Die Propheten‘ steht: Pathos, Provokation und philosophische Tiefe. Der Titel ist keine bloße Effekthascherei, sondern eine klare Referenz an existenzialistische Denkansätze, umgesetzt als langsames, monumentales elektronisches Requiem. Dieses Stück verlangt Aufmerksamkeit, Raum und Zeit und verweigert sich konsequent jeder Form von Leichtigkeit oder Nebenbei-Konsum.
Gerade durch diese kompromisslose Haltung entfaltete ‚Die Propheten‘ seine nachhaltige Wirkung auf die Szene. Das Album entwickelte sich zu einem Referenzwerk für deutschsprachigen Darkwave und zeigte früh, dass elektronische Musik auch literarisch, theatralisch und inhaltlich anspruchsvoll sein kann. Viele spätere Projekte griffen diese Haltung auf, selbst wenn sie klanglich und textliche andere Wege einschlugen. Einige der hier enthaltenen Stücke wurden dann auch bis heute zu festen Größen im Live-Repertoire der Band und trugen maßgeblich dazu bei, ‚Das Ich‘ als künstlerische Instanz zu etablieren. Nicht zuletzt ist auch die physische Veröffentlichung Teil seiner Wirkung. Als frühes CD- und Vinyl-Zeitdokument atmet ‚Die Propheten‘ den Geist seiner Epoche – vom Artwork bis zur klanglichen Ästhetik. Heute gilt das Album längst als Klassiker, der in keiner ernstzunehmenden Sammlung der dunklen Szene fehlen sollte. Es wirkt weniger wie ein nostalgisches Relikt, sondern erstaunlich standfest und relevant, selbst nach 35 Jahren.
Unterm Strich ist ‚Die Propheten‘ kein Album für jeden – und das war es auch nie. Es richtet sich an Hörer, die Musik als Kunstform, als Ausdruck und als emotionale Herausforderung begreifen. Wer Eingängigkeit, Leichtigkeit oder beiläufige Unterhaltung sucht, wird hier nicht fündig. Wer sich jedoch auf ein intensives, forderndes und stilprägendes Werk einlassen möchte, entdeckt eines der frühesten und wichtigsten Fundamente der deutschen Darkwave- und Gothic-Szene. Und ja: Es wurde höchste Zeit, dass wir diese 35 Jahre alte Lücke im Medienkonverter-Archiv endlich schließen.
Das Ich - Die Propheten
Stillstand, Einsicht, Neubeginn: ‘VNV Nation’ melden sich 2026 zurück
Wenn Stille nicht kreativ, sondern medizinisch bedingt ist, hört die Szene plötzlich sehr genau hin. Nach Tagen voller Spekulationen und vieler Genesungswünsche liegt nun seit heute ein ausführliches Update von VNV Nation vor, das erklärt, warum Konzerte verschoben wurden – und warum diese Zwangspause weit mehr ausgelöst hat als nur organisatorische Umplanungen.Dass es in den letzten Wochen ungewöhnlich ruhig um Ronan Harris war, hatte einen ernsten Hintergrund. Kurz vor Weihnachten führte eine eigentlich zufällig angesetzte Untersuchung zu einer alarmierenden Diagnose: Eine der Oberschenkelar...
Ben Blutzukker - Laut und deutschlich
Man sollte dieses Album nicht hören, wenn man schlechte Laune hat. Und man sollte es erst recht nicht hören, wenn man Humor mit bierernstem Ernst verwechselt. ‘Laut Und Deutschlich’ von ‘Ben Blutzukker’ ist das Ergebnis einer ebenso einfachen wie bestechenden Grundidee: Ich liebe Klemmbausteine. Ich liebe Heavy Metal. Warum also nicht kombinieren? Genau aus dieser Haltung heraus arbeitet ‘Ben Blutzukker’ seit 2015 an seiner ganz eigenen Version von Dark Metal – irgendwo zwischen klassischem Heavy Metal, rauer Reibeisenstimme und dem Gefühl, als würden ‘Mercyful Fate’ und ‘Motörhead’ gemeinsam ...