Rue Oberkampf, Tobias Bernstrup und Philipp Strobel verwandelten am 23. Oktober 2026 das Münchner Bergson Kunstkraftwerk in einen Tempel der elektronischen Musik. Drei Acts, eine spektakuläre Location und ein Sound, der sämtliche Erwartungen übertraf. Ein Konzertabend, bei dem einfach verdammt viel zusammenpasste.
Schon beim Betreten des Bergson Kunstkraftwerks im Münchner Westen war klar: Das hier ist keine gewöhnliche Konzertlocation. Das ehemalige Heizkraftwerk aus den 1920er-Jahren ist ein architektonisches Monster – und das ausdrücklich als Kompliment gemeint. Gewaltige Betonwände, riesige Fensterfronten, industrielle Stahlkonstruktionen, umlaufende Emporen und eine ehemalige Kesselhalle mit beeindruckenden 25 Metern Höhe. Wo früher Kohle verbrannt wurde, wird heute Kultur produziert. Und an diesem Freitagabend durfte es dabei gerne etwas dunkler, elektronischer und lauter werden.
Allein diese Halle ist einen Besuch wert. Die Veranstaltung auf der Beletage, oberhalb des imposanten Atriums, nutzte die außergewöhnliche Architektur auf beeindruckende Weise. Lichtstrahlen durchschnitten den Nebel, die alten Betonflächen wurden in wechselnde Farben getaucht und die gewaltigen Raumdimensionen sorgten für eine Atmosphäre, die man in München nicht an jeder Straßenecke findet. Fast schon eine Kathedrale der elektronischen Musik – nur ohne Kirchenbänke und mit deutlich mehr Bass.
Und damit wären wir bei der nächsten Überraschung: dem Sound. Wer beim Anblick dieser riesigen Betonlandschaft zunächst mit einem akustischen Abenteuer zwischen Bahnhofshalle und Tiefgarage gerechnet hatte, wurde eines Besseren belehrt. Was hier aus den Lautsprechern kam, war erstaunlich druckvoll, klar und differenziert. Die Bässe hatten ordentlich Schub, ohne alles andere zu verschlucken, und auch die Stimmen kamen überzeugend zur Geltung. Für eine derart monumentale Industriehalle schlichtweg beeindruckend. Beton kann offenbar doch mehr als nur gut aussehen.
Philipp Strobel: Wenn ein DJ-Set zur eigenen Attraktion wird
Musikalisch setzte Philipp Strobel die ersten Ausrufezeichen. Der Berliner DJ, Veranstalter und Gründer des Labels aufnahme + wiedergabe bewegt sich seit Jahren souverän zwischen Post-Punk, Darkwave, EBM und Industrial Techno. Und wer wissen wollte, warum er in der Szene einen hervorragenden Ruf genießt, bekam an diesem Abend eine ziemlich überzeugende Antwort.
Was Strobel an seinem DJ-Pult ablieferte, war schlichtweg großartig. Treibende Beats, überraschende Übergänge, düstere elektronische Klangwelten und immer wieder Momente, in denen man sich fragte, welcher verdammt gute Track da gerade durch die Halle donnerte. Statt bloß bekannte Szenehits aneinanderzureihen, entwickelte er einen spannenden musikalischen Sog. Mal hypnotisch, mal herrlich kompromisslos und dann wieder mit melodischen Einfällen, die sich wunderbar in den brachialen Unterbau einfügten.
Besonders schön: Strobel schaffte es, seinem Set einen ganz eigenen Charakter zu verleihen. Das war keine belanglose Beschallung zwischen zwei Konzerten, sondern ein eigenständiges musikalisches Erlebnis. Von solchen DJ-Sets darf es gerne deutlich mehr geben. Und wer danach nicht wenigstens mit dem Fuß wippte, sollte möglicherweise seinen Puls überprüfen lassen.
Tobias Bernstrup: Zwischen Italo Disco, Zukunftsvision und Fetisch-Ästhetik
Mit Tobias Bernstrup stand anschließend ein Künstler auf der Bühne, bei dem Musik und visuelle Inszenierung seit jeher untrennbar miteinander verbunden sind. Der Schwede ist nicht nur Musiker, sondern auch bildender Künstler und Performer. Sein musikalisches Universum vereint Synthpop, Italo Disco, Darkwave und futuristische Clubmusik mit einer unverkennbaren Vorliebe für die Ästhetik der Achtzigerjahre. Und Bernstrup weiß definitiv, wie man einen Auftritt in Szene setzt. Sein eigenwilliges, fetischinspiriertes Bühnenoutfit mit glänzenden schwarzen Elementen und futuristischem Charakter passte hervorragend zu seiner Musik. Irgendwo zwischen düsterem Science-Fiction-Film, Underground-Club und einer ziemlich eigenwilligen Modenschau aus der Zukunft. Bei ihm ist diese Inszenierung allerdings weit mehr als bloße Dekoration – sie gehört zum künstlerischen Gesamtkonzept.
Musikalisch überzeugte Bernstrup mit eingängigen Synthesizermelodien, treibenden elektronischen Rhythmen und jener besonderen Mischung aus nostalgischer Achtzigerjahre-Romantik und moderner Clubästhetik. Das machte ausgesprochen viel Spaß und entwickelte zusammen mit der Lichtshow eine enorme Wirkung. Ein toller Auftritt, der nicht nur musikalisch, sondern auch optisch einen bleibenden Eindruck hinterließ. Manchmal braucht es eben ein bisschen Extravaganz, um einen ohnehin guten Konzertabend noch interessanter zu machen.
Rue Oberkampf: Wenn Wehmut plötzlich richtig lebendig wird
Den Höhepunkt bildeten schließlich Rue Oberkampf. Die Formation um Sängerin Julia de Jouy und Oliver Maier hat sich mit ihrer Mischung aus Darkwave, EBM, Techno und New Wave längst einen festen Platz in der elektronischen Szene erspielt. Mit ihrem neuen Album Wehmut, das erst wenige Tage zuvor erschienen war, hatten die beiden außerdem frisches Material im Gepäck.
In unserem Review zu „Wehmut“ hatten wir durchaus angemerkt, dass sich Rue Oberkampf auf der neuen Veröffentlichung deutlich zurücknehmen. Weniger treibende Beats, mehr Melancholie, mehr Atmosphäre – eine musikalische Neuausrichtung, die mich auf Albumlänge nicht durchgehend begeistern konnte. Live sah die Sache allerdings ein gutes Stück anders aus. Gerade in dieser monumentalen Industriehalle entfalteten die ruhigeren Stücke eine erstaunliche Intensität. Die atmosphärischen Synthesizerflächen, die melancholischen Melodien und vor allem Julia de Jouys eindringlicher Gesang kamen hier wunderbar zur Geltung. Plötzlich erhielten die zurückhaltenden Kompositionen eine zusätzliche Dimension, die auf der heimischen Anlage nicht immer in dieser Form spürbar wird.
Besonders gelungen war die Zusammenstellung des Programms. Rue Oberkampf kombinierten die neuen, ruhigeren Stücke ausgesprochen geschickt mit älterem, deutlich tanzbarerem Material. Dadurch entstand ein hervorragender Spannungsbogen zwischen melancholischer Zurückhaltung und kraftvoller elektronischer Energie. Die Band verstand es, das Tempo im richtigen Moment anzuziehen, ohne die besondere Atmosphäre der neuen Songs zu verlieren. Das wirkte professionell, durchdacht und vor allem unglaublich stimmig. Julia de Jouy überzeugte dabei einmal mehr mit einer großartigen stimmlichen Präsenz, während die elektronische Begleitung den passenden Rahmen lieferte. Die Lichtinszenierung und die außergewöhnliche Kulisse taten ihr Übriges. Hier passte einfach alles zusammen. Und als schließlich „Deine Augen“ als Zugabe erklang, war das der perfekte Schlusspunkt. Einer jener älteren Rue-Oberkampf-Songs, die unmittelbar zeigen, warum diese Formation live so hervorragend funktioniert. Treibend, emotional und mit genau jener Energie, die man sich von einem gelungenen Konzertfinale erhofft. Ein krönender Abschluss, der noch einmal sämtliche Qualitäten dieser Band auf den Punkt brachte.
Ein Abend, an dem wirklich alles stimmte
Was bleibt, ist die Erinnerung an einen außergewöhnlich gelungenen Konzertabend. Drei musikalisch unterschiedliche, aber perfekt zusammenpassende Acts, ein hervorragender Sound, eine eindrucksvolle Lichtshow und eine Location, die einem schon beim Betreten ein begeistertes „Wow!“ entlockt. Philipp Strobel begeisterte mit einem fantastischen DJ-Set, Tobias Bernstrup lieferte eine ebenso eigenwillige wie mitreißende Performance und Rue Oberkampf bewiesen eindrucksvoll, dass auch ihre ruhigeren neuen Songs live eine enorme Wirkung entfalten können. Und dann ist da natürlich noch das Bergson selbst. Diese unglaubliche Mischung aus roher Industriearchitektur, moderner Veranstaltungstechnik und gewaltigen Raumdimensionen macht das ehemalige Heizkraftwerk zu einem ganz besonderen Ort. Ich war jedenfalls schwer begeistert – von der Musik, von der Atmosphäre und vor allem von dieser wirklich spektakulären Halle.
Mein Fazit: Ein rundum fantastischer Abend, der noch lange in Erinnerung bleiben dürfte. Und eines steht fest: Das Bergson hat mich an diesem Freitag nicht zum letzten Mal gesehen. Wer hätte gedacht, dass man sich einmal derart in einen Betonbunker verlieben kann?
Bergson x Grey Scale: Ein Abend, der selbst Beton zum Beben brachte
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